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Meine Mutter, eine Fremde
Meine Mutter, eine FremdeFoto-Quelle: Pixelio.de

Meine Mutter, eine Fremde

Von wize.life-Nutzer - Montag, 15.09.2014 - 09:59 Uhr

Du warst mir immer fremd. Als schöne Frau kannte ich dich, manikürt und pedikürt, onduliert und perfekt geschminkt, elegant gekleidet in Kostümen mit engen Röcken. Du hattest eine Putzfrau, mit der du zum Abschluss ihrer Dienste immer einen Cognac trankst und wenn du deine Migräne hattest, lagst du im abgedunkelten Zimmer und wir Kinder mussten leise sein. Auf Beerdigungen warst du die einzige Frau, die im blütenweissen Kleid erschien, so, als wolltest du herausragen aus der Menge. Dass du zwei deiner Kinder weg gegeben hast, konnte ich nie verstehen. Wer warst du? Wie konntest du so leben, ohne zwei deiner sechs Kinder, noch dazu in der selben Stadt?

Du liebtest die Geselligkeit. Die Wochenenden mit Vater verbrachtet ihr oft in weinseeliger Runde, du hast getanzt und gelacht, geflirtet und dich in Szene gesetzt. Die wenigen Male, die ich dabei sein durfte (musste), sie waren mir immer peinlich. Auf den Heimfahrten wurde sich in schöner Regelmässigkeit gestritten oder gesungen, je nach Stand des Alkoholpegels. Wir Kinder wurden zu Statisten degradiert, mussten bei guter Laune das Lied "Paps ist unser Bester" anstimmen, wie Hohn klang es in meinen Ohren! Mitten in der Nacht wurden wir wieder "abgesetzt", bei unseren Pflegefamilien. Ich hasste diese Wochenenden und war jedesmal froh, wenn ich wieder in den bescheidenen Wänden meiner Pflegefamilie zurück war.

Als du so qualvoll starbst, war ich noch zu klein, um Antworten auf all meine Fragen zu bekommen. Ich konnte weder trauern, noch weinen. Kein Gefühl regte sich in mir. Vielleicht, so denke ich heute, weil ich immer eines an dir vermisst habe, dass du mich nur ein einziges Mal in den Arm nimmst und mir so ein winziges Gefühl der Geborgenheit und Liebe vermittelst.

Ich bin nun erwachsen und älter als du damals, als du starbst. Meine Fragen werden immer Fragen bleiben, auf die ich keine Antworten mehr bekomme. Du warst meine Mutter, doch mir so fern und fremd wie der fernste Planet!

Foto: pixelio.de

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6 Kommentare

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Lese ich diese Lebensgeschichte, steht vor meinen Augen meine erste Frau und das, was sie vom Leben verstand bzw. erwartete. Letztlich ließ sie ihre zwei Kinder und mich zurück, ich wurde alleinerziehender Vater bis ihr klar wurde, was im Leben wirklich wichtig ist und da war es zu spät. Heute versucht sie bei ihren Enkelkindern das zurückzuholen, auf das sie damals freiwillig verzichtet hat, um "zu leben". Und, ihre Tochter, heute selbst Mutter, sagt ihr heute schonungslos offen, wie sie die Situation damals empfand und wie sie ihre Mutter damals sah und - dass sie es anders machen wird und macht. Und meine erste Frau leidet inzwischen darunter. Meine Mutter pflegte zu sagen: Es gibt kein Fegefeuer und keine Hölle, das bekommt man auf Erden!
LG
Hasko
Deine Mutter war eine kluge Frau, Hasko!
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Als ich das las, liebe Monika, jagte mir eine Gänsehaut nach der anderen den Rücken runter...so eine traurige Lebensgeschichte. Was soll ich sagen: schrecklich finde ich wenn niemand Antworten mehr geben kann. Ich umarme dich, LG Olivia
Dankeschön, Olivia!
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Hallo Monika, danke für die ergreifende Geschichte. Meine Großmutter sagte immer zu mir: Weiberl, jeder bekommt für´s Leben seine Rechnung - einer früher, einer später.
Ich wünsche Dir und mir, wenn es nicht zu vermessen ist, dass Du trotzdem alles anders gemacht hast. Liebe Grüße, Roswitha
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