Bin ich nur ich? Oder alles in einem?
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Bin ich nur ich? Oder alles in einem?

Sonja Bissbort
Beitrag von Sonja Bissbort

Wie viel Ich muss, darf, kann und soll man sein, wenn man mit anderen Menschen, vor allem einem Partner eine Beziehung eingeht? Ich glaube, die Frage stellt man sich oft erst am Ende einer Beziehung. Dann kommt der Moment, wo viele das Gefühl haben, sich verloren zu haben, sich erst wieder finden zu müssen, wieder aus dem "wir" ein neues, gereiftes, vielleicht auch "gerupftes" Ich heraus wachsen zu lassen.

Gibt es überhaupt ein "Ich" ohne ein "Wir", ohne die Anderen, ohne die Welt?


Große Philosophen haben diese Frage vielfach erörtert. Karlfried Graf Dürckheim, Diplomat, Zen-Meister und Begründer einer eigenen Psychologie-Schule hat in meinen Augen dazu eine ebenso einfach wie lebenstaugliche Antwort und Vorstellung formuliert. Das "Ich" sei wie unser Vorname, das "Wir", die "Welt" so wie unser Familienname. Beides gehört zusammen und inspiriert, aber bedingt sich auch gegenseitig. Wie sehr es bereichert und beflügelt, wie sehr es umgekehrt bedingt und beengt, liegt danach bei jedem Einzelnen selbst und daran, wie er die Balance zwischen den beiden Polen schafft.

Dabei muss ich an die Erdachse unserer Weltkugel denken.


Die beiden Pole am nördlichsten und südlichsten Punkt liegen wohl deutlich weiter auseinander als die Pole Vor- und Zuname. Und wenn die Erde es schafft, die beiden zu zentrieren und dabei auch noch flugs auf ihrer Bahn durchs Universum zu schweben, dann sollten wir dies doch auch können?!

Ich hätte dazu folgende Vorstellung: Man hat einen Standort in sich, für sich und bei sich - das wäre mein Vorname, mein "Ich". Und eine zweite Heimat, die mehr oder weniger nah ist, die mehr oder weniger anders und fremd ist - das wäre der Familienname, das "Wir", die "Welt".

Nun kann ich - theoretisch und möglicherweise noch an sehr entlegenen Punkten unserer Erde tatsächlich - Eremit werden und mich von allem abschließen, um ganz bei mir zu bleiben und mein "Ich" in Reinform zu leben. Oder ich gehe ganz im Außen auf und suche überall nach dem, was ich vielleicht gerne wäre oder sein könnte. Oder ich nehme den Mittelweg, der mal ein schmalerer Pfad und mal eine breite Prachtstraße ist. Alles darf hier um mich sein und mich inspirieren, aber ich wähle aus und eigne mir an, was mich anspricht oder was mir fremd ist mich deshalb neugierig macht, um zu wachsen und zu werden, wer ich bin.

Oft führt mich die Welt auch weit weg von mir, um mich ganz nah zu mir zu bringen.


Und mal ist die ganze Welt in einem Menschen präsent wie in einem Brennspiegel, dann wieder in vielen lieben Freunden oder auch in einem Beruf, einer Familie, einem Erlebnis. Immer ist mein Ich dabei, mal als Zaungast oder gar blinder Passagier, mal als Pilot im Cockpit oder Astronaut in fernster Galaxie.

Mein Ich wäre also ein riesiger Spielraum, grenzenlos und doch zentriert um einen Mittelpunkt, von dem aus alles möglich ist und ich mein "Ich" entfalten kann und soll, darf und muss.

Dann wäre ich also immer "Ich" und zugleich unendlich mehr? Alles und All? Die Welt? Das Universum?


Albert Einstein hat es so formuliert:

«Der Mensch ist ein Teil des Ganzen, das wir Universum nennen – ein in Raum und Zeit begrenzter Teil. Wir erfahren uns, unsere Gedanken und Gefühle als etwas vom Rest Getrenntes – eine Art optischer Täuschung des Bewusstseins. Diese Täuschung ist für uns eine Art Gefängnis, die uns auf unsere persönlichen Wünsche, und auf die Gefühle für die wenigen Personen reduziert, die uns am nächsten sind. Unser Ziel muss es sein, uns aus diesem Gefängnis zu befreien, indem wir den Kreis unserer Nächstenliebe so erweitern, dass er alle lebenden Wesen und das Ganze der Natur in ihrer Schönheit einschließt. Der wahre Wert eines menschlichen Wesens wird bezeichnet durch das Maß und den Sinn, in dem es Befreiung vom Selbst erlangt hat. Wir werden eine grundlegend neue Art des Denkens notwendig haben, wenn die Menschheit überleben soll.»