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Münster im April 1945

Jugenderinnerungen Kriegsende

Von wize.life-Nutzer - Montag, 21.12.2015 - 14:02 Uhr

Januar bis Juni 1945

Die Frau am Arbeitsamt gab mir einen Zettel. Darauf stand eine Adresse.
"Auf dem Bauernhof kannst du dein Pflichtjahr beenden," erklärte sie mir.
In Kinderhaus traf ich Marie-Theres. "Ich habe mich als kaufmännischer Lehrling bei Schürmann & Brüggemann beworben."
"Schürmann & Brüggemann?"
"Ja, es ist eine Elektro-Großhandlung. In der Sandkuhle steht eine Baracke. Da hat die Firma sich nieder gelassen, nachdem sie an der Ludgeristraße ausgebombt wurde. Wenn du zum Bunker gehst, kommst du daran vorbei. Bewirb du dich doch auch."
Bei Fliegeralarm gingen Mutti und ich in den Erdbunker auf den Knapp, etwa zehn Minuten von unserer Wohnung entfernt. Meine Bewerbungsunterlagen nahm ich mit. Nach der Entwarnung auf dem Rückweg bewarb ich mich als Lehrling. Ein grau-grünes Soldatentaschentuch zierte meinen Kopf, und zwar so, dass die Spitze des Dreiecks sich über der Stirn befand , ebenso der Knoten. Ich fand mich chic.
Der Prokurist, Herr Buschkötter, nahm meine Bewerbung entgegen und las meine Zeugnisse.
"Hier ist noch das Zeugnis des Landjahrlagers," bemerkte ich.
Er schaute hinein, zeigte deutliches Desinteresse.
Ich war enttäuscht.

Mutti beförderte mich auf dem Gepäckträger ihres Fahrrades nach Nienberge zu dem Bauern Brinkmann, bei dem ich nun bis zum 31. März mein Pflichtjahr beenden sollte.
Sie radelte weiter nach Laer auf den Bauernhof zu Tante Änne. Sie war mit Helga im November 1944 bei einem Bombenangriff unter die Trümmer der Kaplanei geraten. Seitdem wohnte sie mit Irmgard und Helga bei Tante Änne.
Der Hof Brinkmann befand sich direkt hinter dem Ort, nicht weit von der Kirche entfernt.
Zu der Familie gehörten zwölf Kinder. Der Öhm saß fast blind stets hinter dem Ofen in der Stube, Die Füße auf einem Stövchen mit Holzglut. Ich erhielt ein Zimmer für mich allein. Obschon ich es gewohnt war, mich morgens von Kopf bis Fuß zu waschen, machte ich nun in der Küche an der Pumpe eine "Katzenwäsche" und putzt mir die Zähne. Die Hausfrau fragte mich verwundert: "Warum machst du das?" ----
Ich als tüchtige Landjahrabsolventin wollte mich daran machen, den Fußboden der großen Bauernküche, der mit "dickem Kniest" belegt war, zu säubern. "Das ist nicht nötig", sagte die Bäuerin.
Am 12. Juli 2005 erfuhr ich bei einer Führung durch das Kloster Gravenhorst bei Hörstel aus dem Jahre 1256, dass diese Schmutzansammlung in früheren Jahren üblich war. "Lass man liegen, tritt sich fest", kommt aus dieser Zeit. Später legte man eine Schicht Lehm darauf. Dadurch können Archäologen heute bei ihren Ausgrabungen allerlei finden.

Im Laufe des Morgens setzte sie einen großen Topf mit Möhren und Kartoffeln auf den Kohleherd. Das Essen kochte langsam vor sich hin. Mittags beim Essen: "Möchtest du auch ein Stücksken Speck?" "Nein, danke." Ich mochte den fetten Speck nicht,

Die Front rückte bedrohlich näher. Man hörte entferntes Grummeln. Ängstlich sagte ich eines Tages zu der Bäuerin: "Ich möchte zu meiner Familie nach Laer." "Wie willst du dahin kommen?" - Schulterzucken! - Frau Brinkmann gab mir ein altes Fahrrad. An einem regnerischen Tag zog ich meinen Kleppermantel an und machte mich auf den Weg. Über die Steinfurter Straße ging es über Nienberge, durch Altenberge bis zum Abzweig Nordwalde, links in die Bauernschaft Westenfeld, die ich kreuzte und in der Aabauernschaft Laer landete.
Unterwegs erschreckten mich mehrere von Tieffliegern erschossene Pferde am Straßenrand. Es waren die dicken Belgier mit aufgeblähten Bäuchen und hervorquellendem Gedärm. Mir war unbehaglich. Ich fuhr schnell daran vorbei.
Die Schutzbleche fehlten am Fahrrad. Von oben bis unten mit Schmutz bespritzt, kam ich in Laer an.

Wegen der näherkommenden Front wollte Mutti unsere Wohnung in Kinderhaus nicht allein lassen. Sie begab sich mit meinen Schwestern nach Hause.
Mir gefiel es gut bei den Hühnern, Kühen und Schweinen. "Ich bleibe hier. Ich will Bäuerin werden und suche mir hier eine Praktikantinnenstelle."

Wir sahen deutsche Soldaten müde an unserem Hof vorbeiziehen.
"Wohin wollt Ihr?" "Nach Hause."

Die Alliierten besetzten im April unsere Gegend. Mein Heimweh trieb mich nach Kinderhaus. Ich schloss mich einem älteren Ehepaar aus der Nachbarschaft an, das zu Fuß mit einem Bollerwagen über Schleichwege nach Hause reiste. Zivilisten durften die Straßen nicht benutzen.
Die Altenberger Straße überquerten wir schnell mit Blick nach links und rechts. In Hansell übernachteten wir bei einem freundlichen Bauern. Beim Anblick des Nachthemdes, das für mich ausgebreitet auf dem Federbett lag, fühlte ich mich geborgen. Nach zwei Tagen Fußmarsch kam ich in Kinderhaus an.
Ich war endlich wieder zu Hause.
Irgendwann im Mai stand Fräulein Lennartz, eine unsympathische Aushilfslehrerein, die Helga unterrichtet hatte und ihr mit dem Rohrstock den Rücken verhaute, an unserem Gartenzaun. Sie kratzte sich am Hinterteil und sagte zu uns: "Berlin soll ja schon gefallen sein " und "der Krieg ist wahrscheinlich aus." Ich begriff damals die Wirklichkeit nicht und machte mir keine Gedanken darüber und hatte auch keine Vorstellung , wie die Zukunft aussehen würde.

Das Arbeitsamt forderte mich auf, zu arbeiten. Ich verdingte mich für halbe Tage bei einer uns bekannten Familie im Haushalt. Das war nicht gerade das, was ich tun wollte. Doch ich fügte mich.

Die Nachricht, dass ich am 7. Juli 1945 meine Lehre antreten konnte, überraschte mich im Juni. Frau Schulz, meine Arbeitgeberin, jammerte und hielt mir vor:" Kein Mädchen will mehr im Haushalt arbeiten."
Ich hatte kein Mitleid mit ihr - meine Freude war zu groß.

Den Beruf der Bäuerin vergaß ich sofort.

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