Der leise Tod
Der leise TodFoto-Quelle: Oliver Mohr/www.pixelio.de

Der leise Tod

Beitrag von wize.life-Nutzer

Schon viele Male war sie gestorben, wurde etwas zu Grabe getragen, was Wichtigkeit für sie besass. Es waren diese Tode, die unbemerkt vonstatten gingen, solche, die sich lautlos vollzogen und nur von ihr bemerkt wurden...

Beim ersten Mal, als sie starb, war sie noch verheiratet. Schon viel zu lange wütete der todbringende Virus in ihr. Immer und immer wieder missachtete sie den dreisten Wirt, der ihr das Zusammenleben so sehr erschwerte. Sein Name war Respekt. Respekt, den sie für ihre Person einforderte und den man ihr schon seit geraumer Zeit nicht mehr gewährte. Als man ihrer Bitte des bereingten Gespräches zum wiederholten Male nicht nachkam, sondern es sogar als lästige Lächerlichkeit abtat, packte sie ihre Koffer und verliess dieses traute Heim, in dem sie sich nicht mehr daheim fühlte.

Beim zweiten Mal, als etwas in ihr starb, befand sie sich bereits viele Jahre in einer neuen Beziehung. Schon länger spürte sie, dass etwas nicht stimmte. Ihre vorsichtigen Fragen, ob es im Leben des Anderen eine neue Liebe gäbe, wurden jedesmal vehement verneint. Durch einen dummen Zufall wurde sie eines Besseren belehrt. Masslos enttäuscht starb sie, von allen unbemerkt, den zweiten Tod, den Tod der Lüge. Dass dieses leise Sterben auch noch etwas anderes in ihr sterben liess, wusste nur sie alleine. Unbemerkt von allen war auch ihr Vertrauen gestorben.

Nun lebte sie wieder alleine, etliche Jahre. Was ihr blieb, war ihre spärliche Freizeit, mit der sie nicht so recht etwas anzufangen wusste, da sie die Kommunikation mit einem ihr vertrauten Menschen vermisste. Sicher gab es befreundete Kolleginnen, mit denen sie sich ab und an traf, doch in Dingen, die ihr Herz betrafen, fühlte sie sich alleine. Diesmal war die Einsamkeit das todbringende Elixier. Sie atmete zwar noch, war zweifelsohne auch noch hier, aber Leben verstand sie anders.

Als sie ihn dann vor Jahren traf, begann sie sich endlich wieder zu spüren. Sie genoss die Wärme, die von im ausging und in ihren stundenlangen Gesprächen öffneten sich bei ihr nach und nach Türen, die sie lange verschlossen hielt. Fast unbemerkt von ihr, fand sich auch wieder das Vertrauen ein. Es war ein sehr langer Weg dorthin, doch sie bereute keine Sekunde, ihn gegangen zu sein. Nun will sie leben, im Hier und Jetzt und jede Minute ihres neuen Lebens geniessen, denn genau so leise, wie die Tode kamen, kam die Liebe zu ihr zurück...

Foto: Oliver Mohr/www.pixelio.de