Abschalten
AbschaltenFoto-Quelle: ©Martin Stauder

Abschalten

Beitrag von wize.life-Nutzer

Neulich bin ich durch das württembergische Land gefahren, an Günzburg vorbei und sah aus dem Zugfenster. Zwei fette weißgetünchte Türme ragten hinter Bäumen hervor, Qualm streckte sich zur Wolkendecke. Ein paar Wohnhäuser duckten verstört unter den Bäumen, sonst weites Grün bis zum Horizont. Zu Hause habe ich natürlich gegoogelt und weiß nun, was das für ein Atomkraftwerk war.

Alle reden sie vom Abschalten, der Fernseher ist voll davon, aber keiner sagt, wie das geht. Ich meine, ist da nun ein Knopf, auf dem einer draufdrückt und das Atomkraftwerk ist abgeschaltet? Die stellen da also jemanden ein, der nur auf einen Knopf aufpassen muss, damit niemand draufdrückt. Nur wenn die Merkel das will, darf er draufdrücken. Niemand anders, und weil dieser Beruf ein sehr ernster Beruf ist, der ständige Konzentration erfordert, darf er im Atomkraftwerk nicht lachen. Nach Dienstschluss kommt er aus dem Tore und kann immer noch nicht lachen. Alle, die im Atomkraftwerk arbeiten, haben das Lachen verlernt, denn wenn einer Mist baut, haben die den Mistgau.

Solche lachlosen Gestalten wollte ich mir unbedingt ansehen. So setzte ich mich Tags darauf in einen Zug. In Hagelstadt stieg eine gut aussehende Blondine ein. Warum die sich ausgerechnet mir schräg gegenüber hinsetzte und dort ihren Laptop aufklappte, ist mir ein Rätsel. Ihre Schönheit machte mich trotz ihrer Ohrhörerverkabelung verlegen. Scheu blickte ich oft hinüber, dann hob sie irgendwann ihre Augen, sodass mein Kopf mit gespielter Unschuld zum Fenster 'rüberdrehte, sich in der vorbeifliegenden Landschaft verlor. Mit einem unrasierten Bleichjeansträger redet die doch nie. Was soll ich machen, wenn die andauernd ihre blöden Ohrstöpsel drin hat. Als ich weiterhin aus dem Fenster döste, tauchten da unerwartet die Augen einer Frau auf. Im ersten Moment erschrak ich, als ich genauer hinsah, war ich beruhigt. In der Fensterscheibe spiegelte sich nur das Gesicht der Frau, die ihm gegenüber saß.* Ihre Augen wiegten mich in den Schlaf. Ich hörte noch eine innere Stimme brummen: „Können sie nicht ihren blöden Laptop abschalten?“ - Dann standen wir, du und ich, ganz allein vor Isar I, und waren glücklich, Hand in Hand, und ich ärgerte mich nicht mehr über meine Naivität, zu glauben, hier einen Abschalter antreffen zu können, denn der Herr müsste beruflich schon längst erledigt sein. Er hatte schon draufgedrückt. Heute an diesem herrlichen Sonnentag waren wir im Glück allein und sahen die Türme friedlich zum Himmel ragen. Sie schmiegte zärtlich ihre Backe an die meine und flüsterte: „Du, hast du mal ein Taschentuch für mich?“ Sie hatte mich tatsächlich angefasst, denn jäh aus dem Traum gerissen, bekam ich noch mit, wie sie meinen Arm losließ. Wachgerüttelt hat sie mich...“Was ist denn los?“ fragte ich verträumt und sah in ihr knuddeliges Knutschgesicht. Nicht zu fassen, sie hatte mich tatsächlich berührt. Das wäre mir, auch wenn ich immer noch ihre Backe an meiner Backe spürte, niemals im Traum eingefallen. Hand in Hand vor dem Atomkraftwerk. Sommerhitze. Ein unstillbares Verlangen überfiel mich. Ich konnte mich nicht mehr beherr...nein, das kannste nicht bringen, total bescheuert. Doch plötzlich, was für eine Freude, sie hat ja keine Stöpsel mehr in den Ohren. Ich muss wohl gelächelt haben, sie sah mich so lieblich an. Aus ihrem Honigmund floss ihre warme Stimme, die mich hoffnungslos weichkochte. „Entschuldigen sie, ich habe sie geweckt, tut mir wirklich Leid, aber, es ist mir wirklich peinlich, ich habe meine Taschentücher zu Hause liegen gelassen. Wissen sie, zu Hause habe ich nämlich noch meine Kopfhörer gesucht, musste dann schnell zum Bahnhof und habe vergessen, Taschentücher einzustecken. Und jetzt läuft meine Nase so fürchterlich, sie läuft, läuft und läuft.“ - „Laufen sie bitte nicht weg“, flog es aus meinem Mund, „sie sind ja so.. so,...äh“, dabei wühlte ich schon in meiner Hosentasche und zog eine Packung heraus. „Hier, nehmen sie bitte.“ Sie war hocherfreut und schneuzte sich. - „Hoffentlich haben sie nicht auch ihre Fahrkarte vergessen.“ Diese bezaubernde junge Dame erschrak so fürchterlich, dass es mir unendlich Leid tat. Verzweifelt wühlte sie in ihren Sachen. Irgendwie musste ich sie doch beruhigen. „Ich habe auch keine.“ - „Wie?“, erwiderte sie. - „Keine Fahrkarte“. Sie sah mich verstört an. Um sie bei Laune zu halten erklärte ich: „Auf dieser Strecke habe ich es oft erlebt, dass kein Schaffner vorbeigekommen ist.“ Da fing sie an zu kichern. Wir begannen, unbeschwert zu plaudern, und irgendwie war es so, als wären wir die besten Freunde. Sie schaltete sogar ihren Laptop aus und verbarg die Ohrenstöpsel in der Handtasche. In Landshut stieg ich nicht aus. Ich war der glücklichste Mensch auf Erden. Zufällig kam es ans Licht, dass sie wohl doch einen Freund hatte. Ich schob das aber in den Hinterkopf. So unterhielten wir uns bis München und amüsierten uns köstlich auf dem Bahnsteig, weil der Schaffner ausgeblieben war. Doch schließlich kam es so, sie verabschiedete sich schneller, als es mir lieb war, und verschwand im Bahnhofgetümmel. Eine Träne floss über die Backe, an die sie sich einmal gelehnt hatte.

Kursiv: * aus „Schneeland“ von Yasunari Kawabata
©Martin Stauder