Wir sind vom selben Stern - Brief an meine kleine Schwester
Wir sind vom selben Stern - Brief an meine kleine SchwesterFoto-Quelle: Witbuh/www.pixelio.de

Wir sind vom selben Stern - Brief an meine kleine Schwester

Beitrag von wize.life-Nutzer

Meine liebe Schwester,

erinnerst Du Dich noch? Damals, als wir Kinder waren und jeder in einer anderen Pflegefamilie groß wurde? Wir durften uns zwar gegenseitig besuchen, doch zusammen aufgewachsen sind wir nicht. Unsere Eltern hatten uns weggegeben, den Grund für ihr Tun können wir heute nur noch vermuten.

Ich weiß noch, dass ich mich immer sehr freute, wenn Du bei mir vorbei schautest. Wir spielten zusammen und die Stunden vergingen dabei wie im Fluge. Bis es dunkel wurde, musstest Du wieder bei Deiner Pflegefamilie sein, das wusste ich, wollte es aber damals nicht akzeptieren.

Es war im November, so erinnere ich mich und bitter kalt. In der kleinen Mansardenwohnung war es wohlig warm und die Holzscheite knisterten im Ofen. Du drängtest zum Aufbruch, denn Du hattest noch einen ca. 30-minütigen Weg vor Dir, solltest Du doch vor Anbruch der Dunkelheit wieder bei Deiner Pflegefamilie sein. Ich musste mir also etwas einfallen lassen, denn Dich gehen lassen, das wollte ich nicht ! Ich lockte Dich auf den Balkon und schloß die Türe hinter Dir. Du weißt, Theaterspielen konnte ich schon immer! Ich griff mir theatralisch ans Herz und mimte, dass mir furchtbar schlecht sei. Mit großen Augen standest Du am Glasfenster der Balkontüre und verfolgtest ängstlich, was geschah. "Mir ist so schwindelig, ich glaube, ich sterbe", rief ich und liess mich taumelnd zu Boden sinken. Da lag ich nun, regungslos auf dem Boden und "starb". Mit Deinen kleine Fäusten hämmertest Du an die Scheibe und dicke Tränen kullerten Dir übers Gesicht.

Ich weiß nicht, welcher Teufel mich damals geritten hat. War es Verzweiflung, wieder alleine zu sein? Du bist doch meine Schwester und wir gehören doch zusammen, oder? Warum musstest Du immer wieder fortgehen? Auch ich war noch zu jung, um es damals zu verstehen.

Als Du dann vor Angst schriest und schon ein krebsrotes Gesicht vor lauter Schreien und Weinen hattest, da hatte ich dann doch Mitleid mit Dir. Die "Leiche" erhob sich vom Boden und öffnete Dir die Türe. Wütend stapftest Du an mir vorbei, zogst Deine Rotznase hoch und machtest Dich schleunigst auf den Heimweg.

Heute lächelst auch Du, wenn wir daran zurückdenken und kannst verstehen, dass es damals meine Verzweiflung war, Dich wieder hergeben zu müssen, die mich so handeln ließ. Ich hoffe, Du verzeihst mir!

Schön, dass wir heute einen so innigen Kontakt haben und uns sehen können, wann immer wir wollen. Heute kann uns nichts und niemand mehr trennen!

In Liebe,
Deine große Schwester

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