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Zeppelinalarm

Zeppelinalarm

Von wize.life-Nutzer - Sonntag, 17.01.2016 - 07:48 Uhr

Zeppelinalarm

Mein großer Bruder war durch einen enormen Zufall auf der englischen Prinzenschule Gordonstown in Schottland zur Ausbildung gelandet, überlebte als Kadett auf der „Passat“ den schweren Taifun, während sein bester Freund auf dem Schwesternschulschiff , der „Pamir“, mit Mann und Maus unterging, war durch die Südsee und den Indischen Ozean gekreuzt und hatte viele Meere dieser Welt befahren. Als er das erste Mal wieder nach Hause kam, war aus dem Jungen ein Mann geworden.

Oh, was war ich stolz auf diesen großen Bruder, mit dem goldenen Stern und Streifen am Uniform ärmel und was bedeutete es damals für ein kleines Mädchen, als er Geschenke aus aller Herren Länder auspackte. Sein Seesack schien eine wahre Wundertüte zu sein.

Da gab es zwei ausgestopfte Krokodile, Kaimane und einen märchenhaften Pyjama und Kimono aus himmelblauer Seide, vorne mit großen goldenen Drachen bestickt und ebensolche niedliche Pantöffelchen mit weißem Pelz eingefasst. Das alles im passenden Geschenkköfferchen und mit Spieglein auch noch drinnen. Da gab es goldene Armbänder mit ägyptischen Pharaonen, Pyramiden und sonstigem Klimbim daran und da waren wohlriechende Kräuter und Gewürze. Ach, es war wie Weihnachten und Ostern an einem Tag und Geburtstag dazu. Auch der Koffer hatte noch etliches preisgegeben.

Der lag nun auf dem Kinderzimmertisch. Mich hatte man zum Ruhen dorthin geschickt, während die Erwachsen nach dem Essen noch beim Mokka, heute Espresso, saßen. Ja, da lag er nun. Groß und geheimnisvoll und ungeheuer anziehend.

Ob Dieter auch wirklich alle Geschenke ausgepackt hatte , keines vergessen? Ob ich nicht doch noch mal nachsehen sollte. Der war ja so riesig, da musste noch etwas drinnen sein und sicher würde Dieter dankbar sein, wenn ich ihm ein übersehenes Geschenk präsentieren würde. Wie von selbst waren meine Finger schon an den Schlössern. Vorsichtig tastete ich darinnen umher. Und wurde fündig.

Zwischen Wäsche und Socken steckte etwas. Ganz vorsichtig, um ja nichts zu zerknittern , zog ich es hervor und wäre beinahe in Jubel ausgebrochen. Ein herzallerliebstes Schächtelchen, nicht viel größer als meine Handfläche, dunkelblau mit Sternchen und einem niedlichen Pärchen obendrauf, lag auf meiner Hand. Wie wunderwunderschön die in fremden Welten Dinge machen konnten! Als ich es vorsichtig öffnete, stieg meine Bewunderung noch mehr. Da lagen lauter kleine Brieflein darinnen, hübsch aus Seidenpapier akkurat gefaltet. Ich war entzückt. Ob meine Vorliebe für jegliche Art an Papeterie-Waren wohl damals begründet wurde?

Natürlich war ich mir sicher, dass das in seiner Art und Schönheit für mich bestimmt war und wollte gerade das erste Briefchen vorsichtig öffnen , da klingelte es. Ein Nachbarbub holte mich zum Spielen und zwei weitere Kinder warteten vor der Tür. Schnell steckte ich alles in das Schürzentäschchen , um es draußen stolz zu präsentieren. Das war ein Ah! und Oh! und jeder durfte es einmal in die Hand nehmen und ausgiebig bewundern.

Dann steckten wir die Köpfe zusammen, während ich nun endlich das erste kleine Kuvert öffnete.

„Oh, ein Luftballon!!“- „Ein weißer!“ „Und schaut doch mal, Wie hübsch gerollt!!“ Unser Entzücken nahm kein Ende.

„Komm, blas doch mal auf!“ verlangte Gerdi. Aber damit hatte es so seine Schwierigkeiten. “Au, die haben gar nicht so´n Mundstück. Komm lass mich mal!“ meinte Moni.
Alle durften mal probieren, und ich erklärte weltmännisch, “die hat er sicherlich aus Afrika. Dort haben sie so große , breite Münder und so dicke Lippen.“

Endlich hatten wir´s geschafft. Mann, war das ein Aparillo, sicherlich einen Meter lang. Wenn man klein ist, sind alle Dinge viel größer. Also wir schätzten alle einen Meter, mindestens!

„Mensch, des is ja´n Zeppelin.!!“staunte Gerdi,. “Au, ich weiß was! Wir gehen jetzt zu uns rauf und lassen den vom Balkon in den Hof runter fliegen. Wie viele sind denn drinne?“ Er wohnte im 5. Stock und es waren zehn.

Oben schlichen wir flugs an seiner Mutter vorbei auf den Balkon. Dort stellten wir dann fest, dass alle anderen auch weiß, wie dieser geheimnisvolle "Fudjijaja," von dem Dieter erzählt hatte, waren. Und weiter erklärte ich, „ Das liegt an diesem Land. Bei denen ist weiß , wie bei uns rot. Die heiraten in Rot und statt Schwarz tragen sie Weiß, wenn sie jemanden beerdigen.“ was war ich stolz über mein Wissen!

Ja, es hat dann eine Weile gedauert , aber schließlich und endlich hatten wir sie alle aufgeblasen und flugbereit. Als der erste über die Brüstung ging, klingelte es Sturm und vom Hof schrie jemand nach Gerdi´s Mutter, worauf Fenster sich öffneten und Leute auf den Hof gerannt kamen . Für Gerdi´s Mutter war es zu spät, da kreisten schon alle zehn Zeppelins wunderschön überm Hof. Es war eine Pracht, wie sie ruhig ihre Kreise zogen. Und fast andächtig verfolgten wir ihren Flug.

Unten standen die Menschen, hatten die Gesichter nach oben gebeugt und verfolgten das Schauspiel und ich dachte bei mir, wie schön es erst von dort ausgesehen haben mag: all die weißen Zeppelins, wie Wölkchen vor dem blauen Sommerhimmel.

Allerdings war es etwas eigenartig: der Herr Sowieso schien sich die Haare zu raufen, Herr Trallala schien keine Luft zu bekommen,. Herr Dingsbums hatte die Hände ums Gesicht gelegt und sperrte dazwischen Mund und Nase auf,. während Herrn XY die Augen fast aus dem Gesicht quollen. Nur der junge Dingsbums hatte die Unterlippe eingezogen und hatte wohl Schwierigkeiten, sich das lachen zu verbeissen.

Die Frauen standen in Grüppchen, hielten die Köpfe etwas schief, schielten über dieSchultern schräg nach oben und kicherten , erst verschämt, wie kleine Schulmädchen, dann rückhaltlos und schadenfreudig

Wo, und wie meine Leute und ob überhaupt sie das Spektakel miterlebt hatten, weiß ich heute nicht mehr zu sagen, auch nicht, was aus den Zeppelins wurde. Allerdings sprach mein Bruder paar Tage nicht viel mit mir, aufgeklärt weshalb, hat er mich nie.

Nur, dass dies k e i n Geschenk für mich gewesen war....

8 Kommentare

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Oh je, dein armer Bruder hatte damals aber einen schlechten Tag.
lächel, das entzieht sich heute meiner Kenntnis
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Hihi, Kinder halt das hat Deine Familie bestimmt nicht so richtig erfreut Und Zeppeline sind einfach notwendig und sie fliegen so gut Schöne Geschichte Heide Marie
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Hallo Heide Marie, toll geschrieben und stand vielleicht auch noch Blausiegel drauf - das würd mich an meine Neugier in Papas Nachttischche erinnern und an eine verlegene Mama, die nicht wußte was sie sagen sollte und das kannte ich an meiner Mutter gar nicht
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herrlich geschrieben liebe Heide Marie
Danke Dir
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