Gedanken eines inneren Schweinehundes - ein Monolog

Beitrag von wize.life-Nutzer

Niemals war ich faul, damit das klar ist. Aber, was soll ich machen, wenn meine 120 kg, genauer gesagt mein Hinterteil, im Sofakissen eindrückt und kleben bleibt wie Stahl am Elektromagneten, und mein Kühlschrank nur mit eisiger Luft gefüllt ist, sodass meinem Magen nichts anderes übrig bleibt, als die Leere knurrend zur Kenntnis zu nehmen. Davon abgesehen, der Kühlschrank ist außer Reichweite. Selbst wenn er voll wäre, würde er mir nichts nützen, weil mein Hinterteil nicht hochkommt. Trotzdem, es wäre gemein, wenn ich einfach so sterben würde. Eine Krankenschwester muss her, die mir eine Elektrolythlösung anhängt oder eine Pizza in den Backofen schiebt. Sonst verliere ich den Verstand wie ein Ausgedörrter im Wüstensand, wo das Leben verdunstet und im Wahn ein Brunnen flimmert, die Zunge aber im Sande leckt, bevor er verreckt.

Verstehen sie mich nicht falsch, aber heute ist mein einzig freier Tag, an dem ich gewillt bin, gar nichts zu tun. Sonntagsruhe. Das Telefon ist nicht griffbereit, sonst hätte ich längst den Ambulanten Pflegedienst hergeholt. Sie meinen, die würden mich für bescheuert halten? Quatsch. Die lassen niemanden verrecken. In Deutschland verhungert niemand. In Speyer ist nur mal ein junger Mann verhungert. Harzt IV- Empfänger. Er stellte keinen Antrag auf Hilfsbedürftigkeit, also bekam er nichts und verhungerte. Vom Bürokratentisch verwaltet bis ins Grab. Wenn ich in die Geschichte zurückblicken darf, also, Arbeitslose sind während der Weltwirtschaftskrise um 1930 verhungert, vielleicht auch kurz nach dem Krieg. Fakt ist, wenn der junge Mann aus Speyer Sozialhilfe empfangen hätte, wäre er nicht verhungert, denn die öffentliche Behörde hatte die Pflicht, Fürsorge zu leisten. Das Sozialamt hätte jemanden vorbeigeschickt, und die Sache wäre gegessen. Aber das Jobcenter, die schicken Detektive umher, um Sozialbetrüger auf die Schliche zu kommen. Ja, das können sie. Aber lassen wir das. In Deutschland darf niemand verhungern. Ich auch nicht. Ein Hungertod im Sessel ist sinnlos. Darum verhungere ich nicht, auch wenn mein Arsch festklebt. Denn es ist ja so. Wie bescheuert würde sich das anhören, wenn in der Zeitung steht, Mann mit adipositas permagna ist gestorben, nur weil er seinen Arsch nicht hochkriegte. Geradezu lächerlich. Alle würden mich auslachen. Ich wäre Auslöser eines morbiden Spottes, auch wenn ich schon längst eingeäschert wäre. Ja, natürlich Urne. Einen Sarg könnte ich nicht bezahlen. Wozu auch? Der bricht doch eh ein, wenn er von Feuchte durchdrungen ist, oder es fressen sich unterirdische Holzwürmer durch den Sarg. Was weiß ich. Viel Geld für nichts.

Betrachten wir eine andere Unannehmlichkeit. Jemand kommt nicht aus der Badewanne raus. Jeder kann sich das vorstellen. Er stemmt sein Gewicht am Wannenrand hoch und rutscht dämlich ab. Sein Schädel schlägt vollwuchtig gegen den Wasserhahn, sodass epidurale - oder andersdurale Hirnblutung abgeht oder ein ungeduldiges Aneurysma aufplatzt. Und das nur, weil er baden wollte. Blödsinniger Tod, und ein Tod im Sessel wäre albern.

Wie? Nein. Das will ich gar nicht hören. Ich bin kein fauler Kartoffelsack. Was reden sie da, Mann? Auch keine vollgelaufene Regentonne. Sie wissen nicht, was Sache ist. Natürlich kommen sie nicht drauf, dass ich werktags Schufte wie ein Berseker. Und das für einen Drecklohn. 50 Stunden im Kiosk herumstehen und genervt, weil einer nach dem anderen daherlatscht, Regenbogengeschmier kauft, und Saufbolde mir ihre Bierfahne ins Gesicht schleudern. Lieber würde ich frischen Fisch verkaufen und stinken wie ein Rotbarsch. Aber Biergeruch, ich weiß, in Bayern darf ich das nicht sagen, aber trotzdem, Biergeruch ist abscheulich. Nein, ich habe Bayern nicht beleidigt. Kann ich was dafür, dass Darwin ...äh.. ich meine die Evolution mir solch ein Riechorgan untergejubelt hat? Ja, gut, wenn sie wollen, wünschen sie sich eben, dass ich morgen aufwache und keine Nase habe. Wie bei Gogol. Wenn ihnen gerade kein anderer Quark einfällt, dann wünschen sie sich das. Basta! Bringen sie mich aber nicht vom Thema ab. Ich wollte ihnen nur sagen, wie soll ich, wenn ich 50 Stunden pro Woche arbeite, unter der Woche einkaufen? Darum geht es mir und nicht um meine Nase. Ich hoffe, sie haben das gerafft.

Wen interessiert schon, was ich denke, was ich träume. Der Uhrzeiger tickt, ändern tut sich nichts. Ich könnte, wenn ich könnte, wenn ich wollte, aber ich will nicht, will nur meine Ruhe haben, und eigentlich will ich doch, weil eine Pizza in meinen Gedanken hängt. Ein Pizza muss her, und Kaffee, damit ich nicht müde herumhänge, einschlafe oder womöglich der Blutdruck in den Keller rauscht.

Es hat nichts mit einem inneren Schweinehund zu tun. Ich komme einfach nicht hoch, und kann nicht in die Küche gehen, kann mir keinen Kaffee kochen, kann nicht zum Bahnhof fahren, um ein Stück Brot zu kaufen, ein Stück Kuchen, Croissants und Coca Cola. Letzte Woche habe ich allerdings beschlossen, nachhaltig zu leben. Ich pflanze Tomaten auf dem Balkon. Habe bloß Angst, weil jetzt November ist, und die mir irgendwie einfrieren. Es ist einfach zum Kotzen. Scheiß Kiosk. Bin froh, dass ich nie begonnen habe, aus den Schnapsfläschchen zu saufen, die ich verkaufe. Viel lieber würde ich Grünen Tee, Räucherkerzen und hochkalorische Lichtnahrung anbieten, aber doch keine BILD. Natürlich könnte ich das Sortiment ändern, wäre bloß 'ne Rutschbahn in den Ruin. Na, ja, wenn ich mir überlege, viel zu verlieren habe ich nicht. Nur einen ollen Kiosk. Die Kioskdecke fällt mir sowieso schon längst auf den Kopf. Na gut. Ich mache das. Demnächst werde ich Grünen Tee, Räucherkerzen und hochkalorische Lichtnahrung verkaufen. Vielleicht auch Balkontomaten.