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Der Bär

Der Bär

12.09.2018, 00:31 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Der riesengroße Braunbär saß zitternd an der Straße . Es war schon spät und recht kalt war es auch . Er zitterte ein wenig , aber mehr wegen der inneren Kälte , die sich langsam in ihm ausbreitete . Seine großen Augen leuchteten bei jedem vorüberfahrenden Auto auf . Doch keins der Autos hielt an . Die Menschen hatten keine Augen für den alten abgewetzten Riesenbär . Das stimmte ihn traurig .
Er erinnerte sich noch gut an den Tag , an dem er das erste Mal ganz stürmisch umarmt worden war .
Wie jeden Tag , hatte er in seinem Regal in dem großen Wagen gesessen , der von Kirmes zu Kirmes fuhr . Jeden Morgen zur gleichen Zeit , wurde die große Klappe geöffnet und der Bär sah die Sonne . Dann kamen die Menschen . Erst wenige , dann immer mehr . Der graue Piet rief laut : „Lose , Leute , kauft Lose !“ Aber die Menschen gingen weiter . Piet rief immer wieder , zunächst lauter , dann immer leiser . Seine Stimme war auch grau geworden , mit den Jahren .
Dann näherte sich eine Familie dem Wagen . Der Bär sah ein kleines Mädchen mit großen Augen und einem lustigen Pferdeschwanz , der bei jedem ihrer kleinen Hüpfer lustig hin – und herschwang . Das gefiel dem Bären und er beobachtete das kleine Mädchen ganz genau . Er zwinkerte ihr sogar zu , was er eigentlich sonst nie tat . Und das Mädchen sah das Zwinkern und blieb stehen .
“ Papa , kann ich den großen Bär haben ? “ fragte sie ihren Vater . Der Vater lachte und sagte : “ Lenaschatz , der Bär ist doch viel größer als du . Den kannst du nicht haben , weil du ihn gar nicht tragen kannst . “
„Aber er hat mir zugezwinkert . Er möchte ganz dringend mit zu uns nach Hause , da bin ich mir sicher . Schau doch mal seine Augen , die sind ganz traurig . Der sitzt bestimmt schon gaaanz lange in dem ollen Regal . Och , Papa … “
Und der graue Piet rief mit zitternder Stimme : “ Lose , kauft Lose ! Heute letzter Tag , darum zum Sonderpreis : 6 Lose für 3 Euronen . Na , will die kleine Lady heute mal ihr Glück versuchen ? “
„Ach bitte , Papa . Kauf mir Lose , ich gewinne ganz bestimmt !“ bettelte Lena . Der Bär beobachtete Lena und zwinkerte ihr nochmal zu . Er war jetzt ganz schön aufgeregt . Die kleine Lena gefiel ihm , mit ihr würde er wirklich gern nach Hause gehen , er würde sich für sie auch ganz leicht machen , nahm er sich vor .
„Ach , Lena , du weißt doch , daß wir nicht so viel Geld haben . Das können wir doch nicht für Lose ausgeben . Dann können wir keine Pommes mehr kaufen . Sieh mal da drüben , da ist ein Pommesstand , da gehen wir jetzt hin.“sagte der Vater und nahm Lena an die Hand . Aber Lena zog ihre kleine Hand aus der großen Hand ihres Vaters und versteckte sie hinter ihrem Rücken .
„Biiiitte , Papa . Ich hab auch gar keinen Hunger . Ich möchte nur den Bär .“ sagte sie und sah ihren Vater flehentlich an . Der Vater sah hilfesuchend zur Mutter , aber die seufzte nur und sagte : “ Ja , wenn das so ist … dann gehen wir nicht zur Pommesbude . Du darfst dir 6 Lose aussuchen . Aber wenn du nicht gewinnst , dann hast du auch die Pommes verspielt . Möchtest du das ?“
„Oh ja !“ rief Lena und hüpfte vor Freude schon wieder herum . Der Vater ging zum alten Piet und gab ihm das Geld . Daraufhin bückte sich Piet zu Lena herunter und hielt ihr seinen Eimer mit Losen hin .
„Triff deine Wahl , kleine Lady. Du hast 6 Versuche .“
Und Lena traf ihre Wahl . Sie schaute in den Eimer und zog ganz vorsichtig 6 Lose heraus , die sie ihrem Vater in die Hand gab . Und dann öffnete sie ein Los nach dem anderen . Das erste war eine Niete . Lena ließ es fallen und nahm das nächste Los . Auch das war eine Niete . Lenas Mundwinkel verzogen sich nach unten , das Los flatterte zu Boden . Der Bär hielt vor lauter Spannung die Luft an . Lena öffnete mit zittrigen Fingern das dritte Los – auch eine Niete . Sie sah den alten Piet vorwurfsvoll an . Der zuckte mit den Schultern und richtete seinen Blick gen Himmel .
Lena öffnete das vierte Los und gab es ihrer Mutter . Sie traute sich nicht hinzusehen . Die Mutter schüttelte den Kopf und wies auf das fünfte Los . Lena nahm es ganz vorsichtig in die Hand und löste die kleine Banderole . Aber sie öffnete das Los nicht . Sie schaute sehnsuchtsvoll zu dem großen Bären hinauf und er sah sehnsuchtsvoll zu ihr herunter . „Nun mach es auf , Lena “ sagte der Vater . Aber Lena traute sich nicht . Sie gab ihrem Vater das Los . Er rollte es skeptisch auseinander und schüttelte dann ebenfalls den Kopf . Lena kullerte eine Träne über die Wange . Sie nahm das letzte Los und löste die Banderole . Die Eltern sahen sich an und machten sich auf das große Weinen gefaßt , das unvermeidbar einsetzen würde , wenn der Traum von Lena platzte . Lena rollte das Los auseinander und ließ es vor lauter Aufregung fallen . Der Bär fiel vor Schreck von seinem Regal herunter . Der alte Piet hob das Los schließlich auf und rief laut : “ Hauptgewinn ! Kleine Lady , du darfst dir etwas aussuchen . Na , was hättest du denn gern ?“
Lena wischte sich schnell über die Augen und sagte : “ Den großen Bär , den möchte ich haben . Aber ich seh ihn gar nicht mehr . “ Und sie schaute sich suchend um . Piet lachte und sagte : “ Der Bär ist schon vom Regal gestiegen , er freut sich so .“ Und dann bückte er sich und hob den Bären hoch . Lena streckte ihre kleinen Arme aus und dann hatte sie „ihren“ Bären . Der Bär war wirklich größer , als Lena , aber das machte ihr gar nichts aus . Sie drückte ihn an ihr Herz und sagte : „Jetzt können wir nach Hause gehen . Der Bär kommt mit .“
Und der Bär machte sich wirklich ganz leicht , damit Lena nicht so schwer tragen mußte . Aber nach einer Weile schaffte sie es trotzdem nicht mehr . Sie hievte den Bären über ihren Kopf , aber ihre Arme wurden bald lahm . Dann klemmte sie ihn unter den linken Arm , aber sein Bein schleifte über den Boden . Sie versuchte es mit dem rechten Arm , aber auch das passte nicht. Schließlich erbarmte sich der Vater und hob den Bären hoch . Im Ato bekam der Bär den Platz neben Lena auf der Rückbank und angeschnallt mußte er auch werden . Lena lächelte seelig und schlief während der Heimfahrt ein. Der Bär schlief nicht , dazu war er viel zu aufgeregt .
Zu Hause angekommen , trug der Vater Lena ins Haus und die Mutter den Bären . Sie brachten beide in Lenas Zimmer und legten Lena ins Bett . Lena wurde kurz nochmal wach und murmelte : „Bär“ . Die Mutter setzte den Bären am Fußende des Bettes ab und hier schlief auch er dann ein .

Es folgten viele schöne Jahre , die Lena und der Bär gemeinsam verbrachten .
Lena wurde ein Schulkind und der Bär wartete geduldig jeden Tag , bis sie wieder nach Hause kam . Dann erzählte sie ihm von ihrem Schultag und was sie alles schon gelernt hatte . Der Bär war stolz auf Lena .
Lena wurde ein Teenager und traf sich häufig mit Freunden . Abends kuschelte sie sich an ihren Bären und erzählte ihm von ihren Erlebnissen . Er hörte ihr zu und war froh , daß sie da war .
Dann begann Lena eine Ausbildung und war noch seltener zu Hause . Der Bär war ein wenig traurig darüber , aber Lena war ja jetzt ein großes Mädchen und brauchte ihren Bären nicht mehr so sehr , das verstand er .
Und dann kam der Tag , an dem Lena aus ihrem Elternhaus auszog . Sie war jetzt eine junge Dame , die ihr eigenes Geld verdiente , und hatte sich eine Wohnung eingerichtet . Die Wohnung war recht klein und darum konnte der Bär nicht mit . Traurig blieb er auf Lenas Bett zurück .
Lena kam an den Wochenenden nach Hause , da freute sich der Bär . Aber er wußte auch , daß sie ihn nicht mehr so brauchte . Und er war oft ganz traurig , wenn sie die ganze Woche nicht da war .
Und die Besuche zu Hause wurden auch seltener , Lena hatte einen Lebensgefährten gefunden und gründete ihre eigene Familie .
Der Bär saß viele Jahre allein in Lenas Zimmer . Immer hoffte er , sie käme ihn besuchen . Aber sie hatte ihn wohl vergessen .
Die Eltern wollten das Zimmer anders nutzen und räumten den Bär in den Keller . Da war es dunkel und ganz furchtbar langweilig war es auch . Der Bär döste endlos vor sich hin … bis zu dem Tag , als die Eltern beschlossen , den Bär auf die Straße zu setzen . Er nahm nur sinnlos Platz im Keller weg , sie schoben ihn endlos hin und her und dann sagten sie , er könne weg .

Und nun saß er hier und keiner beachtete ihn . Die Lichter der Straßenlaternen gingen an , die Autos machten ihre Lampen an . Menschen gingen hastig an ihm vorüber . Und ihm wurde kälter ums Herz .
Er schaute die Straße hinauf und sah eine Familie näher kommen . Zwischen dem Vater und der Mutter hüpfte ein kleines Mädchen . Das Mädchen hatte einen lustigen Pferdeschwanz . Der Bär versuchte , sich möglichst vorteilhaft hinzusetzen , er sah dem Mädchen in die Augen . Und als sie nahe genug herangekommen war , zwinkerte er mit den Augen . Das Mädchen blieb stehen .

© Jule Wech

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11 Kommentare

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Liebe Jule, mir gefällt deine Teddybären-Geschichte auch sehr. Dankeschön
Vor Jahren schrieb ich auch mal eine. Vielleicht setze ich sie vor Weihnachten hier mal ein.
Liebe Grüße
  • 13.09.2018, 10:53 Uhr
Ja , mach das mal , da freu ich mich schon drauf
  • 13.09.2018, 20:10 Uhr
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Eine wunderschöne Geschichte Jule. So in der Art ist es mir auf der Kirmes wie der kleinen Lena ergangen. Danke für diese Geschichte
  • 12.09.2018, 22:37 Uhr
Ich glaube, das haben wir alle mehr oder weniger schon mal erlebt, wir haben nur nicht alle gewonnen...
  • 13.09.2018, 01:35 Uhr
Ich hatte das gleiche Erlebnis mit den Losen wie die Lena
  • 13.09.2018, 02:06 Uhr
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Klasse
  • 12.09.2018, 20:33 Uhr
Dankeschön
  • 13.09.2018, 01:32 Uhr
Liebe Jule, deine Geschichte hat mich sehr berührt und mit Wehmut an meine eigene Kindheit denken lassen. Ich bin heute 56 J. alt und hatte als Kleinkind über viele Jahre einen kleinen schwarzen Teddybären. Im Januar 1989 haben wir Zwillinge (Junge/Mädchen) bekommen die beide zur Geburt jeweils einen kleinen blauen Teddybären bekamen. Der Junge hatte ihn nicht besonders lange und nachdem er kaputt war wollte er auch keinen mehr. Meine Tochter hatte diesen blauen Bären sehr lange und nachdem dieser kaputt war gab es ein Drama so das sie danach einen neuen, braunen Teddybären, genannt "Nucki", bekommen hat. Obwohl sie im Januar 30 J. alt wird hat sie diesen Bären immer noch. Sie lebt mittlerweile seit Jahren mit ihrem Freund zusammen, aber der Bär ist immer noch im Bett mit dabei. Mehrfach hat sie ihm schon, wortwörtlich "ein Ohr abgekaut", so das dieses schon von meiner Mama (ihre Oma) neu drangehäkelt wurde. Auch anderweitig wurde er von der Oma viele Male geflickt. Auch bei meiner Frau und mir gibt es im Haus nach wie vor sehr viele Stellen an denen Deko-Plüschtiere sitzen u. a. auch sehr viele Bären in allen möglichen Variationen.

Vielen Dank für deine sehr schöne Geschichte und noch einen schönen Tag.

Liebe Grüße Manni
  • 13.09.2018, 09:42 Uhr
Guten Morgen Manni ,
ich danke dir , daß du mich an deiner Geschichte hast teilhaben lassen .
Meine Mädels bekamen von mir jeweils einen selbstgenähten Bären . Die werden auch in Ehren gehalten , meine Große ist mittlerweile 25 und der Bär hat auch noch jeden Umzug mitgemacht . Reparieren mußte ich ihn auch schon einige Male ... und ins Krankenhaus hat er sie auch begleitet .
Und so sehen meine Bären aus , die ich im Laufe der Jahre gemacht habe ...
  • 14.09.2018, 08:36 Uhr
.
  • 14.09.2018, 08:37 Uhr
Hallo Jule, ich bin begeistert. Du bist ja super talentiert. Kompliment.

LG und einen schönen Start ins Wochenende. Manni
  • 14.09.2018, 09:31 Uhr
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