Rühr` mich nicht an !
Rühr` mich nicht an !Foto-Quelle: ecko/www.pixelio.de

Rühr` mich nicht an !

Beitrag von wize.life-Nutzer

Wenn wir unsere Feinde hassen, geben wir ihnen Gewalt über uns – Gewalt über unseren Schlaf, unseren Appetit und unsere Seelenruhe.
Sie würden tanzen vor Freude, wenn sie wüssten, wie viel Kummer sie uns bereiten. Unser Hass schadet ihnen nicht im geringsten, aber er macht unsere Tage und Nächte zur Hölle." (Dale Carnegie)


Lilli saß, wie so oft, in ihrem Versteck, hinter den Johannisbeersträuchern. ER stand vor den Hasenställen des Hinterhofes und starrte mit glasigem Blick in deren Gehege. Sie kannte diesen Blick genau und er verhiess nichts Gutes..er hatte wieder getrunken.

ER, das war Onkel Adam. Eigentlich war er gar nicht ihr Onkel, genauso wenig wie ihre Pflegeeltern nicht ihre leiblichen Eltern waren, deren Schwiegersohn er war.Es verging kaum ein Tag, an dem er nicht trank und auch keiner, an dem er nicht seine Agressionen danach an ihr ausliess. Sie war der "Teufelsbraten", das "Otterngezücht", wie er es nannte. Nun lag es an ihr, unbeobachtet von ihm, aus ihrem Versteck zu kommen! Sie setzte alles auf ein Karte! Lilli nahm ihre Beine in die Hand und rannte los. Wäre sie nicht gestolpert und hingefallen, dann, ja dann, wäre sie aus seiner Reichweite gewesen. Aber so?

"Naaa, wo ist er, der kleine Bastard!?" Während er sie wie ein Karnickel an den Trägern ihrer Lederhose hochzog, roch sie auch sogleich seinen ihr wohlbekannten, ekeleregenden Atem, der ohne Zweifel vom reichlich genossenen Bier herrührte. Lilli, das Leichtgewicht, zappelte nun wie ein in die Falle getappter, kleiner Käfer an seinem kräftigen Arm. Er fackelte nicht lange und strebte zornentbrannt mit ihr in Richtung Wassertonne. Sein harter Griff tat ihr weh und sie spürte das Brennen der Lederhosenriemen, wie sie in ihre Haut einschnitten. "Dir werd` ich geben!!" Seine Schimpftiraden wurden immer lauter, während er sie schon über die mit Wasser gefüllte Tonne hielt und sie ohne Zögern das erste Mal eintauchte. Er hielt sie gerade so lange unter Wasser, wie er meinte, dass sie den Luftmangel gerade noch aushielt, um sie dann erneut hochzuheben und sie abermals einzutauchen, in den kalten Bottich.

Als Lilli nur noch blaue Sterne sah, sich ihre Lungen wegen ihrer angstvollen Schreie mit Wasser füllten, liess er plötzlich von ihr ab und setzte das nasse Bündel vor der Tonne ab. Mit großen, torkelnden Schritte verliess er den Hinterhof, nicht ohne noch einen letzten, hasserfüllten Blick auf die Kleine zu werfen.

Plötzlich war wieder alles still, bis auf die Vögel, die munter ihr Lied pfiffen und die Hasen, an deren Geraspel Lilli hören konnte, dass sie sich gerade über den Löwenzahn hermachten. Ganz langsam nahm Lilli ihre kleinen Ärmchen vom Kopf, über den sie sie schützend gehalten hatte. Nun erst konnte sie weinen...

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