Das Leben meistern... auf allzu kurzen Beinen

Beitrag von wize.life-Nutzer

Heute morgen war ich beim Zahnarzt.
Eine der wenigen barrierefreien Zahnarztpraxen unserer Stadt, zu dem ich auch mit unserem rollstuhlpflichtigen Sohn (12 Jahre) fahre.
Aber heute war ich allein.

Und wie ich so im Wartezimmer sitze kommen Mutter und Tochter hinein.
Die Mutter, geschätze Anfang/Mitte 70 Jahre alt, halbseitig komplett gelähmt, ging am Krückstoch.

Die Tochter, ca Mitte 40 Jahre alt, Zwergenwuchs, sicherlich keine 1,10 Meter groß, kam lustig plappernd herein und grüßte.
Als ich beobachtete, dass sie ihrer Mutter beim Ausziehen des Mantels behilflich sein wollte, aber nicht einmal an deren Schulter heranreichte, fragte ich, ob ich helfe könne.

Die kleine Person antwortete, dass das nicht nötig sei beim Ausziehen, dass das Ankleiden wesentlich problematischer sei.

Naschdem die Mutter sich gesetzt hatte, ging deren Tochter zunächst einmal zum Empfang, um einen Folgetermin zu vereinbaren.
Dann kam sie wieder zurück.
"Du kannst in keine andere Zahnarztpraxis, auch wenn Dr. Koch nicht mehr hier ist. Der hat sich inzwischen selbstständig gemacht, aber da kannst du nicht versorgt werden. DIESE Zahnarztpraxis ist die einzige, die Krankenhäusern angeschlossen ist. Du weißt, was das immer für Probleme bei all deinen Erkrankungen gibt," so plapperte sie auf ihre Mutter ein.

Ich horchte auf, weil selbiger Zahnarzt mir meine Frontzähne so schön gerichtet hatte und ich seinen Fortgang vor einem Jahr sehr bedauerlich fand.

Deswegen beobachtete ich die beiden genauer.
Zunächst dachte ich, die kleinwüchsige Person würde sich eines der Kinderstühlchen holen, die ihrer Körpergröße eigentlich gerecht geworden wäre.

Weit gefehlt!
Selbstbewusst hiefte sie sich auf einen Stuhl, schlug eines ihrer kurzen Beinchen unter und thronte erhaben auf dem Stuhl.

Dan ging die Unterhaltung zwischen Mutter und Tochter weiter.
Sie gaben sich auch keine Mühe leise zu reden, weshalb ich das Gespräch sehr gut mitverfolgen konnte.

Die Mutter nahm ihren Schal ab und warf ihn der Tochter herüber.
Diese beschwerte sich:
"Warum muss ich das immer alles tragen?? DUU kleidest dich an und ich darf das dann hinterher immer alles für dich schleppen."
(Dabei muss man das Bild vor Augen haben, dass der kleine Rucksack der jungen Frau schon fast über den Boden schliff, weil sie so klein war. Hinter dem Empfang konnte sie sich jedenfalls komplett verstecken).

Als die beiden besprachen, welche Haushaltstätigkeiten noch zu erledigen seien, meinte die Tochter zu ihrer Mutter:
"Wasche das dann, aber tue das nicht in den Trockner!!
Sonst kann ICH hinterher die Pullis von dir anziehen, weil sie so klein darin geworden sind!"

Nun konnte ich ein Lachen nicht mehr verkneifen und entschuldigte mich bei den beiden. Ich äußerte, dass ich ihre Unterhaltung einfach zu bezaubernd fand.

Danach unterhielten wir uns noch etwas über die Missstände barrierefreier Gebäude wie Restaurants oder Arztpraxen in unserer Stadt.

Als ich aufgerufen wurde, verabschiedete ich mich von den beiden mit einem Lächeln und wünschte ihnen alles Gute.

Für mich persönlich war das mal wieder ein Indiz, dass Behinderungen von den Behinderten selbst oftmals nicht als solche empfunden wird.
Die Behinderungen geschehen meistens durch die Gesunden.
Wie zum Beispiel durch die RANGE ROVER Fahrerin, die unberechtigter Weise dann auf dem Schwerbehindertenparkplatz in der Innenstadt stand, wohin ich nach meiner Behandlung noch gegangen war.
Zum Wochenmarkt...

In diesem Sinne wünsche ich allen Lesenden dieses meines kleinen Freitagserlebnisses mehr Toleranz, mehr Hilfsbereitschaft und öfters freundliche Worte ihrem Mitmenschen gegenüber.

(c) D. Kaiser