Spaziergang
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Spaziergang

Beitrag von wize.life-Nutzer

Friedhofsgedanken!


Heute war ich nach langer Zeit wieder mal auf einem Friedhof.
Unsere Siedlung hat nur einen kleinen Friedhof, meine Heimatstadt hat mehrere große Friedhöfe.
Da ich erst seit 12 Jahren in dieser Siedlung wohne waren mir alle dortigen Namen unbekannt.
Ich gehe gern auf Friedhöfen spazieren und denke über die Menschen und ihr Leben nach.
Im Verlaufe meiner damaligen Arbeit war ich oft den ganzen Tag oder auch Nacht dort und weiss die Ruhe dort zu schätzen. Es ist schon was besonderes auf einer dortigen Bank auszuruhen einem Nachtvogel zu lauschen und seinen Gedanken ungestört nachhängen zu können. Lustig ist es und etwas makaber auch, wenn man Nachts eilige Schritte derjenigen hört welche gedenken den Heimweg zu verkürzen und den Friedhof mit sehr gemischten Gefühlen durchqueren, gewahrt. Ich habe mal einen dieser eiligen Heimkehrer angesprochen und machte es seitdem auch nie wieder, aber das ist eine andere Geschichte.
Ich mag den morbiden Charme unserer Friedhöfe und die Ruhe einer Oase mitten in der Großstadt.
Ich gehe durch die Reihen, betrachte die Gräber und stelle mir vor was es für Menschen waren welche jetzt, aller Sorgen ledig, hier bestattet sind. Manchmal fällt mir ein Grab auf, auf welchem die Bepflanzung auserordentlich schön aussieht, manchmal das Gegenteil, wenn ich sehe, dass dieser, welcher dort ruht, anscheinend niemanden hat der sich um diese Stelle kümmert. Ist er/sie/es vergessen oder leben die Angehörigen nicht mehr? Und doch hat sich inmitten dieses Grabes eine Verbena ihren Platz gesucht und streckt mir ihre blauen Blüten entgegen als wollte sie mir zeigen das es auch hier, auf der letzten Ruhestätte eines Menschen, neues Leben gibt. In Gedanken gehe ich weiter und treffe auf ein Grabmal aus dem vorvorigen Jahrhundert. In goldenen Lettern steht dort der Name des Betreffenden, sein Stand, in diesem Falle ein Kaufmann und der Wunsch ihn nicht vergessen zu mögen. Was mögen sich seine Angehörigen dabei gedacht haben ihm ein solches Bauwerk zu errichten? Ich sehe einige Gräber auf denen der Name eines Sohnes steht, welcher im letzten Krieg gefallen ist und doch hier nicht begraben werden konnte, was mögen diese Eltern gedacht und gefühlt haben als sie die Nachricht vom Tod ihres Sohnes erhielten? Stolze Trauer wie man es in den damaligen Traueranzeigen in der Presse lesen konnte, oder empfanden sie einfach nur grenzenlosen Schmerz und verfluchten diejenigen welche es zu verantworten hatten? Ich weis es nicht, wende mich mit Trauer und gehe zur Abteilung Kriegsgräber der Sowjetarmee. Auch bei denen sehe ich viele Gräber von blutjungen Menschen welche manche keine 18 Jahre werden durften. Die Russen haben ja den Brauch die Gräber ihrer Verstorbenen mit einem Bild zu versehen und es ist doch noch berührender wenn man den Verstorbenen, zumal wenn er noch so jung ist, wie die, welche mich von den Steinen ansehen. Beim Verlassen dieses traurig-schönen Ortes sinne ich über meinen eigenen letzten Platz nach. Ich werde ja kein Grab haben denn meine Asche soll in den Fluss gestreut werden, welcher meine Heimatstadt durchquert und bei Barby in der Elbe mündet. Auf meiner letzten Reise komme ich vielleicht vorbei an den Ufern an welchen die Städte und Dörfer meines Mutterlandes malerisch gelegen und mir vielleicht sogar eine Glocke das Signal der letzten Reise einläutet, bevor sich dieser Strom in die Nordsee ergiesst.

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