Der Bär
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Der Bär

Beitrag von wize.life-Nutzer

Der riesengroße Braunbär saß zitternd an der Straße . Es war schon spät und recht kalt war es auch . Er zitterte ein wenig , aber mehr wegen der inneren Kälte , die sich langsam in ihm ausbreitete . Seine großen Augen leuchteten bei jedem vorüberfahrenden Auto auf . Doch keins der Autos hielt an . Die Menschen hatten keine Augen für den alten abgewetzten Riesenbär . Das stimmte ihn traurig .
Er erinnerte sich noch gut an den Tag , an dem er das erste Mal ganz stürmisch umarmt worden war .
Wie jeden Tag , hatte er in seinem Regal in dem großen Wagen gesessen , der von Kirmes zu Kirmes fuhr . Jeden Morgen zur gleichen Zeit , wurde die große Klappe geöffnet und der Bär sah die Sonne . Dann kamen die Menschen . Erst wenige , dann immer mehr . Der graue Piet rief laut : „Lose , Leute , kauft Lose !“ Aber die Menschen gingen weiter . Piet rief immer wieder , zunächst lauter , dann immer leiser . Seine Stimme war auch grau geworden , mit den Jahren .
Dann näherte sich eine Familie dem Wagen . Der Bär sah ein kleines Mädchen mit großen Augen und einem lustigen Pferdeschwanz , der bei jedem ihrer kleinen Hüpfer lustig hin – und herschwang . Das gefiel dem Bären und er beobachtete das kleine Mädchen ganz genau . Er zwinkerte ihr sogar zu , was er eigentlich sonst nie tat . Und das Mädchen sah das Zwinkern und blieb stehen .
“ Papa , kann ich den großen Bär haben ? “ fragte sie ihren Vater . Der Vater lachte und sagte : “ Lenaschatz , der Bär ist doch viel größer als du . Den kannst du nicht haben , weil du ihn gar nicht tragen kannst . “
„Aber er hat mir zugezwinkert . Er möchte ganz dringend mit zu uns nach Hause , da bin ich mir sicher . Schau doch mal seine Augen , die sind ganz traurig . Der sitzt bestimmt schon gaaanz lange in dem ollen Regal . Och , Papa … “
Und der graue Piet rief mit zitternder Stimme : “ Lose , kauft Lose ! Heute letzter Tag , darum zum Sonderpreis : 6 Lose für 3 Euronen . Na , will die kleine Lady heute mal ihr Glück versuchen ? “
„Ach bitte , Papa . Kauf mir Lose , ich gewinne ganz bestimmt !“ bettelte Lena . Der Bär beobachtete Lena und zwinkerte ihr nochmal zu . Er war jetzt ganz schön aufgeregt . Die kleine Lena gefiel ihm , mit ihr würde er wirklich gern nach Hause gehen , er würde sich für sie auch ganz leicht machen , nahm er sich vor .
„Ach , Lena , du weißt doch , daß wir nicht so viel Geld haben . Das können wir doch nicht für Lose ausgeben . Dann können wir keine Pommes mehr kaufen . Sieh mal da drüben , da ist ein Pommesstand , da gehen wir jetzt hin.“sagte der Vater und nahm Lena an die Hand . Aber Lena zog ihre kleine Hand aus der großen Hand ihres Vaters und versteckte sie hinter ihrem Rücken .
„Biiiitte , Papa . Ich hab auch gar keinen Hunger . Ich möchte nur den Bär .“ sagte sie und sah ihren Vater flehentlich an . Der Vater sah hilfesuchend zur Mutter , aber die seufzte nur und sagte : “ Ja , wenn das so ist … dann gehen wir nicht zur Pommesbude . Du darfst dir 6 Lose aussuchen . Aber wenn du nicht gewinnst , dann hast du auch die Pommes verspielt . Möchtest du das ?“
„Oh ja !“ rief Lena und hüpfte vor Freude schon wieder herum . Der Vater ging zum alten Piet und gab ihm das Geld . Daraufhin bückte sich Piet zu Lena herunter und hielt ihr seinen Eimer mit Losen hin .
„Triff deine Wahl , kleine Lady. Du hast 6 Versuche .“
Und Lena traf ihre Wahl . Sie schaute in den Eimer und zog ganz vorsichtig 6 Lose heraus , die sie ihrem Vater in die Hand gab . Und dann öffnete sie ein Los nach dem anderen . Das erste war eine Niete . Lena ließ es fallen und nahm das nächste Los . Auch das war eine Niete . Lenas Mundwinkel verzogen sich nach unten , das Los flatterte zu Boden . Der Bär hielt vor lauter Spannung die Luft an . Lena öffnete mit zittrigen Fingern das dritte Los – auch eine Niete . Sie sah den alten Piet vorwurfsvoll an . Der zuckte mit den Schultern und richtete seinen Blick gen Himmel .
Lena öffnete das vierte Los und gab es ihrer Mutter . Sie traute sich nicht hinzusehen . Die Mutter schüttelte den Kopf und wies auf das fünfte Los . Lena nahm es ganz vorsichtig in die Hand und löste die kleine Banderole . Aber sie öffnete das Los nicht . Sie schaute sehnsuchtsvoll zu dem großen Bären hinauf und er sah sehnsuchtsvoll zu ihr herunter . „Nun mach es auf , Lena “ sagte der Vater . Aber Lena traute sich nicht . Sie gab ihrem Vater das Los . Er rollte es skeptisch auseinander und schüttelte dann ebenfalls den Kopf . Lena kullerte eine Träne über die Wange . Sie nahm das letzte Los und löste die Banderole . Die Eltern sahen sich an und machten sich auf das große Weinen gefaßt , das unvermeidbar einsetzen würde , wenn der Traum von Lena platzte . Lena rollte das Los auseinander und ließ es vor lauter Aufregung fallen . Der Bär fiel vor Schreck von seinem Regal herunter . Der alte Piet hob das Los schließlich auf und rief laut : “ Hauptgewinn ! Kleine Lady , du darfst dir etwas aussuchen . Na , was hättest du denn gern ?“
Lena wischte sich schnell über die Augen und sagte : “ Den großen Bär , den möchte ich haben . Aber ich seh ihn gar nicht mehr . “ Und sie schaute sich suchend um . Piet lachte und sagte : “ Der Bär ist schon vom Regal gestiegen , er freut sich so .“ Und dann bückte er sich und hob den Bären hoch . Lena streckte ihre kleinen Arme aus und dann hatte sie „ihren“ Bären . Der Bär war wirklich größer , als Lena , aber das machte ihr gar nichts aus . Sie drückte ihn an ihr Herz und sagte : „Jetzt können wir nach Hause gehen . Der Bär kommt mit .“
Und der Bär machte sich wirklich ganz leicht , damit Lena nicht so schwer tragen mußte . Aber nach einer Weile schaffte sie es trotzdem nicht mehr . Sie hievte den Bären über ihren Kopf , aber ihre Arme wurden bald lahm . Dann klemmte sie ihn unter den linken Arm , aber sein Bein schleifte über den Boden . Sie versuchte es mit dem rechten Arm , aber auch das passte nicht. Schließlich erbarmte sich der Vater und hob den Bären hoch . Im Ato bekam der Bär den Platz neben Lena auf der Rückbank und angeschnallt mußte er auch werden . Lena lächelte seelig und schlief während der Heimfahrt ein. Der Bär schlief nicht , dazu war er viel zu aufgeregt .
Zu Hause angekommen , trug der Vater Lena ins Haus und die Mutter den Bären . Sie brachten beide in Lenas Zimmer und legten Lena ins Bett . Lena wurde kurz nochmal wach und murmelte : „Bär“ . Die Mutter setzte den Bären am Fußende des Bettes ab und hier schlief auch er dann ein .

Es folgten viele schöne Jahre , die Lena und der Bär gemeinsam verbrachten .
Lena wurde ein Schulkind und der Bär wartete geduldig jeden Tag , bis sie wieder nach Hause kam . Dann erzählte sie ihm von ihrem Schultag und was sie alles schon gelernt hatte . Der Bär war stolz auf Lena .
Lena wurde ein Teenager und traf sich häufig mit Freunden . Abends kuschelte sie sich an ihren Bären und erzählte ihm von ihren Erlebnissen . Er hörte ihr zu und war froh , daß sie da war .
Dann begann Lena eine Ausbildung und war noch seltener zu Hause . Der Bär war ein wenig traurig darüber , aber Lena war ja jetzt ein großes Mädchen und brauchte ihren Bären nicht mehr so sehr , das verstand er .
Und dann kam der Tag , an dem Lena aus ihrem Elternhaus auszog . Sie war jetzt eine junge Dame , die ihr eigenes Geld verdiente , und hatte sich eine Wohnung eingerichtet . Die Wohnung war recht klein und darum konnte der Bär nicht mit . Traurig blieb er auf Lenas Bett zurück .
Lena kam an den Wochenenden nach Hause , da freute sich der Bär . Aber er wußte auch , daß sie ihn nicht mehr so brauchte . Und er war oft ganz traurig , wenn sie die ganze Woche nicht da war .
Und die Besuche zu Hause wurden auch seltener , Lena hatte einen Lebensgefährten gefunden und gründete ihre eigene Familie .
Der Bär saß viele Jahre allein in Lenas Zimmer . Immer hoffte er , sie käme ihn besuchen . Aber sie hatte ihn wohl vergessen .
Die Eltern wollten das Zimmer anders nutzen und räumten den Bär in den Keller . Da war es dunkel und ganz furchtbar langweilig war es auch . Der Bär döste endlos vor sich hin … bis zu dem Tag , als die Eltern beschlossen , den Bär auf die Straße zu setzen . Er nahm nur sinnlos Platz im Keller weg , sie schoben ihn endlos hin und her und dann sagten sie , er könne weg .

Und nun saß er hier und keiner beachtete ihn . Die Lichter der Straßenlaternen gingen an , die Autos machten ihre Lampen an . Menschen gingen hastig an ihm vorüber . Und ihm wurde kälter ums Herz .
Er schaute die Straße hinauf und sah eine Familie näher kommen . Zwischen dem Vater und der Mutter hüpfte ein kleines Mädchen . Das Mädchen hatte einen lustigen Pferdeschwanz . Der Bär versuchte , sich möglichst vorteilhaft hinzusetzen , er sah dem Mädchen in die Augen . Und als sie nahe genug herangekommen war , zwinkerte er mit den Augen . Das Mädchen blieb stehen .

© Jule Wech

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