Gemeinschaft im Grünen
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Leben auf Zypern: Der Traum von Privacy

Hans-Herbert Holzamer
Beitrag von Hans-Herbert Holzamer

Die Stille ist absolut. Nachdem der Wagen vor dem Clubhaus geparkt wurde, erwartet uns eine grüne Wand, in die Bougainvillea, Oleander und andere Sträucher ihre farbigen Akzente setzen. Den größeren Rahmen stecken Eichen, Zedern, Pinien, Platanen und Palmen ab. Ferne am Horizont liegt ruhig das Meer, das Rauschen ist hier in der Höhe über Paphos nicht mehr zu hören. Als wir durch die Tür in den Garten gehen, entdecken wir eine Gruppe, die einen Geburtstag feiert. Es sind alles Ältere, und in einem getrennten Raum übt eine in Stuhlreihen sitzende Gemeinschaft sakrale Lieder, die sie am Sonntag vortragen will. Hier in Kamares sind wir in einer der ältesten Urbanisationen der Insel. Sie ist ständig bewohnt, vor allem von Engländern, die ihre Lebensart mitgebracht haben. Viele von ihnen haben auf der Insel für die britischen Streitkräfte oder in der Verwaltung gedient.

Ein Leben ohne Hektik

Was haben die Engländer hier gesucht und gefunden? „Privacy“, lautet die Antwort, Privatsphäre. Ein Leben, wie sie es gewohnt waren, aber ohne Hektik. Es hat für sie funktioniert. Wer Eigentümer in Kamares ist, der ist auch Mitglied im Club, hat einen Pool zu seiner Verfügung, eine postalische Adresse, die Gastronomie – und die Ruhe. Zypern ist nicht billig, aber sicher, dass Familien plötzlich ihr Haus verwüstet oder besetzt vorfinden, ist undenkbar. 20 000 Briten leben dauerhaft auf der Insel.
Es sind auch einige Deutsche da, Prominente, die ebenfalls „privacy“ gesucht haben. Der Großteil von ihnen seit der Zeit vor der Krise. Wir finden sie in Urbanisationen mit hellenistischen Namen, Apollo etwa oder Adonis. Heute sind Deutsche die Ausnahmen unter den Neubürgern, Briten auch. Der Immobilienmarkt der viertgrößten Mittelmeerinsel ist ziemlich aus der europäischen Wahrnehmung verschwunden. Zypern habe seit der Finanzkrise ein schlechtes Image, hört man. Wenn dem so ist, dann zu Unrecht, denn die Krise, die in Zypern eine Bankenkrise war, wurde vorbildlich gelöst. Heute kommen Araber, Russen, vor allem aber viele Chinesen. Was können die mit Apollo und Adonis anfangen? Wenig. Natürlich, Sonne und Meer benötigen keine Bezüge zu Götterkindern. Die fast das ganze Jahr scheinende Sonne ist Zyperns bestes Verkaufselement. Wer sie in Peking oder Shanghai selten zu Gesicht bekommt, den dürfte ein einziger Tag hier überzeugen. Dann die seit der britischen Kolonialzeit funktionierende Verwaltung, die Zugehörigkeit zur Europäischen Union, die politische und wirtschaftliche Sicherheit. Dann lockt die Aussicht auf ein zyprisches Aufenthaltsrecht und die Reisemöglichkeit im gesamten Schengenraum. Auf Zypern bekommt das praktische Reisedokument der Käufer, der nachweisen kann, dass er ein Ehrenmann ist und 2 Millionen Euro mitbringt. Für eine Aufenthaltserlaubnis reichen 300 000 Euro. „Physisch in Zypern wohnen“ müssen Käufer und Familie nicht und die eigene Staatsbürgerschaft muss auch nicht abgegeben werden. Aber viele sorgen nicht nur vor, sondern packen gleich die Koffer. In der wunderschönen, oberhalb von Paphos mit Meerblick gelegenen Siedlung „Belvedere“ kann man chinesische Unterwäsche auf der Leine besichtigen. Die Familie sitzt vor der Tür, vielleicht kommt ja mal ein Nachbar vorbei.
Es herrscht, man glaubt es kaum, weil es keiner in Deutschland mehr auf dem Schirm hat, Bauboom auf der Insel. Überall wird geplant, entwickelt und gebaut. Nick Faldo hat einen Golfplatz realisiert, der als einer der besten Golfplätze der Welt gilt. Viele beklagen einen Ausverkauf der Natur, die Kritik ist verständlich. Kurz vor dem Naturschutzgebiet Akamas hat sich eine russische Firma ein Stück Land in Strandnähe geschnappt. Das Betreten der Luxus-Apartments für Fremde verboten.

Eine erneute Bau-Konjunktur

Als logische Konsequenz der wirtschaftlichen Erholung, 3,9 Prozent 2018 und 3,3 Prozent 2019 werden von der EU-Kommission erwartet, auch die Chancen im Tourismus sollen die Risiken übersteigen, wird die erneute Bau-Konjunktur gesehen. Dabei wird auch eine Rolle spielen, dass sich die Regierung in Nikosia durch ihre internationale Klientel eine wachsende Sicherheit gegenüber den Türken verspricht.
Warum die Deutschen und die übrigen Zentraleuropäer ausbleiben, ist eine Frage, die auch Michael Leptos der führende Häuslebauer Zyperns nicht beantworten kann. Am Geld kann es jedenfalls nicht liegen, der Kaufpreis liegt unter dem, was in Spanien aufgerufen wird, die Gebühren sind niedrig, und wer seine Rente nach Zypern schicken lässt, zahlt nur 5 Prozent Steuern. Eher liegt es wohl am Wissen von der Insel, das gering ist und am Image, unverständlicherweise schlecht ist. Nur ein Grund ist zu akzeptieren: Die Anbindung von Paphos an Deutschland ist unbefriedigend, und wer nach Larnaka fliegt, muss sich anschließend für weitere 90 Minuten ins Taxi setzen. Nach drei Stunden Flug ab München ist das im Vergleich mit Spanien nicht verlockend, und das bei höheren Preisen.
Für seine „Privacy“ mag man das in Kauf nehmen. Aber als Kaufimpuls genügt das nicht. In Spanien konnte man sich niederlassen und war doch nicht so weit weg. Man konnte sogar mit dem Auto fahren. Trotzdem kamen viele zurück, als die Sehnsucht nach einem deutschen Arzt und dem Schoß der Familie überhandnahmen. Zypern ist ein Stück weiter weg, der Umzug ist endgültiger. Trotzdem kaufen die meisten Investoren nicht eine Immobilie, sondern einen Traum. Dieser Traum mag ewige Jugend sein, aber er bleibt nicht. Mit Namen aus der hellenistischen Epoche wird versucht, einem Traum von einem Leben in Nachbarschaft der Aphrodite Gestalt zu geben. Diese stieg hier aus dem Meer und ihr Bad in der Nähe von Polis ist nicht weit. Es gibt die vorbildlich erschlossenen sogenannten Königsgräber von Nea Paphos aus der Zeit der Ptolemäer, es gibt den archäologischen Park aus römischer Zeit mit wunderschönen Bodenmosaiken. Es gibt die spätbyzantinische Kreuzkuppelkirche Agia Kyriaki mit der Säule, an welche Apostel Paulus gefesselt und wo er gegeißelt wurde. Und vermutlich ist das Schönste noch auszugraben. Aber ganz bestimmt hat in des Sommers Hitze kaum einer Lust, auf einen exploratorischen Fußmarsch zu gehen. So ist der USP, der einzigartige Wettbewerbsvorteil der Insel, noch nicht definiert und auch nicht der Stoff, aus dem Träume sind, wie Kap Sounion oder die Akropolis in Griechenland. Dabei ist er vorhanden, auch das Naturschutzgebiet Akamas oder das Troodosgebirge haben alles, um in den Träumen seiner Besucher eine Heimstatt zu finden.
Darüber sollen sich bitte Experten den Kopf zerbrechen. Viel schöner ist es, in einem Sessel des Kamares-Clubs, im Schatten einer Kiefer und umweht von einer Brise aus dem Troodosgebirge die Blüten des zyprischen Alpenveilchens oder einer Bougainvillea zu studieren, die bei uns – trotz Klimawandels – keine Chance hätten, den Winter zu überleben.

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