Meine große Schwester

Beitrag von wize.life-Nutzer

Neun Jahre, das ist eine Menge, überhaupt, wenn es sich um die große Schwester handelt. Die war vor mir da, ja, es ist ja schon gut - ältere Rechte, aber auch älter - hahaha! Überhaupt älter im Alter. Da war ich wieder der King.

Ich war also die Kleine, die rein gar keine Stimme hatte. Diese Hilflosigkeit kann man sich nicht vorstellen. Was blieb einem Kind von, sagen wir mal 8 Jahren übrig, wenn man sich rächen wollte - als - aus ihrem geliebten Goethe eine Seite raus reißen, sie ihr aufs Kopfkissen zu legen, sie um Mitternacht im Main an den Beinen zu ziehen - sie konnte nicht tauchen, ich schon - . Ach ja, so eine große Schwester.

Jetzt kommt das große Aber. Wie ich die brauchte ! Es gab mal eine Zeit, da wurde auch ich flügge, mein Kavalier (mit 21 Jahren mein Ehemann) läutete - ist die Coco da? Nein, die ist weg. Weg? Ich war da, wo der Kaiser zu Fuß hingeht. Wieder so eine Einmischung in meine Privatangelegenheiten. Warte nur, jetzt kommt der Schiller dran.

Unseren Kirchgang an den Sonntagen will ich mal erzählen: Wir mussten (ja, mussten) in die 11-Uhr-Kirche. Man ging brückenwärts, Inge und ich, hätten rechts abbiegen müssen, nein, man ging links. In den Wald - mitten im Sommer musste sie unbedingt den Christbaum aussuchen - damals ging das noch. Das war wahnsinnig wichtig. Was sollte ich machen - ich musste ja mit gehen. Man hielt sich auf bis zur angemessenen Zeit, zu der die Kirche beendet war, kamen heim. Erste Frage - was hat der Pfarrer gepredigt, was war das Evangelium - frag die Inge. Jetzt muss ich erklären, ich log nie, das hat mir meine Mutter beigebracht, da gab es auch nie eine Strafe, wenn man die Wahrheit sagte. Ich fuhr immer gut damit, so aber nicht meine große Schwester. Ich hatte die Frage nur weitergeleitet, gelogen habe ich nicht. Mama: ich habe schon verstanden. Das war Inge.

Inge hatte das Lügeprinzip. Warum - war halt so. Einmal hat sie eine Kolter aus einem Bett als Bügelunterlagen benutzt, das Bügeleisen darauf stehen lassen, ein Loch reingebrannt, die Decke versteckt, die Mama suchen lassen. Jetzt war ich an der Reihe, zu überlegen, Inge verpetzen und Mama beruhigen oder es auf mich zukommen lassen, ich hatte ja nichts damit zu tun. Und Decke ersetzen? Es war Krieg, da gab es sowas nicht. Vorkriegsware - Cashmere-Decke.

Genug gelästert. Wozu hat man eine große Schwester? Die kann einem eine Entschuldigung schreiben, war inzwischen ja schon über 21 Jahre. Ich habe mir mit Obengenanntem einen schönen Tag gemacht, das musste mal sein, kam mit schlechtem Gewissen zum Schulschluss heim, meine Eltern weg - Inge eingeweiht. Entschuldigung geschrieben, Danke liebe Inge, ich gehe auch wieder für Dich zu einem Rendevous und sage dem Kavalier, Du habest keine Zeit. Ungern machte ich das, es war mir peinlich vor so einem großen Mann. Dann waren wir wieder quitt. Damals hatte man noch Verehrer, die sich die Beine in den Bauch standen.
Als die Mama heimkam, beichtete ich es ihr. Dann war ich clean. Der Vater war brutal, der WOLLTE belogen werden, also habe ich nichts gesagt, er hat mich ja auch nicht gefragt, ich habe also nicht gelogen. Meine Theorie.

Was waren noch mehr meiner Racheakte? Den geliebten Wechselrahmen leeren, DAS VEILCHEN rausnehmen, Dürers Hände verkehrt rum rein, Bücher auf den Kopf stellen im Regal. Es waren kleine Rächelchen, oder - gemessen an den großen Missetaten meiner Schwester. Geh ich recht in der Annahme, dass es so war?

Jetzt bin ich die Alte, die damals Alte starb schon mit 67 Jahren, ich bin nun schon lange ohne die GROSSE SCHWESTER, kann keine Seiten mehr ausreißen und denke, ach so gerne, an meine gemeinsamen Schwesternzeiten zurück.