Weg ins Ungewisse
Weg ins UngewisseFoto-Quelle: Andreas Hermsdorf / www.pixelio.de

Opa Heinrich geht nach Hause

Beitrag von wize.life-Nutzer

Schon als Sonja das Krankenzimmer betrat, wusste sie, es würde das letzte Mal sein, dass sie ihren geliebten Opa Heinrich sah. Er, der ihr das Liebste auf der Welt war, nachdem ihre Eltern vor fünf Jahren bei einem Autounfall ums Leben kamen. Nun lag er abgeschirmt im Einzelzimmer der städtischen Klinik. Der Arzt hatte sie verständigt, dass es sehr schlecht um ihn steht und sie hatte sich unverzüglich auf den Weg gemacht.

Sie zog sich einen Stuhl nah ans Bett und setzte sich. Opa Heinrichs Kopf wirkte ganz klein in den weißen Kissen, seine Wangen waren eingefallen. Als sie vorsichtig seine Hand nahm, rang sie bereits mit den ersten Tränen. Nicht weinen, meine Kleine, sprach er leise und drückte ganz leicht ihre Rechte. Ich hatte doch so ein reiches Leben, sprach er weiter. Du musst nicht traurig sein, Sonja. Wenn er mich da oben jetzt holt, so bin ich doch endlich frei. Frei von meinen Schmerzen, frei von der grässlichen Unbeweglichkeit, die es mir nicht mehr ermöglichte, mit dir durch die Wälder und Wiesen zu streifen, so wie früher.

Doch wenn ich jetzt auch Abschied von dir nehmen muss, so hast du doch die Gewissheit, dass ich, wenn du dann alleine spazieren gehst, in jedem Baum dir begegne, durch jede Blume, die du siehst, dir zunicke und wenn der Wind dein Haar berührt, dann wird er dich an mich erinnern, indem er es sanft streichelt. So wirst du nie ganz alleine sein, denn ich bin immer noch bei dir, auch wenn du mich nicht mehr siehst. Unter Tränen nickte Sonja dem Opa zu. Sie dachte an den Drachen, den sie gemeinsam steigen liessen, auch er war frei, als ihnen die Schnur riss und er sich in die Lüfte erhob, bis er kleiner und kleiner wurde, bevor er schliesslich in den Wolken verschwand. Opa Heinrich schien nicht traurig zu sein, es lag sogar ein weises, feines Lächeln um seine Lippen...

Nach vierzig Minuten plötzlich atmete Opa noch einmal tief ein, bevor er für immer seine gütigen Augen mit einem langen Seufzen schloss. Jetzt rannen dicke Tränen über Sonjas Wangen, doch sie hatte Opa Heinrich versprochen tapfer zu sein. Als sie die Türe der städtischen Klinik hinter sich schloss und hinaustrat, ins helle Sonnenlicht, wehte ein leichter Windstoss über ihre blonden Locken. Sie sah zum Himmel und flüsterte: "Mach`s gut, Opa Heinrich. Nun bist du endlich zuhause."