Aus der Sicht eines autistischen Kindes von Bill Nason

Beitrag von wize.life-Nutzer

Aus der Sicht eines autistischen Kindes von Bill Nason verfasst:
"Meint ihr, ich hätte Spaß?"
Aus der Sicht des Kindes.
„Meint ihr, ich hätte Spaß, wenn ich schreie, auf den Boden falle und wiederholt mit dem Kopf aufschlage?“.
„Meint ihr, ich genieße es, wenn ich mitten im Klassenzimmer einen Meltdown bekomme und die anderen Kinder mich anstarren?“
„Meint ihr, ich hätte Spaß, wenn ich nicht still sitzen kann und im Raum umherlaufe, gegen die Wände pralle und eure Hilfe ignoriere?“
„Meint ihr, ich hätte Spaß, wenn ich mit glasigen Augen Löcher in die Luft starre und mich wegdrehe, um euch abzublocken, weil ich erdrückt werde und einen Shutdown bekomme?“
„Meint ihr, ich hätte Spaß, wenn ich mir wiederholt mit den Fäusten ins Gesicht schlage, bis alle Frustration vorüber ist?“
„Meint ihr, ich genieße es, euch zu schlagen, treten und zu beißen, wo ich euch doch liebe?“
„Wenn ich Leute über mein Verhalten reden höre, was ist da, das sie glauben lässt, ich täte das gerne; dass es mir Spaß macht, Durcheinander, Stress und Angst bei mir und anderen zu erzeugen? Meint ihr, ich täte das, wenn ich nicht bessere Wege hätte, mit den Problemen umzugehen? Wenn ich ständig ausagiere, um eure Aufmerksamkeit zu erlangen, sagt ihr, ich ‘suche Aufmerksamkeit’ (als wenn ich das gerne täte), und dann setzt ihr mich auf Löschung? Denkt ihr je darüber nach, WARUM ich eigentlich ständig Aufmerksamkeit brauche? Warum ich unangemessen handele, um Aufmerksamkeit zu erlangen? Anstatt mich zu ignorieren, versucht doch einmal zuzuhören und zu verstehen, warum ich ‘das Bedürfnis habe’, so zu handeln. Aufmerksamkeit zu suchen mag der offen liegende Grund sein, aber fragt euch einmal, (1) warum ich so viel Aufmerksamkeit brauche, und (2) warum ich zu diesem Verhalten greife, um sie zu erlangen. ‘Ignoriert’ mich doch nur nicht. Das zeigt mir nichts, es gibt mir nur das Gefühl, isoliert und unerwünscht zu sein. Ihr tut nichts, um mir zu zeigen, warum ich die Aufmerksamkeit brauche oder auf welche Weise ich sie besser bekommen kann.“
„Wenn ich wegen der Forderungen, die ihr an mich stellt, ausagiere, zwingt ihr mich, mich zu fügen, so dass mein Ausagieren nicht dadurch belohnt wird, dass ich entkommen darf. Ihr sagt, ich agiere aus, um euch zu ‘manipulieren’ und Dingen zu entkommen, die ich nicht mag. Habt ihr euch schon einmal gefragt, ‘warum ich das Bedürfnis empfinde, einer Sache aus dem Weg zu gehen’? ‘Was ist an euren Forderungen dran, so dass ich vor ihnen weglaufen möchte?’ Wenn die meisten Kinder sich willig fügen, warum widerstehe ich dann so störrisch? Meint ihr nicht, wenn ich die Mittel hätte und es voller Vertrauen erfolgreich könnte, dass ich es dann auch tun ‘wollte’? Wenn mein Gehirn überwältigt ist, wie kann ich dann denken und Dinge bewältigen?“
„Wenn ich von Ereignissen mit übermächtigen Geräuschen, Ansichten und Gerüchen überwältigt werde, wie könnt ihr dann meinen, mich da hindurch zu zwingen könnte mir irgendwie helfen? Wenn mein Gehirn mit Stimulation überladen wird, wie kann dann von mir erwartet werden, ‘damit umzugehen’? Wie kann ich etwas lernen, wenn mein Gehirn das in diesen Momenten nicht zulässt? Ihr zwingt mich in einen Overload: wie kann ich lernen, ‘damit umzugehen’?
„Ich wundere mich, warum ihr euch alle diese Fragen nicht stellt. Ihr nennt mich einen Manipulator, faul, respektlos, gegnerisch usw., als wenn ich absichtlich so handeln wollte; ihr geht davon aus, ich wüsste, wie man anders handelt. Bei euren Meetings sitzt ihr am Tisch und diskutiert unter euch, wie ich lernen müsse, besser zu handeln, nicht verzogen zu werden, andere respektieren zu lernen und euch euren Forderungen zu fügen, als hätte ich ‘Freude’ daran, auf diese Weise zu handeln. Ihr seht euch nicht das an, was ihr selbst ändern könntet, ihr versucht statt dessen nur, mir Änderungen aufzuzwingen. Ihr schimpft, übt Zwang aus, straft und schränkt mich ein, als wenn ich das selbst absichtlich so haben wollte. Seid ihr so sehr BESCHEUERT, nicht zu begreifen, wenn ich nicht wüsste, wie man es richtig macht und Zutrauen dazu hätte, dass ich mehr ‘Spaß’ hätte, kooperativ zu sein und die positive Aufmerksamkeit und die Belohnungen wie alle anderen Kinder zu erhalten? Seht mir ins Gesicht! Seht, wie ich handle! Seht meine Emotionen! Wie könnt ihr euch anmaßen, zu sagen, das mache ‘Spaß’?
„Eines will ich euch bitteschön sagen: Wenn ich mich mit mir gut fühlen würde und Zutrauen zu dem hätte, was ich tue, wenn ich sicher wäre und von euch akzeptiert, dann würde ich nicht auf diese Weise handeln. Entweder sind die Anforderungen aus einer Situation größer, als dass ich damit umgehen könnte, oder die Art und Weise, wie ihr mir helft (oder auch nicht), überwältigt mich, oder ich fühle mich nicht sicher, wenn ich handeln soll. Ich meine nicht, dass ihr dahin gehen sollt,‘wo der Pfeffer wächst’! Ich finde es nicht lustig, euch wütend zu machen und dass ihr frustriert auf mich eindrescht. Ich finde es nicht lustig, dass alle mich anstarren, beschimpfen und verspotten, um mich unterwürfig zu machen. Wie meint ihr, dass mir eine Zeitsperre zu geben oder mich einzuschränken mir hilft, mich sicher, akzeptiert und kompetent in eurer Gegenwart zu fühlen?“
„Wenn ihr mich kämpfen seht, dann geht bitte davon aus, dass ich mich ängstlich, unsicher, und höchst wichtig, ‘unfähig’ in dem Moment fühle. Je stärker die Gegnerschaft, desto unsicherer und unfähiger fühle ich mich. Dann fragt euch einmal, wie ihr (1) die Erwartungen und Forderungen ändern könnt, damit sie besser zu meinen Fähigkeiten passen, (2) wie ihr mir bessere Unterstützung leisten könnt, und (3) wie ihr mir bessere Fertigkeiten beibringen könnt, diese Erwartungen zu erfüllen. Und am wichtigsten: Denkt in der Hitze des Meltdowns daran, ‘Wie kann ich ihm helfen, sich sicher zu fühlen’, und nicht: ‘Wie kann ich ihn kontrollieren’? Und wenn das vorbei ist, fragt euch, wie kann ich das nächste Mal die Bedingungen verändern, um mich in ‘Kampf oder Flucht’ zu bringen, anstatt: Wie könnt ihr mein Verhalten bestrafen, so dass ich mich füge. Ihr seid es, die mich in diese Verhältnisse bringt; ihr seid es, die lernen müssen, sich zu ändern! Ja, wie bei allen Kindern, ich brauche realistische Grenzen und Konsequenzen, um zu lernen, erfolgreich zu sein; doch begegnet mir da, wo ich realistischerweise Erfolg habe, seid helfende Mentoren, und geht nicht davon aus, dass ich Spaß habe und gerne so handle!
„Danke fürs Zuhören. Und hört mir öfter einmal zu!“