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Tanz der Schlange

Tanz der Schlange

03.04.2014, 14:01 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Sie sitzt strickend auf der Decke am Strand. Daneben ein Mann, der sich selbst in der Öffentlichkeit berührt. Dabei schaut er sehnsüchtig zu der Frau. Die Stricknadeln schlagen wie ein Trommelwirbel, beim Wenden aufeinander. Jetzt erst erfasst sein Blick das Umfeld. Leute gehen vorbei. Einige schauen belustigt, andere schütteln den Kopf. Eine nicht weit entfernte Frau schaut zu ihm hin. Ihr Blick löst sich auch nicht, obwohl er sich, jetzt geiler werdend, zu ihr öffnet.

Langsam spürt er den Druck weichen. Die Frau schaut noch immer. Ja, es scheint als würde sie sogar lächeln. Ein warmes Lächeln, fast zärtlich und doch auch ein wenig verwegen. Ähnlich einer Kamera bleibt sein Blick stehen, nimmt ihre Szene ins Licht. Sie sitzt vollbusig, mit leicht gespreizten Beinen auf ihrer Badematte. Während sie mit einer Sonnencreme die Innenseiten ihrer Oberschenkel massiert, schaut sie in seine Richtung, noch einmal steigt die Erregungskurve. Ein Mann mittleren Jahrganges liegt laut vorlesend neben ihr.

Erschöpft sinkt Lorenz zurück.

Die Frau neben ihm, strickt unberührt weiter. Nur der leichte Seitenblick aus ihrem Augenwinkel verrät sie. Seine Entspannung lässt ihre geraden Schulter leicht zusammensinken. Sie legt das Strickzeug weg, erhebt sich und geht ins Wasser, so als wolle sie sich reinigen. Lorenz richtete sich auf. Er spürte den Schlag seines Herzens sich verdoppeln. Wie sehr er diese Frau liebte. Und mit jedem Schritt den sie sich schweigend dem Wasser nähert, fühlt er Scham in sich aufkommen. Schwindel ergreift ihn, so dass er sich zurücklegen muss.

Nebel - Vergangenheitsbilder,
erlösen ihn von der Gegenwart. Da, das Elternhaus er, etwa 11 jährig, in seinem Bett, soeben seine Sexualität entdeckend. Eine wunderschöne warme Sommernacht. Das junge Blut beginnt zu strömen. Der Junge ist beschwingt, voller Lebenskraft. Es drängt ihn hinaus. So wie mancher bei großer Freude Luftsprünge macht, rennt er in die Sommernacht, wirft seinen Schlafanzug ab - will nichts weiter als die noch unbekannte Lust seines neu entdeckten Seins spüren. Was für ein Gefühl, was für eine Kraft, die ihn durchströmt. Nackt tanzt er durch den Garten vereint mit der Natur, die ihn geschaffen, die ihm dieses Wunder offenbart. Bis vor die Füße der entsetzten Mutter, Nachbarn, wer auch immer.

Er wird ins Bett geschickt.
Voller Scham zieht er die Decke über den Kopf. Kühler ist es auf einmal geworden. Dennoch dieses Wahnsinnsgefühl blieb in ihm. Später weiß er, dass er soeben aus dem Paradies geworfen wurde. Die Vertreibung aus dem Paradies,
die jeder auf seine Weise erlebt und lernen muss damit umzugehen
Mit an den nackten Körper herangezogenen Knien schläft er ein. Es schien als wollte er in den viel zu eng gewordenen Mutterleib zurückkehren. Doch selbst wenn er sich klein genug machen würde - es ist vorbei, die Mutter hatte ihre bergende Kraft verloren. Noch einmal erlebt er im Traum die Szene der Nacht. Plötzlich verwandelte sich die Mutter in einen Baum unter dessen Schatten er spielt, hüpft und aufmerksam dem Streit zweier Spatzen zu sieht.

"Ich bin hungrig ", murmelt er vor sich hin.

Er schaut sich um, wusste von wunderbaren Früchten, überall rings um ihn herum. Verträumt steht er auf, will zu den Früchten. Er schaut an sich herunter, sieht die Spannung in seiner leichten Kinderhose, meint einen Apfel in seiner Tasche zu haben, greift hinein und entdeckt sich. Der Baum, die Mutter - plötzlich verwandelt sich alles in eine Schlange - die Schlange - nicht am Boden liegend, nicht kriechend - aufrecht windet sie sich gen Himmel. Gebannt schaut der Knabe auf das Tier. Musik erklingt - sie tanzt, tanzt - tanzt. Ihr schlanker Körper streift die zu eng gewordene Hose sanft und verspielt von seiner Kinderhaut, berührt ihn bis zum unvergessenen Beben. Leicht wird alles um ihn herum. Und auch er tanzt, tanzt - tanzt.
Sein junger Körper spürt die warme Berührung des Windes. Geborgen in seiner unsichtbaren Stärke lässt er sich auf ihn ein - bis zur Erschöpfung. Der Baum, die Schlange alles war vergessen - die Schlange, die Mutter - der Baum, die Schlange...?

Die Schlange, sie tanzt längst nicht mehr.

Vom Baum hängend bekommt sie ein menschliches Gesicht - eine Mischung von Mutter, Nachbarn und anderen Fratzen. "DU bist nackt, nackt - nackt"! Sie schreien es in den Gesang der Nachtigall, schieben ihre aufgeschwemmten Körper, die kaum Platz in der Schlange finden vor demLicht der Mondnacht. Der Junge spürt die kalte glitschige Haut der Menschenschlange, hört ihr Zischen: "Komm her, komm tanz, tanze mein Sohn. Komm, ich will dich umarmen. Lass dich berühren. Ich will dich führen. Ich will dass du nur noch für mich tanzt, nur für mich." Dabei zog sie seinen schlanken Körper immer enger an sich. Die Hände um den eigenen Hals gepresst, wacht er nach Atem ringend auf.

Die Frau war zurückgekommen.

Ihr Mann schlief. Sein Gesicht spiegelt die Macht seines Traumes. Ein wenig breitbeinig stehend schaute sie auf ihn herab, trocknete Arme und Beine, lässt sich schwer neben ihn herab. Als hätte er nur kurz die Augen geschlossen, öffnete er sie, greift zur Sonnencreme: "Darf ich dich eincremen?", fragte er leise. Seine Stimme umschloss sie wie ein schützender Mantel. Wortlos reicht sie die Creme. Während sie ihm den Rücken zuwendet, will er wissen ob es im Wasser angenehm war und sie sich wohlfühlt. Zart und dennoch fest streichen seine schlanken Hände über ihre Schulter. Sie spürte das Nachlassen der Anspannung.

Das war es was sie nicht gehen ließ,

diese alles umhüllende Wärme, wie nur er sie ihr geben kann. Sie hebt den Kopf zur Sonne. So kann man auch ein wenig weinen, ohne entdeckt zu werden. Sich einfach fallen lassen ganz tief in seine Arme sinken so wie einst - als es noch möglich war. So als spürte er die starke Sehnsucht nach Geborgenheit zog er sie für einige Sekunden an sich. Warum musste dieser warme Strom zwischen ihnen immer wieder aufhören? Entschlossen löste sie sich, holt das Strickzeug und nimmt ihren Platz wieder ein. Lorenz greift zum Buch. Für einen Moment gleitet sein Blick noch einmal zu der Frau, deren Augen ihm zugewandt waren, die zuließen was andere erschreckt. Sie waren gerade dabei den Strand zu verlassen. Ein Blindenhund begrüßte freudig den Aufbruch.
Margarethe Noah ( Juni 1998 )

4 Kommentare

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Toll geschrieben. Eine Geschichte zum Nachdenken
  • 13.11.2014, 10:08 Uhr
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Wunderschön, liebe Margarethe..
  • 04.04.2014, 14:19 Uhr
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Sehr schön geschrieben,mal ein anderes Thema.
  • 03.04.2014, 17:08 Uhr
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Danke Margarethe für diese Geschichte vom Juni98 sehr sehr erotisch, wunderfoll!
  • 03.04.2014, 14:55 Uhr
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