Tante Anna
Tante AnnaFoto-Quelle: Angelina Ströbel/www.pixelio.de

Tante Anna

Beitrag von wize.life-Nutzer

Manchmal habe ich ihn wieder in der Nase, ihren Duft, wenn ich mich zurück erinnere. Stets umgab sie eine Wolke Eau de Cologne, die auch dann nicht verschwand, wenn sie den Raum längst verlassen hatte. Wenn sie lachte, blitzte links oben ein Goldzahn auf, von dem ich als Kind immer wieder aufs Neue fasziniert war. Ich fand, Tante Anna war reich, denn sie hatte sogar einen Zahn aus Gold!

S i e war die Zielscheibe meiner Streiche, denn sie ertrug sie geduldig und schien sich sogar manches Mal belustigt daran zu ergötzen, denn dann ergoss sich ein schallendes Lachen aus ihrer Kehle und ihr imposanter Busen wippte dabei im Takt.

Beispielsweise richtete ich den Strahl des Gartenschlauches genau auf sie, wenn sie gerade um die Ecke bog. Sie kreischte wie ein aufgescheuchtes Huhn, mit dem Endergebnis, dass ihre Seidenbluse klatschnass an ihrem wohlbeleibten Körper klebte, während ich wieselflink das Weite suchte.

Wollte ich mir mal wieder, wie so oft, Süßigkeiten kaufen, war sie meine erste Quelle, die ich anpumpte, denn ich wußte genau, dass sie mir fast nie einen Wunsch abschlug. Oft schob sie mir auch ganz unauffällig ein Fünfmarkstück zu, wenn gerade niemand hinsah. Dabei legte sie den Zeigefinger an die Lippen, zwinkerte mir lächelnd zu und macht "psssst".

Doch das Allerschönste für mich war, wenn sie ihre Zither auspackte und fröhlich dazu sang. Das Lied vom "Vogelbeerbaum" konnte ich nicht oft genug hören, das hatte es mir angetan und ich bedrängte sie ein aufs andere Mal, es noch einmal zu spielen. Wir sangen dann im Duett, an ihrem Küchentisch sitzend, während vom offenen Küchenfenster die Vöglein draussen eifrig mitzwitscherten.

Nun ist Tante Anna schon viele Jahre tot, doch ihr Lachen und Singen, ihre ihr eigene fröhliche Art, wird immer in meiner Erinnerung sein und noch manches Mal umweht ein Hauch von Eau de Cologne meine Nase.


Foto: Angelina Ströbel/www.pixelio.de