Kubanische Frau beim Zigarre-Rauchen
Kubanische Frau beim Zigarre-RauchenFoto-Quelle: gemeinfrei

Was Frauen wirklich denken: Wohin mit mir im Alter?

Sonja Bissbort
Beitrag von Sonja Bissbort

Pflegeheim, Altenheim, Seniorresidenz, Wohngemeinschaft, Einsamkeit? Wir leben in einer Leistungsgesellschaft und einer Gesellschaft, die zunehmend singularisiert. Rund 16 Millionen Singles gibt es mittlerweile in Deutschland. Es scheint, wir werden zu einem Volk der Singles.

Das Familienmodell ist aufgebrochen: Waren früher die "Alten" in ihre Familie mehr oder weniger direkt integriert, so geraten sie heute mehr und mehr an den Rand der Gesellschaft. Alter grenzt sozusagen aus, macht einsam, als wäre man überflüssig. In manchen Ländern mehr, in anderen weniger.

Meine Urgroßmutter lebte lange Jahre in meiner Familie. Meine Großmutter wurde von meiner Mutter gepflegt.


Beide - Urgroßmutter und Großmutter - waren Teil meiner Kindheit, so selbstverständlich da wie meine Mutter, mein Vater, mein Bruder. Ich habe viele schöne Erinnerungen an die beiden. Wie wir zusammen im Garten Radieschen ernteten, Salat pflanzten, Kirschen pflückten. Wie wir Betten machten und Essen kochten.

Sonntag nachmittags war Spieltag. Da saßen alle um den großen Esstisch und wir spielten Mensch-ärger-dich-nicht oder Mau-Mau. Solange mein Großvater lebte, war er natürlich ebenfalls dabei. Auch die Großeltern väterlicherseits gehörten irgendwie dazu, auch wenn sie mehr für sich unternahmen.

Ebenso selbstverständlich war es, als Alter, Krankheit und Sterben kam, dass sie in der Familie umsorgt wurden, aufgehoben waren. Krankenhausaufenthalte waren die Ausnahme. Eine Heimlösung? Das wäre keinem in den Sinn gekommen.

Alter war Teil des Lebens. Die Zeiten waren andere.


Man lebte in der Nähe. Räumlich und wohl auch menschlich. In einem Gefüge von gegenseitigem Nehmen und Geben. Über die Generationen hinweg und ohne Vertrag. Die Kinder lernten von den "Alten" und die "Alten" lebten mit den Jungen, waren immer auch ein wenig die Puffer gegen die erziehenden Eltern. Da fand man als Kind Rückhalt für verwegene Ideen oder wenn man etwas ausgefressen hatte oder keine Lust auf Schulaufgaben hatte.

Ich habe keine Kinder.


Ich habe Patenkinder und Stiefsöhne, ich habe Freunde, nahe und sehr liebe, ich kenne viele Menschen und habe nette Nachbarn. Und doch - wie lebt man als Single im Alter? Wie wird das werden, wenn man nicht mehr so kann, wenn man Hilfe braucht, wenn die tägliche Arbeit wie Essenkochen oder Bettenmachen schwer fällt?

Wie ich dann leben möchte, weiß ich noch nicht. Es ist ja hoffentlich noch viel Zeit. Ein Platz im Heim ist nicht in meiner Vorstellung. Dazu war ich immer zu unabhängig und selbständig. Eine WG mit jüngeren, älteren und gleichaltrigen käme mir schon eher entgegen.

Am liebsten wäre es mir, so alt zu werden und auch zu sterben wie meine Freundin Margot.

Sie war Mitte 80 und ich Mitte 30, als wir uns kennen lernten. Nach dem Tod ihres Mannes lebte sie über 30 Jahre allein, reiste, unterhielt ihr Haus, nahm interessiert am Leben teil, war politisch offen, neuen Ideen und der Welt gegenüber aufgeschlossen. Sie sah mit großem Vergnügen Sportsendungen. Sie hatte keine Kinder, "nur" Neffen und Nichten. Eine Nichte fand sie eines Morgens. Die alte Dame saß in ihrem Fernsehsessel, der Fernseher lief noch. Sie war sehr friedlich mit einem Lächeln im Gesicht eingeschlafen. Zwei Wochen vor ihrem Tod hatte sie mir zu meinem Geburtstag gratuliert und gesagt, als hätte sie etwas geahnt:

"Lebe jeden Tag sehr bewusst. Ich habe das nicht immer getan. Ich habe mir vieles nicht erlaubt und dachte, zuerst komme die Pflicht."