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Ausflug mit dem Rad

Ausflug mit dem Rad

06.02.2014, 18:38 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Ausflug mit dem Rad

"Am Samstag würde ich gern allein unterwegs sein. Mit dem Rad, einfach so." Beate sagte es eher beiläufig, so wie man um einen Salzstreuer bittet, ohne damit die Unterhaltung am Esstisch gleich lahmzulegen.
Doch so leise, so unaufgeregt ihr dieser Satz auch über die Lippen gekommen war - er ließ die Familie aufhorchen.
"Wohin willst du denn fahren?", fragte Töchterchen Lena erschrocken.
Beate mühte sich um ein Lächeln, während sie der Sechsjährigen einen zärtlichen Nasenstüber gab. "Keine Angst, Lenchen. Ich möchte nur mal wieder einen ganzen Tag für mich alleine haben. So wie früher, als ich noch ein junges Mädchen war. Ich möchte mit dem Rad übers Land flitzen und mir vom Wind den Kopf so richtig frei pusten lassen."
"Du bist wohl gerade auf dem Ego-Trip?", fiel ihr Moritz grinsend ins Wort. Der Dreizehnjährige schaute amüsiert zu seinem Vater hinüber. Hanns hatte bis jetzt geschwiegen. Nun aber suchte er Beates Blick. Sie hatte Unverständnis erwartet, doch was er ihr dann sagte, überraschte Beate - und rührte sie.
"Die Kinder und ich - wir kommen schon klar. Du kannst den Tag also genießen. Aber nimm dein Handy mit, falls du unterwegs mal Hilfe brauchst." Ein leises, hoffendes Lächeln trat in seine Augen. "Oder du vielleicht Sehnsucht nach uns hast." Seine Stimme klang warm und bedächtig. Sie verscheuchte alle Bedenken und Gewissensbisse, die Beates Vorfreude noch getrübt hatten.
Am Samstag herrschte ideales Ausflugswetter. Gleich nach dem Frühstück stieg Beate aufs Rad. Sorge, dass ihre Familie ohne sie nicht zurechtkommen oder sich langweilen würde, brauchte sie nicht zu haben. Mit Pizza essen, Fußball spielen und einer Stippvisite bei den Großeltern war der Tag ausgefüllt.
Ein letztes Winken ihrer Lieben und schon war Beate ihren Blicken entschwunden.
Herrlich war es, sich die noch kühle Luft um die Nase wehen zu lassen. Tau glitzerte auf den Wiesen, und in den Wäldern hing zartes Gespinst, doch die kraftvoll scheinende Sonne trocknete das Land im Nu.
In flottem Tempo sauste Beate die Landstraße entlang. So gern sie ihre Familie auch um sich hatte - in dieser Stunde genoss sie es in vollen Zügen, allein unterwegs zu sein.
Niemand quengelte, niemand hatte Durst oder musste zur unpassenden Zeit zur Toilette. Für Beate war es Erholung pur.
Trotz der frühen Stunde tummelten sich schon Ausflügler auf den Straßen. Immer wieder begegneten ihr Trüppchen von Radfahrern. Lohnende Ziele gab es in der Gegend reichlich: ob es nun die unzähligen Weiher und Badeseen waren, so manches schmucke Dorf oder die zu stiller Einkehr ladende Wallfahrtskirche.
Auch Beate ließ es sich nicht nehmen, überall da, wo es besonders schön war, kurze Rast zu halten. Glücklich über den herrlichen Tag und im dankbaren Bewusstsein, eine gesunde intakte Familie zu haben, hielt sie fast an jeder Wegkapelle an, um in stiller Andacht eine Kerze zu entzünden.
gegen Mittag kehrte sie in einem idyllisch gelegenen Gasthof ein, bestellte die Spezialität des Hauses und holte ihr Handy hervor. Als sie die Stimme ihres Mannes hörte und im Hintergrund den freudigen Ruf: "Das wird Mama sein!", verlor alles um sie herum plötzlich seinen Reiz. Der Wein schien einen faden Beigeschmack zu haben und auch die Sonne, die eben noch so strahlend in die Wirtsstube hineingeblinzelt hatte, wirkte irgendwie blässlich.
"Ja, es war ein wunderbar entspannter Vormittag", sagte Beate, "aber jetzt, wo ich deine Stimme in der Hand halte, ist mir ganz komisch zumute."
"Sag bloß", scherzte Hans voller Zärtlichkeit. "Wie wirst du dieses Gefühl denn jetzt bloß wieder los?"
"Ich wüsste schon wie, aber das wäre vielleicht zu viel von euch verlangt."
"Du meinst, wir sollen kommen?"
"So schnell es geht", erwiderte Beate und staunte doch sehr, als nach einer halben Stunde plötzlich blendend heller Sonnenschein in jeden Winkel des Gasthofes leuchtete - just in dem Moment, da sie Lenas fröhliches Stimmchen im Eingang vernahm.
(von Renate Dopatka)

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4 Kommentare

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Wirklich eine sehr schöne Geschichte!
So etwas zu erleben ist herzerwärmend.
Danke!!!
  • 06.02.2014, 22:36 Uhr
danke Peter für deinen Kommentar
  • 06.02.2014, 23:15 Uhr
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Danke für diese schöne Geschichte
  • 06.02.2014, 21:36 Uhr
auch Dir ein Dankeschön, liebe Rosemarie
  • 06.02.2014, 23:15 Uhr
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