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15.  Emma am Telefon

15. Emma am Telefon

22.07.2018, 19:39 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Emma am Telefon

Freitag Abend.
Die Woche ist vorbei und ich zücke den Wohnungsschlüssel. Drei schwere Einkaufstaschen an der Hand.
Als ich vorsichtig die Türe öffne, steht jedoch kein Rico da, der sich schon, halb verhungert, auf den Rücken wirft, um seinen dicken Bauch gekrault zu bekommen.
Irritiert schließe ich die Tür, stecke den Schlüssel von innen ins Schloss und drehe ihn einmal herum.
Das habe ich bis vor kurzem noch nicht gemacht. Erst seit Emma, - als junge Frau, - die Wohnungstür einfach öffnet und wir schon eine ganz schöne Überraschung erlebt haben.
Den Schlüssel umdrehen kann das menschliche Avatar meiner geliebten kleinen grauen Katze jedoch nicht.

“Ich glaube, wir kriegen gleich Besuch”, - höre ich in diesem Moment die Stimme der jungen Frau hinter mir.
Ich zucke vor Schreck zusammen.
“Emma “, rufe ich laut aus und fahre herum. “Musst du mich so erschrecken? “
Die junge Frau erschrickt jetzt ebenfalls über meine laute Stimme.
“Entschuldige “, sagt sie leise.
Dann kommt sie zu mir und haucht mir einen Kuss auf die Wange.
Dabei schaut sie mich mit ihren wunderschönen Augen an.
“Aber ich wollte dich vorwarnen, falls es gleich klingelt “.
“Wie meinst du das? “, frage ich und gehe an ihr vorbei in die Küche, um die Einkäufe auszupacken.
Dabei werfe ich einen suchenden Blick in Wohn, - Schlaf und Gästezimmer.
Aber der Kater ist nicht zu sehen.

“Das Telefon hat den ganzen Tag geklingelt “, beginnt Emma zu erzählen. “Und eben, irgendwie hatte ich die Form gewandelt, da hab ich einfach den Hörer genommen und “Hallo” gesagt. “
Sprachlos sehe ich die junge Frau an.
Hatte ich richtig verstanden?
Leise frage ich: “Und, war jemand dran? “
Emma guckt mich an und ich sehe wieder dieses seltsame Schimmern in ihren Augen.
Nach meiner Erfahrung hat die junge Frau das immer dann, wenn irgend etwas vorgefallen ist, was ihr, sonst so unbekümmertes Wesen, stört.
“Es war wohl deine Tochter Nina “, flüstert Emma jetzt fast.
Und irgendwie trotzig fährt sie fort, “Und als sie gefragt hat, wer ich sei, hat sie mir nicht geglaubt, dass ich deine Nichte bin “.
Emma schweigt einen Moment.
Sie sieht mich an und wartet auf eine Antwort.
Wie so oft bringt die junge Frau mein Herz zum rasen und meinen Kopf, beziehungsweise das Gehirn, an eine Art Leistungsgrenze.
Die Gedanken beginnen zu rotieren.
Natürlich hat Nina nicht geglaubt, dass Emma meine Nichte ist.
Sie wäre schließlich somit ihre Cousine.
Und so wohl, dass es keine Cousine Emma gibt, als auch, dass die einzige, wirkliche Cousine, Monika, sich weder hier aufhalten, noch an das blöde Telefon gehen würde, machte die ganze Sache explosiv.

Mir wird fast übel vom Denken.
Wenn Emma die Uhr wüsste, könnte sie mir sagen wann Nina angerufen hat.
Quatsch, denke ich und greife nach dem Telefon. Mir fällt gerade ein, dass das Ding ja festhält, wann ein Anruf eingeht.
Ich gucke auf die Uhr.
Der Anruf war vor einer dreiviertel Stunde. Im Kopf überschlage ich die Zeit, die Nina braucht, um die kurze Strecke über die Autobahn, her zu fahren.
“Was hat Nina denn genau gesagt? “frage ich und versuche ganz ruhig zu wirken.
Das ist natürlich Unsinn.
Emma ist zwar in ihrer menschlichen Form, aber die Katzensinne sind hellwach. Und sie merkt meine Unruhe ganz genau.
“Sowas wie “, beginnt sie, “Bleib wo du bist. Ich komme jetzt um zu sehen, was du mit meiner Mutter gemacht hast “, vollendet die junge Frau den Satz.
Sie sieht jetzt ganz verschreckt aus.
Ich sehe sie an und muß lachen.
Das passt zu Nina. Und ich zweifle keinen Moment daran, dass sie schon im Auto sitzt. Festen willens, die Mutter zu retten, - oder wenigstens zu sehen, wer sich als ihre Cousine ausgibt.
Ich lache, bis mir die Tränen kommen.
Und weil sie schon mal da sind, nutze ich sie und lasse sie Übergangslos in ein Heulen und auch leichtes Schluchzen, gleiten.
Dann fasse ich mich, nehme die, etwas irritiert dreinschauende Emma, in den Arm und drücke sie an mich.
Und dann sage ich zu meiner eigenen Überraschung:”Wenn es gleich klingelt darfst du die Tür aufmachen.”
Emmas Augen werden groß und fragend.
“Du wirst gleich meine Tochter, aus deiner jetzt menschlichen Form heraus, kennenlernen,”erkläre ich und füge noch hinzu: ”Und bitte bleib eine Weile so “.
Größer können Augen nicht werden, denke ich bei einem Blick in das schöne Gesicht des menschlichen Avatars meiner Katze.
Ich gehe an die Tür und schließe sie auf, damit Emma gleich keine Probleme beim öffnen hat.
“Wir werden Nina sagen und wahrscheinlich auch zeigen müssen, wer du bist, Emma”.
Jetzt bin ich wirklich ruhig und gefasst.
Ich habe keine Angst vor diesem Schritt. Es war nur eine Frage der Zeit, wann jemand eingeweiht werden muss. Und eigentlich kann ich mir, für das erste mal dieser Art Offenbarung, keine coolere Person als Nina vorstellen. Auch ihre Schwester ist so, wenn auch vom Wesen her anders. Aber ich wusste, Nina würde weder einen hysterischen Anfall bekommen, noch in einen Schockzustand verfallen.
Aus den Augenwinkeln sehe ich den Kater unter dem Bett hervor starren. Mit weit aufgerissenen Augen.
Ein Gedanke schießt mir durch den Kopf.
“War Rico eben auch in seiner menschlichen Form? “frage ich.
“Ja, “antwortet Emma nickend und fügt recht aufgeregt hinzu “ Und wie der so schnell wieder zum Kater wurde, weiß ich nicht. Vielleicht aus Angst “.
Sie guckt mich wieder lieb an und sagt dann, “Ich freue mich auf Nina”.
Und wie auf ein Stichwort, wird Sturm geklingelt.
Da wir beide ja bereits an der Tür stehen, bilden wir ein Team und während ich den Haustür Summer betätige, drückt Emma die Türklinke runter und öffnet.
Und dann stehen wir drei uns gegenüber.
Naja, Emma hat sich sehr dicht an mich gestellt und wirkt gar nicht mehr so selbstsicher.
Aber das kenne ich ja.
Und so, wie Nina die Haustür aufschmeisst und die kurzen Meter zur Wohnung zurücklegt, wäre ich fast auch eingeschüchtert.
Mit ihren über 1,75 Metern, den langen roten Haaren und, ja, auch den hohen Stiefeln, wirkt sie extrem energisch.
Und so mache ich einen Schritt auf sie zu, um ihre Fahrt zu bremsen, nehme sie in die Arme und sage dann, mit einem Blick auf Emma, “Nina das ist Emma. Die menschliche Emma.
Bleib ruhig, komm rein und atme erstmal tief durch. Ich werde dir all deine Fragen beantworten die du gleich hast. Aber jetzt erstmal ganz ruhig “.
Absolute Stille.
Nina hört mir zu und sieht immer wieder zu Emma. Und dann wieder zu mir.
Ich hatte sie ins Wohnzimmer geschoben und wir saßen alle drei auf der Couch. Aber meine jüngste Tochter bleibt so cool, wie ich es gehofft habe. Nach einer Weile sagt sie nur “Echt jetzt? “
Emma und ich nicken gleichzeitig.
Und dann erzähle ich den Rest der ganzen Geschichte.
Dabei lasse ich auch vorsichtig einfließen, dass beide Katzen in dieser Wohnung, menschliche Avatare haben und Nina reißt die Augen auf.
Doch es kommt nur wieder “Echt jetzt?”
Gefolgt von einem langgezogenen “Cool”
Als ich fertig erzählt habe, fasst sich Emma ein Herz, steht auf und geht zu Nina. Sie setzt sich zu ihr und greift nach ihrer Hand. Dann sagt sie, “Hallo Nina, schön dass du da bist”.
Und Nina drückt kurz Emmas Hand und antwortet kurz und knapp, “Jepp, finde ich auch”.
Dann steht sie auf, geht auf den Balkon und steckt sich erstmal eine Zigarette an. Emma folgt ihr, bleibt aber in der Türe stehen.
Zigarettenqualm mag sie natürlich auch in dieser Form nicht.

Die beiden werden sich verstehen, - denke ich und gehe aus dem Wohnzimmer um Kaffee aufzusetzen.
Nina ist auch ein Kaffee Mensch und ich glaube, sie hat jetzt wohl nichts dagegen. Außerdem will ich nach Rico sehen und ihm Futter geben.
Auch wenn ich befürchte, daß er jetzt nichts frisst.
Als ich später mit zwei dampfenden Tassen Kaffee zurück ins Wohnzimmer komme, finde ich eine sehr stille Nina, auf der Couch sitzend, vor.
Und auf ihrem Schoß hat sich die kleine graue Katze zusammengerollt.
Leise schnurrend lässt sie sich von Nina das seidige Fell streicheln.
Meine Tochter guckt recht gefasst.
Und da ich weiß, wie es ist, dass erste mal zu sehen, wie sich die Avatare der Katzen, in ihre tierische Form wandeln, stelle ich den Kaffee auf den Tisch, setze mich zu ihr und lege einfach den Arm um ihre Schulter.

Mehr muss nicht gesagt werden und so sitzen wir schweigend da.
Nina in Gedanken an das, was sie jetzt zu verarbeiten hat und ich einfach nur dankbar in dem Wissen, jetzt jemanden zu haben, mit dem ich über Emma und Rico sprechen kann.
Allerdings muß ich noch jemanden einweihen.
Meine liebe Kattensitterin.
Aber das wird eine andere Geschichte werden und für jetzt soll es erstmal genug sein.

4 Kommentare

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wunderschön, ich stell mir das gerade mit meinem Wuffi vor
  • 22.07.2018, 20:11 Uhr
Schön das sie dir gefällt. Hoffe alle anderen auch.
Liebe Grüße aus Lüdenscheid.
Kirstin
  • 22.07.2018, 20:28 Uhr
Hab gerade ein wenig gestöbert, ist ja eine längere Geschichte, was ich so angelesen habe.
Ich entdecke hier immer wieder Perlen. Deine Geschichte gehört für mich dazu. Merci vielmals und einen schönen Tagesausklang
  • 22.07.2018, 20:39 Uhr
Dankeschön ebenso
  • 22.07.2018, 21:09 Uhr
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