Jähzorn
JähzornFoto-Quelle: eigene Aufnahme

Jähzorn

Beitrag von wize.life-Nutzer

Gegensätze --- Jähzorn

Mit dumpfen Knall schloß sich die Tür der Strafvollzugsanstalt. Der Häftling Kai Lindholm folgte dem Polizeibeamten mit gesenktem Kopf. "Aus -- Vorbei" dachte er. Jetzt ist alles verloren.
Viel später, nach den Aufnahme Formalitäten, schon in Gefängniskleidung, hockte er auf dem unbequemen Stuhl seiner Arrestzelle und grübelte. Das Gericht hatte ihn zu 5 Jahren Haft verurteilt. Wie hatte es mit ihm so weit kommen können? Die letzten zwei Monate waren wie ein rasender ICE- Zug an ihm vorbeigerauscht. Ja, er hatte Ronald Groll in rasender Wut fast erschlagen. Der würde nun für den Rest seines Lebens im Rollstuhl sitzen. Viel hatte nicht gefehlt, dann läge er jetzt unter der Erde und das Urteil hätte "Lebenslänglich" gelautet.

Es dauerte einige Wochen bis der Häftling Lindholm siich an das tägliche Einerlei des Gefängnisses gewöhnt hatte. Natürlich konnte er Nachts nicht schlafen. Nacht für Nacht dachte er an sein altes Leben zurück. ----- Er war in einem gutbürgerlichen Elternhaus aufgewachsen. Der Vater hatte ihn streng aber gerecht erzogen. Seine Mutter hatte ihn geliebt und oftmals verwöhnt. Der 2 Jahre jüngere Bruder und die kleine Schwester waren nicht anders behandelt worden. Sein Verteidiger hatte nicht auf ein Fehlverhalten im Elternhaus hinweisen können. Aber - sie war schon damals dagewesen, die rote Flamme des Jähzorn`s. Urplötzlich war sie aufgelodert, wenn er sich zurückgewiesen fühlte. Vater`s Antwort waren dann ernste Gespräche, Hausarrest oder Fernsehverbot gewesen. Mutter war sehr unglücklich und konnte nicht verstehen, dass ihr lieber Junge, der stets hilfsbereit und freundlich war, auch eine dunkle Seite in sich hatte, die alle erschreckte.

Alle mochten den netten und gut aussehenden Studenten, der immer fröhlich war und die Clique anführte. Als er 20 Jahre alt war gab es den Vorfall, der auch beim Gerichtsverfahren vom Staatsanwalt vorgetragen wurde. Bei einem Discobesuch war es zwischen zwei Gruppen zu einer Schlägerei gekommen. Nachdem Kai einen Boxhieb auf die Nase erhalten hatte, war er so ausgerastet, dass er in Rage dem Gegner einen Arm brach. Damals verurteilte der Richter ihn zu 20 Sozialstunden und zu mehreren Täter-Opfer Gesprächen. Der Psychologe gab sich sehr viel Mühe mit dem unglücklichen Täter. Immer wieder sagte er ihm: "Dein Feind ist nicht dein Gegenüber, sondern dein Feind hat einen Namen. Er heisst JÄHZORN". Die Gegenmassnahmen - bis 10 zählen - den Raum verlassen - sich in die Gefühle des Anderen versetzen, waren gute Ratschläge. Trotzdem geschah es immer wieder, dass er seine Liebsten erschreckte und sie fassungslos an ihm zweifelten. Susanne, seine spätere Frau erlebte einmal, dass ihr immer ruhiger, gelassener Freund seinen eigenen treuen Hund wütend mit der Leine schlug und mit dem Fuß einen Tritt versetzte, nur weil der nicht sofort gehorchte. Das Verhältnis kühlte sich einige Wochen ab. Sie liebte ihn, verzieh im und hoffte, dass sie so etwas nicht wieder erleben musste. Die junge Familie kaufte ein Einfamilienhaus in eine Vorstadtsiedlung. Der Vorbesitzer hatte seine Arbeitsstelle verloren und konnte es nicht behalten. Nach einem Jahr wurden die Zwillinge Tom und Julia geboren. Susanne gab ihre Arbeit als Sprechstundenhilfe bei einem Augenarzt auf und blieb zu Hause. Manchmal wünschte sie sich ihre Unabhängigkeit zurück. Kai war beruflich sehr gefordert und vernachlässigte seine junge Frau ohne es selbst zu bemerken.
Niemand im beruflichem und nachbarschaftlichem Umfeld sah, dass irgendetwas beim Familienglück der Lindholms nicht stimmte. Susanne engagierte sich in der Kirchengemeinde und Kai trat in dem Tennisclub ein.
Es kam der Sommer und die Gemeinde stellte einen jungen Soziologen ein. Ronald Groll verliebte sich in Susanne, die viel zu oft allein war. Es gefiel ihr beachtet und bewundert zu werden. Nach einigen Wochen merkte auch Kai, dass sein Glück in Gefahr war. Er versuchte gelassen zu bleiben und die Liebe seiner Frau zurück zu gewinnen. Bis zu dem Samstagabend im September als das Weinfest in der Stadt gefeiert wurde. Auf dem Marktplatz war eine Bühne aufgebaut und die Kapelle spielte flotte Tanzrythmen. Kai stand an der Theke und unterhielt sich mit Freunden. Plötzlich loderte die alte, lange unterdrückte Flamme wieder auf. Seine Augen sahen nur noch rot. Die Hände ergriffen den nächsten geeigneten Gegenstand, einen Knüppel der nach den Aufbau der Buden vergessen worden war. Ronald und Susanne tanzten und schauten sich in die Augen. Mit einem Urschrei, der die ganze anerzogene Zivilisation zum Teufel schickte, schlug Kai zu. Immer wieder hob er den Knüppel. Er wollte nur eins - das selige Grinsen in diesem glatten schönen Gesicht des Rivalen auslöschen. Es dauerte bis die Umstehenden begriffen was sich vor ihren Augen ereignete und den wütenden starken Mann überwältigten. Viel, viel später sagten alle Augenzeugen aus: "das war nicht der Kai Lindholm den wir kannten."

Sein Verteidiger versuchte während der Gerichtsverhandlung immer wieder die Verdienste und guten Seiten seines Mandanten hervorzuheben. Nur - diese Charakterschwäche des Jähzorns, von irgendeinem Vorfahren geerbt, war zu offensichtlich um vertuscht zu werden.
Fünf mal 365 Tage, das sind 1 825 Tage mal 24 Stunden sind 43 800 Stunden. Der einsame Mann in seiner Zelle bedauerte den Vorfall und höffte nur, dass er seinen Kindern diese schlechte Eigenschaft nicht vererbt hatte.

Nach einigen Monaten verkaufte Susanne, mit Einverständnis ihres Mannes, das Haus. Sie bezahlte die Kredite, reichte die Scheidung ein und zog mit den Kindern nach Hamburg. Sechshundert Kilometer Entfernung war weit genug. In Deutschland gab es eine verzweifelte Alleinerziehende mehr.
Kai`s Vater war verbittert, dass sein Sohn dem Ruf der Familie so sehr geschadet hatte. Er wollte nichts mehr von ihm hören. Nur die Mutter gab ihr Kind nicht auf. Einmal in jedem Monat besuchte sie ihn im Gefängnis, begleitet von Bruder oder Schwester, die sie fahren mussten weil sie keinen Führerschein hatte. Beim ersten Mal brachte sie ihr "Enkel-Fotoalbum" mit und später erhielt Kai von jedem Foto, dass die Ex - Schwiegertochter ihr schickte, einen Abzug. Es wurde das meist gelesene Buch in der Zelle.
Die Geschwister waren sehr enttäuscht. Der gebeugte Mann in der grauen Gefängniskleidung war nicht mehr der Held ihrer Kinderzeit. Er war stets gekommen, wenn sie ihn brauchten. Nun war er kein strahlendes Vorbild mehr. Sie sahen die verweinten Augen ihrer Mutter, die tiefen Falten in ihrem Gesicht und die weiss gewordenen Haare. Einige Male begleiteten sie die Mutter noch und reichten Kai die Hand. Später gaben sie vor noch wichtige Angelegenheiten zu erledigen und holten die Mutter nur noch zu der verabredeten Zeit ab, um sie nach Hause zu fahren. Sie entschuldigten ihr Verhalten, sogar vor dem eigenen Gewissen, indem sie sagten: "Kai will nichts mehr von der Aussenwelt hören, dass einzige was ihn noch interessiert sind die Zwillinge." Sie merkten nicht, dass jetzt der Bruder sie brauchte, wenn auch nicht ihr Verständnis, aber ihre Treue und Solidarität.

Das Unglück ereignete sich im September. Anfang Dezember desselben Jahres wurde Ronald Groll aus der Reha entlassen und nach Hause geschickt. Seinen Beruf konnte er nicht mehr ausfüllen. Die Mutter pflegte ihn. Der Rollstuhl war jetzt sein Fortbewegungsmittel.
Im Dezember brachte der Postbote einen Brief. Auf einem weissen Din A 4 Bogen standen, ganz klein in Millimeterschrift, nur 4 Worte: "Verzeihung, ich bereue - Kai." Der Rollstuhl stand neben dem offenen, brennenden Kamin und dort landete das Papier umgehend und verbrannte.
Ein Jahr später wiederholte sich der Vorgang. Die Schrift war diesmal etwas grösser. Ronald sprach zum ersten Mal mit seinen Eltern über Susanne und Kai.
Als im dritten Jahr zu Weihnachten wieder ein Brief mit denselben Worten aus dem Gefängnis
eintraf schrieb er eine Antwort.
Hallo Kai, ich verzeihe dir und wünsche dir ein gesegnetes Weihnachtsfest. An diesem Weihnachtsfest soll mein Name nur auf der Türklingel stehen und sich nicht in meinem Herzen breit machen.
Einen Tag später rief er Kai`s Rechtsanwalt an und traf sich mit ihm bei Familie Lindholm. Gemeinsam setzten sie ein Gnadengesuch auf und alle unterschrieben es, auch der Vater.
Es dauerte noch 4 Monate bis dieses Papier alle Instanzen durchlaufen hatte. Kurz vor Ostern wurde Kai wegen guter Führung vorzeitig entlassen. Der Jähzorn hatte sich verabschiedet, er kam nie zurück.
Nach und nach kamen die alten Freunde wieder und auch die Angehörigen verdrängten dass es diesen Gegensatz im Verhalten des Mannes je gegeben hatte.