Casanova ritratto
Casanova ritrattoFoto-Quelle: Francesco Casanova - Adriano C., gemeinfrei

Was Frauen wirklich denken: Ist ein Charmeur noch zeitgemäß?

Sonja Bissbort
Beitrag von Sonja Bissbort

Komplimente machen ist so alt wie die Menschheit und hat 1000 verschiedene Gesichter. Männer, die hinter Frauen her pfeifen, gehören dazu - zugegeben, eine sehr plakative und wenig einfallsreiche Variante. Der große Frauenheld Giacomo Casanova war da entschieden raffinierter, ein Wunderwerk an Verführungs- und Beschwörungskunst.

Casanova & Co.


Ein Freund von mir ist wohl ein direkter Nachfahre von Casanova. Zumindest liebt er das vielfache Spiel mit Frauenherzen. Er umschmeichelt mit Oscar-verdächtigen Gesten, Blicken und Worten, umschwärmt mit Lob und Gefühlsoffenbarungen, Liebesbekundungen und hellster Begeisterung eine Frau, bis sie beginnt zu glauben. Er tut dies wie ein Kind, das unbedingt ein Stück Schokolade möchte und dafür seine Mutter umgarnt. Notfalls mit Tränen und Schmollen.

Wir saßen vor ein paar Tagen im Café, am Nachbartisch eine Frau. Ich fühlte mich wie in einer sizilianischen Operette. Am Ende hatte er die Handynummer der Schönen und strahlte mich an. Er spielte mit der Visitenkarte, bevor er sie in seine Brieftasche schob. Ich bin sicher, es hätte auch eine andere Frau sein können an einem anderen Tisch in einem anderen Café. Der Flirt und die ergatterte Handynummer retteten seinen Nachmittag. Er hatte seinen Marktwert erfolgreich getestet, die Welt war in Ordnung.

Das Objekt der Begierde ist nur Objekt. Sprich: austauschbar.


Ist mein Freund nun ein Anachronismus? Ein Opfer der Biologie, die den Mann zum Balzen verdammt? Will er nicht anders oder kann er einfach nicht anders? Darüber kann man lange nachdenken. Viel wichtiger scheint mir die Frage:

Was aber ist mit uns Frauen? Wollen wir das noch? Brauchen wir das noch? Für unser Selbstbewusstsein, für unser Ego, für unser Wohlgefühl? Sind wir uns selbst nicht genug?


Der Charmeur - das französische Wort für Zauberer und Beschwörer - tut im Grunde etwas sehr Simples: er gibt uns das Gefühl, die Schönste und Begehrenswerteste, die Klügste und DIE Frau aller Frauen zu sein. Und obwohl wir wissen oder ahnen, dass die Bekundungen inflationär sind und nicht wirklich uns gelten, lassen wir uns verführen, wollen wir glauben.

Warum schenken wir uns nicht selbst Komplimente und Anerkennung?

Zum Beispiel jeden Morgen vor dem Spiegel und spätestens immer dann, wenn ein Mann uns hinterher pfeift? Warum sagen und glauben wir uns selbst nicht, dass wir schön, klug, interessant sind - so wie wir sind?!