Elternliebe oder Familie hält ein Leben lang
Elternliebe oder Familie hält ein Leben lang

Elternliebe oder Familie hält ein Leben lang

Beitrag von wize.life-Nutzer

Nicht alle Menschen sind Eltern, aber wir alle sind Kinder!

Kinder, egal in welchem Alter sie sich befinden, verstehen oft das Verhalten ihrer Eltern nicht. Sei es, wenn Mama das Zimmer des Babys verlässt, weil sie meint, es sei eingeschlafen und sich auf Zehenspitzen raus zu schleichen versucht und Baby wie auf Kommando zu weinen beginnt. Oder das Kleinkind, das überhaupt nicht nachvollziehen kann, warum es die Süßigkeiten nicht haben darf. Das setzt sich so fort über die Wahl der Turnhose, des zwangsweisen Klavierunterrichts, der elterlichen Verweigerung des Discobesuches und des Biertrinkens. Ewig haben ‚die Alten‘ was zu meckern und auszusetzen. Meinen sie es wirklich gut mit mir? Sie wollen mich doch nur bevormunden Und manche Mütter (die vermutlich eher, als Väter) schaffen es, ihre Kinder ihr Lebtag zu beeinflussen, zumindest starten sie gerne den Versuch dazu.
Solche und ähnliche Gedanken kennen wir alle und wahrscheinlich mehr denn je, da wir uns in einer sehr freien Zeit und in einem freien Land auf einem freien Kontinent befinden. Das war nicht immer so, wie viele noch am eigenen Leibe erfahren haben. Und wir fragen uns, in vielen Fällen ernsthaft, lieben mich meine Eltern wirklich, bzw. haben sie mich geliebt?

Alte Zeiten

Doch um herauszufinden, warum unsere Eltern so handeln wie sie handeln, müssen wir in der Zeit weit zurückgreifen und zwar bis in die Anfänge der Menschheit. In diesen frühen Zeiten war es üblich, sich seinen Nachwuchs genau anzuschauen. Der Mann musste sicher sein, dass er der Erzeuger ist, denn sonst legte er sich umsonst für das Kleine krumm. Er konnte es sich nicht leisten für den Sprössling eines anderen, seine Energie aufzuwenden. Die Mutter musste sicher sein, dass das Kleine sich einmal um sie kümmern kann, wenn sie der Hilfe bedurfte. So legten die Inuit z.B. erstgeborene Mädchen aufs Eis und überließen es seinem kalten Schicksal. Die Germanen sollen das Neugeborene ins kalte Wasser getaucht haben, um zu sehen, ob es kräftig genug für das Leben sei. Auch wurden Kinder oft genug sofort getötet. In vielen Kulturen galten Neugeborene als Wesen der Zwischenwelt, die erst nach einigen Tagen, wenn sie denn überlebten, im Diesseits freudig begrüßt wurden.
Wie kann man nur mit seinem Kind so umgehen, ist die Frage, die sich uns aufdrängt. Tun wir denn nicht alles, um einem Kind den Start ins Leben zu erleichtern? Liebten die damaligen Eltern ihre Kinder weniger, als sie dies heute tun? Die Antwort lautet: Nein. Mutter Natur hat es so eingerichtet, dass die Liebe zum Kind erst einmal entstehen muss. Eine Tatsache, die es wert ist, ihr genauer auf den Grund zu gehen.

Liebe muss erst entstehen


Der Gedanke allein, sich auf sein Kind zu freuen und nach der Geburt ‚aus dem Häuschen‘ zu sein, reichen bei weitem nicht aus, um wirkliche Mutterliebe entstehen zu lassen. Sehr bekannt ist, dass Frauen nach der Geburt oft keineswegs euphorische Reaktionen zeigen, eher, dass sie gar depressiv verstimmt sind. (Untersuchungen dazu scheinen durchaus unterschiedlich auszufallen.)
Sicher ist allerdings, dass der Hormonspiegel (Östrogen etc.) kurz nach der Geburt drastisch abfällt. Andere Hormone, wie z.B. das Bindungshormon Oxytocin, müssen erst einmal gebildet werden. Dies kann einige Tage dauern. Mütter fühlen sich sehr oft überfordert und schwanken stark zwischen Freud und Leid. Dieser Umstand wurde wohl in der düsteren Vergangenheit der Menschheit genutzt, um zu selektieren.
Mutterliebe ist also keineswegs angeboren, sondern ist von Hormonen gesteuert und muss auch erlernt werden. Väter entwickeln, auch unter Einfluss von Oxytocin, mit der Zeit Liebes-Gefühle für ihren Nachwuchs.
Die Tötung von Kindern wurde im Mittelalter vom Klerus geächtet. Doch auch hier trennten sich Mütter von ihren Kindern, sei es aus Not oder Überforderung heraus. Sein Kind einer Amme zu überlassen war an der Tagesordnung. Selbst heute lesen wir immer wieder, dass Mütter ihre Kinder verstoßen oder gar umbringen, wovor der ‚normal‘ denkende Mensch zurückschreckt, da er Gründe für derartiges Handeln nicht nachvollziehen kann.
Da ich selber Kinder habe, kann ich dieses Gefühl, den Säugling zunächst als noch ‚fremd‘ zu empfinden, bestätigen. Ich gehe davon aus, dass es vielen anderen Frauen auch so geht, sie sich aber nicht trauen, dies kund zu tun, da sie sonst auf Unverständnis stoßen und als Rabenmütter beschimpft werden könnten. Selbst der Eintritt einer Schwangerschaft bringt nicht jede Frau zum Jubeln, auch wenn sie sich darüber freut und Kinderwunsch besteht, überkommen sie gelegentlich Zweifel aus unterschiedlichen Gründen. Sei es, dass sie sich Sorgen um ihre Figur macht, Angst vor unschönen Schwangerschaftsbegleitumständen hat, oder sich vor der zu üernehmenden Verantwortung fürchtet, die so ein Menschlein mit sich bringt.
Und nicht alle Männer brechen in einen Freudentaumel aus, wenn sie von der Schwangerschaft erfahren. Vielmehr macht sich auch die Angst vor der enormen Verantwortung breit und die Sorge, dieser Aufgabe überhaupt gewachsen zu sein.

Kinder galten nichts


Selbst noch Ende des 19. Jahrhunderts galten Kinder nicht viel. In der arbeitenden Bevölkerung war es üblich, dass sie überall mithalfen und größere oder kleinere Aufgaben in Haus, Hof und Familie übernehmen mussten, ihre Kindheit war schnell vorbei. Kinderarbeit war an der Tagesordnung, zumal in Familien viel und früh gestorben wurde. Mütter mussten ebenfalls mit für den Lebensunterhalt sorgen, starben im Kindbett, Väter wurden auf irgendwelchen Schlachtfeldern verheizt, oder kamen bei schwerer Arbeit um, sodass die Kinder noch mehr Aufgaben übernehmen mussten, selbst sie überlebten oft keine Hungersnöte, Krankheiten oder Kälte.

Die großen Denker der Nationen begannen drüber nachzusinnen, wie dem Kindersterben entgegen zu treten wäre. Sie waren davon überzeugt, dass im Grunde nur die Natur Vorbild für die mütterliche Liebe sein konnte.
Jean-Jacques Rousseau entwarf um 1759 ein neues Menschbild im Zuge der Aufklärung*, die dieses Jahrhundert bestimmte.

Mutterliebe ein Naturgesetz!?


Er propagierte, der Mensch sei von Natur aus gut und ist zudem mit Vernunft und der Fähigkeit zur Selbstverantwortung begabt. Allerdings entfalten sich diese Anlagen nicht von allein, zumal sie durch die Kultur verzerrt werden. Der Mensch benötige hierzu eine Anleitung, die von ganz besonderen Personen geleistet werden sollten: den Müttern. Sie sollten von nun an ihr Leben der Aufzucht und Erziehung der Kinder widmen. Die Mutter bewahrte für Rousseau das Gute und Natürliche, da sie ja 9 Monate mit dem Kinde schwanger geht.
Gleichzeitig wurde dem Mann die Zuständigkeit in allen anderen Dingen zugeschreiben. Selbst Charles Darwin übersah bei dem Mutterideal, dass dies in der Tierwelt durchaus nicht Gang und Gäbe ist, dass das Muttertier fürs Babytier immer greifbar ist.
Pestalozzi, einer der einflussreichsten Pädagogen Europas erklärte Ende des 18. Jahrhunderts, dass ‚erst die naturgemäße Selbstaufgabe für das Kind, der Frau würdevolle Größe verleiht‘.
Frausein und Muttersein wird für die Aufklärer eins, die Mutterliebe wird zum Naturgesetz erklärt. Ein Ideal, was bis zu heutigen Tage seine Wirkung zeigt, wurde von Männern kreiert.
Die ersten Erziehungsratgeber erscheinen in dieser Zeit, vor allem für die oberen Schichten der Bevölkerung. Kinder sollten demnach mit Strenge, von Anbeginn an, zu Zucht und Ordnung erzogen werden.
Mutterschaft wurde im 3. Reich zum Kult stilisiert und erst mit der Emanzipationsbewegung, die zwar bereits in den Anfängen des 20. Jahrhunderts begann, aber so richtig erst viel später von sich Reden machte, rüttelte an diesem Prinzip.

Gibt es DIE richtige Form, ein Kind für sein Leben zu stärken?


Auch hier muss die Antwort NEIN heißen.
Die Psychologin Heidi Keller ist dieser Frage nachgegangen und hat in unterschiedlichen heutigen Kulturen geforscht. So stellte sie z.B. fest, dass die körperbezogene Aufzucht der Kinder in Form von ständigem Herumtragen, Massieren, Schaukeln, hochwerfen und nachbrabbeln der Babylaute, in afrikanischen Stämmen zwar eine bessere soziale Kompetenz bei den Kindern entsteht, die Kinder der westlichen Industrienationen sich viel früher als eigenständige Personen definieren können. Jede Art, mit dem Kind umzugehen, hat seine eindeutigen Vor- und Nachteile. Sie wird erlernt, von den eigenen Eltern übernommen oder von anderen Eltern abgeschaut.
Babys werden mit einer ansehnlichen Menge an Verhaltensweise geboren, die sie je nach Bedarf einsetzten, um sie die Zuneigung und Liebe ihrer Eltern, bzw. Mutter, somit ihr Überleben, zu sichern. Und die Eltern sind ihrerseits gefordert, alle Signale ihres Kindes richtig zu deuten. Auch das bestimmt mit, ob und wieviel die Mutter-/Elternliebe sich entfaltet.

Die Art der Bindung entscheidet


Väter können auch ‚Mutterliebe‘ entfalten. Grundsätzlich kann das auch eine fremde Person. Sie jeweils so für ein Kind sorgen, dass es sich zu einem stabilen Menschen entwickelt.
Entscheidend, so haben es Forscher wie John Bowlby in den 60er Jahren heraus gefunden, sind die ersten Lebensjahre eines Kindes und davon die ersten 6 Monate, in denen der sogenannte Bindungstyp entwickelt wird. Wird durch ein Trauma eine sichere Bindung an die ‚Bindungsperson‘ nicht gestört, kann man davon ausgehen, dass diese Kinder auch im Erwachsenenalter zu sicheren Bindungen fähig sind und damit engere Beziehungen bestimmt werden. Eltern, die selber eine in welcher Form auch immer geartete unsichere Bindung erlebt haben, geben diese mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit an ihre Kinder weiter.
Die Mutter-(Eltern-)Liebe ist eine Emotion, mal mehr, mal weniger vorhanden, die u.U. auch verblassen kann, wenn sich z.B. soziale Umstände ändern, sich Eltern überfordert fühlen. Hilflosigkeit kann in Aggression umschlagen und sich gegen die eigenen Kinder richten, sodass Kinder misshandelt oder gar getötet werden.

Abschließend kann festgestellt werden, dass die Liebe der Eltern zu ihrem Kind keineswegs eine angeborene Fähigkeit ist. Durch ein kompliziertes Zusammenspiel aus der vorhandenen Menge an Hormonen, den Signalen des Neugeborenen, dem richtigen Deuten dieser Signale, den sozialen und wirtschaftlichen Möglichkeiten der Eltern, ergibt sich letztlich, ob ein Kind geliebt werden kann oder nicht und bestimmt somit wiederum einen nicht unerheblichen Teil seiner Entwicklung und Verhalten als Erwachsener.


*Immanuel Kant definierte die neue Weltanschauung so: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.“ Die Vernunft sollte sich über die herrschenden Traditionen, Religionen, Aberglauben und Offenbarungen hinwegsetzten, der Bürger sollte mündig werden, eigene Entscheidungen und Überzeugungen zu entwickeln. (Wikipedia)

Quellen: GEO WISSEN Nr. 52, Wikipedia