Alkoholismus – die versteckte Krankheit
Alkoholismus – die versteckte KrankheitFoto-Quelle: IFPL

Alkoholismus – die versteckte Krankheit

Beitrag von wize.life-Nutzer

Was macht der Mensch, wenn er krank ist? Er geht zum Arzt und lässt sich behandeln. Spätestens dann, wenn alle Versuche zur Selbstheilung mit den vom Apotheker empfohlenen Mitteln keine Besserung bringen. Was macht ein Mensch, der ein Alkoholproblem hat? Raten Sie mal!

Er geht an der Apotheke vorbei und direkt zum Arzt. Aber nicht etwa, um mit ihm über sein Alkoholproblem (ohnehin ein äußerst unangenehmes Thema) zu sprechen, sondern um sich selbst zu bestätigen und die Bestätigung zu erhalten, dass er kein „Alkoholiker“ ist – selbst wenn er nach dem Erwachen eine Flasche Doppelkorn braucht, um halbwegs „in die Gänge zu kommen“.


Alkoholische Doktorspiele

Da dieser Mensch wegen seines Trinkens leidet, ohne aber vom Trinken lassen zu können, ist ihm derjenige Arzt am angenehmsten, der sein Trinken entschuldigt. So benutzt er den Arztbesuch zu dem schönen Spiel: „ Lieber Doktor, mach mich gesund, aber sprich nicht mit mir über Alkohol“. Ein Spiel, bei dem er als Sieger die Praxis verlassen will.

Wenn der Arzt ihn dann nach routinemäßiger Untersuchung von Herz, Lunge und Nieren mit einem freundlichen Klaps auf die Schulter und den Worten entlässt: „Keine Angst, mein Lieber! So weit ist alles in Ordnung. Sie sind kein Alkoholiker. Ich schreibe Ihnen jetzt ein Beruhigungsmittel auf. Das kann nicht schaden...“, hat er das Spiel gewonnen und kann bis zum nächsten Kreislaufkollaps mit ärztlichem Segen weiter trinken.

Für einen passionierten Trinker ist das erklärte Ziel und der schönster Triumph, seinen Arzt hinters Licht zu führen. Und klappt es beim Arzt nicht, versucht er es beim Psychiater. Auch nicht etwa, um ehrlich über sein Alkoholproblem zu sprechen, sondern um herauszufinden, dass ein Elternteil getrunken und er als Baby die falsche Flasche bekommen hat.

Hat er den Psychiater endlich so weit, dass dieser ihm bestätigt: „Sie haben nur aus Kummer getrunken, ein Säufer sind Sie nicht“ und ihm dann zum Abschied noch „alles Gute“ wünscht, ist dies für den Trinker der Anlass, mit sich selbst auf den Sieg anzustoßen und sich eine volle Woche unter Alkohol zu setzen.

Unabhängig davon, dass zu viele Ärzte und Psychiater heute immer noch zu wenig über die Alkoholkrankheit wissen , ist es für sie auch nicht einfach zu erkennen, dass der Patient ein Alkoholproblem hat.

Zum einen kann niemand aus dem körperlichen Befund – und sei er noch so erbärmlich – direkt auf einen Alkoholmissbrauch schließen, zum anderen versteht es der Trinker in gerade bewundernswerter Weise, sich für den Gang zum Arzt oder Psychiater zusammenzuraffen und dort einen ganz korrekten, ja sympathischen Eindruck zu machen.

Leider ist so mancher Schulmediziner ist immer noch der Meinung, dass nur willensschwache Psychopathen süchtig werden.

Und nicht nur Ärzte und Psychiater, auch Seelsorger und Sozialarbeiter fallen auf die Ablenkungsmanöver eines Menschen herein, der mit viel Phantasie und Geschick alles daran setzt, seinen Alkoholmissbrauch zu verheimlichen.


Krankeit als Mittel und Weg

Jeder, der aus welchen Gründen auch immer mit den Aufgaben und Schwierigkeiten in seinem Leben allein nicht fertig wird, ist krank und braucht Hilfe – je nach Art der Krankheit unterschiedliche Hilfe. Greift er statt nach solcher Hilfe zum „Medikament“ Alkohol, so behandelt er seine Krankheit falsch – ob er nun „Alkoholiker“ ist oder nicht.

Viele lehnen aus Stolz oder aus Scham jede Hilfe ab. Es fällt ihnen schwer, über ihre vermeintliche Schwäche zu sprechen. Manchmal ist allerdings noch etwas anderes im Spiel.

Manche ziehen – oft unbewusst und weil sie nicht fähig sind, auf andere Art zu erreichen was sie brauchen – so viele Vorteile aus ihrer Krankheit, dass sie diese um Nichts auf der Welt aufgeben wollen.

Es gibt auch Typen, die „krank sein“ als Machtmittel einsetzen, um ihre Umgebung unter Druck zu setzen und auf diese Art zu erreichen, was sie brauchen. Weil sie unter keinen Umständen ihren Krankheitsbonus verlieren wollen, brechen sie eine Behandlung ab, bevor diese erfolgreich zu werden droht.

Gesund werden bedeutet Veränderung. Etwas verändern kann manchmal echt unangenehm sein. Für manche so unangenehm, dass sie doch lieber krank bleiben.

Dieser oder jener mag auch glauben, dass er ja, wenn es sich um eine Krankheit handelt, ohnehin nichts dafür könne. Und dass er auch nichts dagegen zu tun brauche, da bei ihm ja so wie so – im wahrsten Sinne des Wortes – Hopfen und Malz verloren sei.

So mancher Trinker bevorzugt es also, lieber krank zu bleiben und in Abhängigkeit zu leben, anstatt die Verantwortung für sein eigenes Leben zu übernehmen. Wenn die Schwierigkeiten zu groß werden, vergiftet er sich lieber zusätzlich noch mit einem anderen „Stoff“.


Alkoholismus ist eine Krankheit

Jeder Mensch, der ein Problem mit Alkohol hat, ist krank – egal ob er süchtig ist oder nicht. Er ist aber nicht etwa krank, weil er Alkohol trinkt, sondern er trinkt Alkohol, weil er krank ist.

Seine Krankheit ist, dass er – aus welchen Gründen auch immer – mit den Aufgaben und Schwierigkeiten des Lebens nicht fertig wird. Und statt zu geeigneten Mitteln zu greifen, um seine Probleme zu lösen, benutzt er den Alkohol, um seine Krankheit zu behandeln.

Da es dem Betroffenen schon schwer genug fällt, vor anderen und vor sich selbst zugeben zu müssen, dass er ein Alkoholproblem hat, ist ihm das Eingeständnis, möglicherweise oder höchstwahrscheinlich vom Alkohol abhängig zu sein, fast unmöglich. Das hieße ja, vor sich selbst und anderen als Schwächling und Versager dastehen.

Und doch ist dieses Eingeständnis die Voraussetzung, diese Krankheit „heilen“ zu können. Denn egal ob wir nun eine Sucht als Krankheit ansehen oder nicht – Alkoholismus ist keine Charakterschwäche, auch kein hoffnungsloser Schicksalsschlag. Alkoholismus ist wirklich eine echte Krankheit.

Aber auch Diabetes ist eine Krankheit. Hält ein Zuckerkranker die vorgeschriebene Diät nicht ein, ist er krank. Befolgt er diese Diät, ist er gesund. So einfach ist es auch mit der Alkoholkrankheit:

Der Alkoholiker mag zum Teil unschuldig an seiner Krankheit sein. Aber er ist selbst schuld, wenn er nichts dagegen unternimmt und wenn er sich nicht helfen lassen will. Genau so wie ein Zuckerkranker schuld an seinem Schaden ist, wenn er eine Torte isst, die ihm nicht bekommt.

Krankheit und Gesundheit sind keine bleibenden Zustände und auch – einmal abgesehen von unverschuldeten Unfällen – nur in den seltensten Fällen von äußeren Dingen abhängig. Sie sind in erster Linie Ausdruck eines Zustandes von innerem Gleichgewicht und innerer Harmonie. Sie sind abhängig vom freien Willen jedes einzelnen.

Auch Alkoholismus ist heilbar. Aber nur, wenn der Betroffene es wirklich will und auch bereit ist, selbst die volle Verantwortung für seine Gesundheit und die Konsequenzen daraus zu übernehmen.


Aus meinem Ratgeber für Angehörige „Helfen...aber richtig“