Die Geliebte - Kurzgeschichte
Die Geliebte - Kurzgeschichte

Die Geliebte - Kurzgeschichte

Beitrag von wize.life-Nutzer

Damals hatte sie sich sofort in seine Augen verliebt. Sie hatte für ihre Firma ein Fortbildungsseminar über Projektmanagement besucht. In einer Pause hatte er sie angesprochen und in ein kleines Café um die Ecke eingeladen. Dort sprachen sie erst über das Seminar, dann über sich. Voneinander fasziniert redeten sie zwei Stunden lang und versäumten die anschließenden Seminarstunden. Er war verheiratet und hatte zwei vierjährige Töchter, Zwillinge. Sie war Single. „Ich hatte nie Zeit für einen Mann“, gestand sie ihm. Sie tauschten ihre Handynummern aus. Dann wartete sie. Sie wollte sich nicht die Blöße geben, zuerst anzurufen. Das sähe so aus, als wenn sie es nötig hätte. Hatte sie es nötig? Sie war 38 und ihre biologische Uhr tickte unüberhörbar. Wenn sie noch einen Mann und Kinder wollte, dann wurde es allerhöchste Zeit. Aber ein verheirateter Mann? Mit Familie? Das war kontraproduktiv. Das führte nur zu Stress, Zeitverlusten und Frustrationen. Und doch.. Er hatte sich für sie interessiert, sie nach ihrem Leben, nach ihren Ansichten gefragt und sie dabei so intensiv angesehen. Seine grünen Augen hatten kleine braune Punkte und waren von langen, gebogenen Wimpern umschlossen.. Sie seufzte und legte ihr Handy wieder weg.

Nach einer Woche rief er an. Sie trafen sich in einem kleinen Hotel nahe der Autobahn. Der Sex war gut und später trafen sie sich nur noch bei ihr in ihrer kleinen Dachgeschosswohnung. Er war ja verheiratet und zu ihm in seine Wohnung konnte sie natürlich nicht kommen. Sie vereinbarten, dass sie ihn nie anrief, sondern dass er sie anrief. Immer dann, wenn er allein war und seine Frau oder seine Sekretärin nicht zuhörte. Sie durfte ihm auch keine SMS auf sein Handy schicken, aus Vorsicht, falls seine Frau einmal sein Handy in die Hand bekäme und dort den Speicher kontrollierte. Emails sollte Beate ihm nur im äußersten Notfall schreiben, falls sie beispielsweise eine Verabredung unerwartet absagen musste. Aber die Emails an ihn sollten in einem geschäftsmäßigen Ton gehalten werden, kein „Du“ und keine zärtlichen Worte.

Es fiel ihr schwer. Besonders der geschäftsmäßige Ton. Sie wartete tagelang auf seinen Anruf. Er rief unregelmäßig an, manchmal musste sie 14 Tage oder sogar drei Wochen lang warten. Seine Besuche fanden immer an Wochentagen statt, die Wochenenden gehörten seiner Frau. Wenn er sich für den Abend angekündigt hatte, ging sie in der Firma zwei Stunden früher nach Hause. „Überstunden abbummeln“, nannte sie das. Sie kaufte für ein gemeinsames Abendessen ein, kochte für ihn, stellte das Essen warm, nahm ein Bad, rasierte sich im Intimbereich, zog sexy Wäsche an und schminkte sich sorgfältig. Dann bezog sie ihr Bett mit knallroter Seidenbettwäsche, die er so liebte, und wartete auf ihn. Manchmal kam er später als vereinbart. Dann hatte es Probleme mit seiner Familie gegeben. Aber sie hatte Verständnis. Sie hatte auch Verständnis dafür, dass er sich aus Zeitmangel nicht an den mit Kerzen und silbernen Bestecken sorgfältig gedeckten Esstisch setzte, dass er dann kein Abendessen zu sich nahm, sondern gleich ins Schlafzimmer ging. Meist blieb er bis 23 Uhr, es kam aber vor, dass er schon nach einer Stunde aufstand, ins Bad ging, duschte und sich wieder anzog. Sie nahm es klaglos hin.

Nachdem die Wohnungstür hinter ihm ins Schloss gefallen war und sie den Fahrstuhl abwärts fahren hörte, deckte sie den Esstisch ab, löschte die Kerzen und legte das unbenutzte Silberbesteck wieder in die Anrichte. Sie setzte sich nur mit einem Morgenmantel bekleidet vor den Fernseher, aß etwas kaltes Fleisch aus der Schüssel und trank ein Glas Weißwein dazu. Der Wein war zwar inzwischen warm geworden, aber das war ihr egal. Im Fernsehen lief eine alberne Comedy Serie. Sie starrte auf den Bildschirm, ohne den flauen Witzchen zu folgen. Sie weinte. Aber es würde auch noch andere Tage geben, bessere Tage. Seine Töchter würden groß werden und aus dem Haus gehen, dann würde er sich vermutlich von seiner Frau trennen, das hatte er einmal angedeutet. Sie musste nur geduldig sein und warten.

Sie wartete viele Jahre. Sie wurde älter und die Wechseljahre setzten ein. Ihre biologische Uhr hatte aufgehört zu ticken. Sie fühlte sich unglücklich und depressiv. Deshalb meldete sie sich an der örtlichen Volkshochschule zu einem Psychokurs für berufstätige Frauen an, die gegen das Burnout-Syndrom ankämpfen wollten. Der Kurs fand am Samstag statt, das passte gut, denn so hatte sie an Wochentagen immer Zeit für ihren Geliebten. Falls er sich melden sollte. Aber das wurde in letzter Zeit auch weniger. Sie erzählte ihm nichts von ihrer Teilnahme an diesem Kurs, denn sie wollte für ihn die unkomplizierte und belastbare Geliebte bleiben, die sie ihm seit vielen Jahren vorspielte.

Im Kurs erzählten die Frauen viel von sich und ihrem Leben. Das Zusammensein mit den Frauen tat Beate gut. Sie nahm regen Anteil an den Schicksalen. Nach ein paar Monaten erzählte eine Frau, dass sie in einem Internet-Chat einen Mann kennen gelernt und sich verliebt hatte. Er war seit Jahren geschieden, seine erwachsenen Töchter studierten im Ausland, und sie wollten demnächst heiraten. Beate und alle anderen Frauen freuten sich für sie.

Zwei Wochen später ging Beate in ihrer Mittagspause in einem Park spazieren. Da sah sie ihn. Er saß auf einer Bank und hatte den Arm um eine Frau gelegt. Sie war mindestens 10 Jahre jünger. Und Beate kannte diese Frau gut. Es war die Frau aus dem Psychokurs an der Volkshochschule, die Frau, die bald heiraten wollte.

Das Pärchen hatte sie nicht bemerkt. Beate drehte auf dem Absatz um und rannte fast aus dem Park. Deshalb waren seine Besuche bei ihr in den letzten Monaten immer weniger geworden. Er hatte eine andere Frau kennen gelernt und die wollte er heiraten. Die Frau aus dem Psychokurs wollte er heiraten und nicht Beate. Beate, die er über zehn Jahre lang hingehalten hatte. Beate, die ihre Zeit damit vergeudet, hatte, um auf ihn zu warten. Darauf zu warten, dass er sich von seiner Frau trennt, dass er sich scheiden lässt. „Wenn die Töchter groß und aus dem Haus sind..“ Die Töchter waren keineswegs halbwüchsig, sie waren längst aus dem Haus und er war längst geschieden. Seit Jahren schon. Und er hatte ihr kein einziges Wort gesagt, hatte das verheimlicht. Hatte sie besucht und über seine Frau geklagt, mit der er schon längst nicht mehr zusammen lebte. Er war längst frei. Er hätte sie längst heiraten können. Aber das hatte er nicht getan. Er hatte sie angelogen. Hatte sie hintergangen und betrogen. Er hatte hinter ihrem Rücken mit einer anderen Frau eine Liebesbeziehung aufgenommen und diese Frau würde er jetzt heiraten und nicht sie.

Er hatte sich wieder bei ihr angemeldet. Sie wartete den ganzen Abend darauf, dass er eine Erklärung abgab. Aber er sagte nichts. Sagte nichts davon, dass er eine andere Frau kennengelernt hatte, sagte nichts davon, dass er diese Frau heiraten wollte. Nach dem Sex war er gegen 23 Uhr wie üblich ins Bad gegangen und duschte. Offenbar sollte alles so weiter gehen wie bisher. Auf seine Anrufe warten, keine SMS, keine Mails, diskrete Treffen bei ihr, gutes, selbstgekochtes Essen, dann Sex, dann Umarmung und Abgang. So würde es weitergehen. Sie stand auf und kleidete sich an. Er öffnete die Badezimmertür: „Liebes, ich muss nach Hause, sonst merkt meine Frau etwas!“ „Ja natürlich!“ Sie schmiegte sich an ihn. Er löste ihre Umarmung, ging in den Flur, griff sich seinen Mantel und zog ihn an. Liebevoll legte sie ihm seinen modisch langen Schal um den Hals. „Ich bring dich noch eben zum Fahrstuhl!“ „Pass auf, dass uns keiner sieht!“, meinte er. „Nein, die Nachbarn sind im Urlaub, wir sind heute auf dieser Etage allein!“

Als der Fahrstuhl hielt, ging er hinein. Anders als sonst folgte sie ihm und umarmte ihn noch einmal liebevoll. Dabei nahm sie spielerisch seinen Schal in die Hand, drückte den „Erdgeschoss“ Knopf und schlüpfte rückwärts aus dem Fahrstuhl. Die Fahrstuhltür schloss sich und der Fahrstuhl setzte sich mit einem Ruck abwärts in Bewegung. Zwischen den geschlossenen Fahrstuhltüren hing der rote Schal ihres Geliebten. Sie zog kräftig an dem Stück Schal. Während der Fahrstuhl abwärts fuhr, wurde der Schal im Türschlitz nach oben gezogen und aus dem Fahrstuhl erklangen gurgelnde Laute. Sie lag inzwischen auf Knien und zog weiter an dem Schal, der sich aber durch die Kraft des Fahrstuhls unaufhörlich ihren Händen entzog. Der Fahrstuhl verschwand nach unten. Sie stand im Treppenhaus und lauschte. Offenbar fuhr der Fahrstuhl ganz nach unten ins Erdgeschoss. Aber dort stieg niemand aus. Zehn Minuten stand sie noch im Treppenhaus. Unten rührte sich nichts. Es war spät abends und kein Nachbar hatte das Haus betreten und wollte nach oben fahren, niemand sonst im Haus wollte mit dem Fahrstuhl nach unten fahren. Die meisten schliefen wohl schon.

Sie ging zurück in ihre Wohnung und schaute aus dem Fenster. Im Licht der Straßenlaternen konnte sie sein Auto sehen. Es stand immer noch am Straßenrand, ein paar Häuser weiter die Straße hinunter. Plötzlich erhellte flackerndes Blaulicht die Straße. Ein Rettungswagen kam in schnellem Tempo angefahren und Rettungssanitäter sprangen heraus. Etwa 20 Minuten später fuhr der Rettungswagen wieder davon. Ohne Martinshorn und ohne Blaulicht. Mit normaler Geschwindigkeit.

Zwei Tage später klingelte eine junge Polizistin an ihrer Tür und zeigt ihr ein Passbild. Ob Beate diesen Mann schon mal im Haus gesehen hatte? „Nein“, entgegnete Beate, „Den habe ich noch nie gesehen. Was ist mit ihm?“ „Sein Schal hat sich im Fahrstuhl verhakt und ihn unglücklich erdrosselt. Er konnte noch nicht einmal mehr den Nothalt-Knopf drücken. Man weiß nicht, was er hier im Haus wollte.“ Die Polizistin schüttelte bekümmert den Kopf. „Vielleicht hatte er sich im Haus geirrt!“ meine Beate. „Das könnte sein.“ Die Polizistin verabschiedete sich.

Beate ging zurück in ihre Wohnung, öffnete eine Flasche Sekt und prostete sich zu. Der zehn Jahre lange Irrtum war vorüber.