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Kaufmännische Lehre 1945 im Elektro-Großhandel

Kaufmännische Lehre 1945 im Elektro-Großhandel

Von wize.life-Nutzer - Sonntag, 17.01.2016 - 15:00 Uhr

Schürmann und Brüggemann´s


neues Domizil war eine Baracke am Schiffahrter Damm 4, direkt an der Bahnlinie Münster-Warendorf gelegen. Hier trudelten Marie-Theres und ich am 7. Juli 1945 ein. Herr Buschkötter schickte Marie-Theres in die Verkaufsabteilung und mich in die Buchhaltung. Diese befand sich aber nicht in der Baracke, sondern in der Parterrewohnung eines Privathauses an der Gorch-Fock-Straße. In dem Haus gegenüber wohnte Herr Buschkötter, der Prokurist der Firma. Als allererstes durfte ich Rechnungskopien nach Nummern in einem Ordner abheften.
Im ersten Lehrjahr bestand meine Arbeit hauptsächlich aus Botengängen. Täglich ging ich gegen zehn Uhr zu Fuß in die Stadt. Mutti verbot mir, mein Fahrrad zu benutzen. "Wir müssen mit den Decken und Schläuchen sparsam umgehen. es gibt nichts zu kaufen", sagte sie. Die Warendorfer Straße war sehr lang. Ich ging über und durch die Trümmer des Prinzipalmarktes, um zu irgendwelchen Zielen zu kommen. In der "Bank der Deutschen Arbeit" im Haus gegenüber der Lambertikirche , gab ich Scheckeinreichungen und Ähnliches ab.
Mehrere Menschen standen mit mir vor der verschlossenen Tür, an der ein Zettel hing. Ich las die handschriftliche Mitteilung: "Diese Bank wurde durch die Militärregierung geschlossen." Um mich herum fragende Blicke und Schulterzucken.
Die Buchhalterin guckte mich später irritiert an.

Die Wasserversorgung in den beiden Häusern funktionierte noch nicht.
Eine weitere tägliche Aufgabe in meinem ersten Lehrjahr: Ich ging mit Eimern zum naheliegenden ausgelaufenen Dortmund-Ems-Kanal, schöpfte aus den noch vorhandenen Pfützen Wasser in die Eimer und entleerte diese in die Badewanne unserer Büroetage und der des Herrn Buschkötter. So sorgte ich für das Wasser unserer Toiletten.
Den Umzug der Buchhaltung im Herbst 1945 in die Baracke am Schiffahrter Damm machten wir Lehrlinge mit Handkarren. Wir hatten viel Spaß dabei.
Überhaupt vergnügten wir uns bei vielen Gelegenheiten. Die Firma beschäftigte zahlreiche Lehrlinge . In der Frühstücks-und Mittagspause trafen wir uns immer und machten Quatsch.
Im zweiten Lehrjahr schrieb ich im "Verkauf" die Rechnungen an unsere Kunden mit der Schreibmaschine und vier Fingern, Das Maschineneschreiben mit zehn Fingern lernte ich nie. Zwischendurch wurden wir Lehrlinge ins Lager abberufen, um Aufträge zusammen zu stellen. Auch das erledigten wir mit Begeisterung.
In die kaufmännische Berufsschule gingen wir erst ab 1946. Die Schule befand sich im Gebäude der Handels-Lehranstalt am Hansaring. Schulbücher und Hefte gab es nicht. Alles, was wir lernten, schrieben wir in unsere aus Schnellheftern und Papier hergestellten Hefte.

Am 1. Mai 1947 erlebte ich das erste Betriebsfest. Dieses feierten wir bei Brandhove in Telgte. Mit einem Lastwagen transportierte man uns dorthin. Es gab gutes Essen. Zu trinken "Vollbier" und "Balkenbrand", ein selbst gebrannter Schnaps. Marie-Theres kippte ein ganzes Glas hinunter. Sie stand neben dem Klavier und gab eine Gesangsnummer zum Besten: "In der Nacht ist des Mensch nicht gern alleine", Marie-Theres konnte singen wie Marika Rökk. Plötzlich brach sie zusammen. Die Männer legten sie auf ein Sofa in einem anderen Raum. Den Rest des Festes verschlief sie.
Ich verliebte mich an dem Tag in Rolf. Er tanzte den ganzen Abend nur mit mir und es begann meiner erste "große Liebe."
Das dritte Lehrjahr verbrachte ich in der Einkaufsabteilung. Rolf, schon Angestellter, zeigte mir alles. In den letzten Kriegstagen geriet er als Flakhelfer 16-jährig noch in die Kriegswirren. Durch eine schwere Verwundung am Kopf sah man neben dem rechten Auge an der Schläfe eine dicke rote Narbe. "Ich habe meinen Kopf zu weit rechts gehalten," scherzte er.
Herr Wiesmann, Deutschlands jüngster Ritterkreuzträger, hatte im Krieg ein Bein verloren: seinen Offiziers-Befehlston leider nicht. Herr Hegemann war der Abteilungsleiter, ein freundlicher ruhiger Mann. Sein Vater, der "alte Hegemann", saß nebenan. Er fand Mädchen nett. Ich glaube, er war KZ.-Häftling gewesen, denn er war voller Hass auf Gott und die Welt. Herr Hopmann teilte das Büro mit ihm. Der lockte uns Mädchen zu sich nach Hause. Seine Frau nähte dann unsere Kleider. Herr Kalthoff kam aus der Gefangenschaft und war sehr aufgekratzt. Er kam durch die Tür und grapschte von hinten mit beiden Händen meinen Busen. - Damals sagte man, die Moral der Anstand und die Sitten nach dem Krieg seien immer am Boden....
In dieser Abteilung sollte ich täglich im Winter im Kanonenofen Feuer machen. Der eiserne Ofen war klein und rund. Oben durch die Öffnung langte ich mit der Hand hinein, um die feine Asche vom Vortag zu entfernen. Wir heizten mit Holz, das wir aus herumliegenden Balken selbst zersägten. Um der Verstaubung für den Rest des Tages zu entgehen, hatte ich den Einfall, den Ofen vom Ofenrohr abzuklopfen, ihn draußen auf den Kopf zu stellen und ihn so täglich zu entleeren. Über diese Idee witzelten alle Kollegen.
Bei der Weihnachtsfeier am 22. Dezember 1947, die im Aasee-Restaurant stattfand, beteiligte ich mich an der Programmgestaltung.
Ein mir bekannter "Poet" dichtete etwas Weihnachtliches, das sich auf die damalige Zeit bezog:
Ich trug es vor:
In den kommenden Weihnachtsgen gedenken wir unserer Kinderzeit.
Wo wir nicht kannten Sorgen , Klagen, wo es nur gab Glückseligkeit,
Überall war Weihnachtssegen, und der Kindlein frommer Dank
Jauchzte dem Himmelskind entgegen und ihr Stammeln ward Gesang.
Das war Weihnacht, Kerzenschimmer, Fried und Freude über allen
dass wir es vergessen nimmer.
Doch der Menschen Wohlgefallen Fried und Freude sind entschwunden
Not und Leid durchbebt das Herz.
Immer wieder bittere Stunden, armes Volk in tiefstem Schmerz.
Lasst uns sorgen, lasst uns mühen, dass es wieder aufwärts geht.
Heimat, du sollst neu erblühen. Heimat, dir gilt mein Gebet.
Mög`der Güt´ge droben lenken manchen Sinn am Weltgescheh´n,
Endlich uns den Frieden schenken und uns bewahr`n vorm Untergeh`n.

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Nach meiner Kaufmannsgehilfenprüfung, die ich im Frühjahr 1948 vor der Industrie-und Handelskammer ablegte und bestand, übernahm die Firma mich nicht als Angestellte.
Ich musste gehen. Ich war sehr traurig.

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