wize.life
Neu hier? Jetzt kostenlos registrieren und mitmachen! Warum eigentlich?

JA, DAMALS... von Gerd Quedenbaum

Beitrag von wize.life-Nutzer

JA, DAMALS...
von Gerd Quedenbaum

Die Wetter-Meldungen für erste Januartage 2019 haben einige wl-User an ihre Erlebnisse erinnert, damasls - im schneereichen Winter 1978/79 . Ging mir auch so..
Heute jedoch war ich in einem bekannten Verbrauchermarkt zum Einkauf und fand mich weniger an den Winter, als an die Zeit und unsere damaligen Probleme erinnert.
In dem Markt, vor dem Packtisch, stand eine ältere Kundin. Sie hatte ihre Handtasche unbeaufsichtigt hinter sich auf einen Packen Ware gelegt. Ich machte sie darauf aufmerksam und meinte beiläufig, "die hätte ich gut mitnehmen können". Sie war jedenfalls nicht auf den Kopf gefallen, machte eine belustigende Bemerkung zu "Ehrlichkeit währt am längsten" und meinte dann, "früher war das etwas anderes, da konnte man seine Sachen getrost liegen lassen, wir hatten ja alle nichts". Ich darauf, "da haben Sie recht. Damals waren wir froh, wenn zum Ultimo das Gehalt ausbezahlt wurde und wir erst mal die Schulden des vergangenen Monats bezahlen konnten".
JA, DAMALS - ich war ein Untermieter, ein Kostgänger mit Logis, einer - der öfter mal das Quartier wechseln mußt, weil die Wirtsleute zu unbescheiden oder ich zu hungrig war. Es ging mir, wie so vielen jungen, aber auch ältere Menschen. Das waren Einheimische und Flüchtlinge, entlassene Soldaten, kranke und verwundete. Das war eine 3. Klasse. Jene Sorte Mensch, von der einmal der Vater meiner damaligen Freundin abwertend sagte, "wer weiß, wo solche Leute herkommen". Der Monatslohn reichte gerade fürs Leben und wer mehr brauchte, der mußte sich das entweder irgendwo absparen oder Schulden machen. Hilfe von zu Hause war nicht zu erwarten. Danach hat man aber auch nicht gefragt. Das hätte der jugendliche Stolz nicht zugelassen. Die zu Hause hatten selber Not und waren gewiß froh, über die Runden zu kommen. Wir aber waren jung, lebensfroh und abenteuerlustig. Da verzichtete man schon mal auf diese oder jene Malzeit, um Geld ein zu sparen - das man dann doch wieder ausgeben mußte oder wollte. Der Bierdeckel in der Wirtschaft - oder auch im Tanzlokal, das war immer eine willkommene Hilfe. So kam man denn schnell ans Schulden machen - was aber auch höchst gefährlich war, wenn einer nicht pünktlich zurück bezahlen konnte.
Es gibt wohl nicht mehr viele Menschen, die sich unser damaliges Leben vorstellen können, in den allgemeinen Entwicklungsjahren nach dem Kriege, die erst später zu Wiederaufbau- und noch später zu Wirtschaftswunder-Jahren wurden.
Heute ist es anders. Die arbeitende Bevölkerung lebt in einem gewissen Wohlstand, Junge Leute leben zu Hause oder haben eine eigene Wohnung. Vater und Mutter bezahlen, Omas und Opas kennen das Leben und steuern ihrerseits dazu. Man orientiert sich an seinem Bedarf, nicht an seinen Ersparnissen. Industrien und Handel halten dazu. Also schraubt jeder seine Wünsche hoch - weit über den Horizont. Das Schuldenmachen ist in eine andere Kategorie gerutscht, ist volkswirtschaftlich bedeutsam und der Konsum unser Alibi. Nicht Bescheidenheit ist der Wunschzettel des Bedarfs, nicht Leistung der Baum unserer Früchte. Wohlleben ist der Anspruch unseres Daseins. Das zu bezahlen aber ist Sache der Zukunft. Und nun - oh Wunder, sind wir inzwischen wieder dort angelangt, wo unsere Zukunft nach dem Kriege begann. Heute nur unter anderen Vorzeichen. -

Mehr zum Thema

Kommentare

Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.

wize.life News per Push Benachrichtigung in Ihrem Browser aktivieren

Benachrichtigungen aktivieren
Weitere Beiträge von diesem Nutzer