wize.life
Neu hier? Jetzt kostenlos registrieren und mitmachen! Warum eigentlich?
Der Sensemann, Skulptur von August Schmiemann
Der Sensemann, Skulptur von August SchmiemannFoto-Quelle: Factumquintus unter https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/

Der Sensenmann

Von wize.life-Nutzer - Freitag, 07.11.2014 - 19:21 Uhr

Lilli wagte nicht zu atmen. Ganz schnell und heftig schlug ihr Herz in dem kleinen Brustkorb. Im Geräteschuppen war es eng und es roch nach Gras und Erde. Sie saß zusammengekauert am Boden zwischen den Sensen und Wetzsteinen und hielt sich die Ohren zu. Die ganze Zeit suchten sie schon nach ihr, wollten sie mitnehmen, ins Krankenhaus, zu ihrem Pflegevater, der "im Sterben lag", wie sie sagten.

Im Eiltempo zogen die Gedanken in ihrem Kopf vorbei. Vor drei Wochen hatten sie ihn abgeholt und ihn auf einer Bahre die engen Mansardenstiegen hinunter getragen und nachdem sie ihn in das große Auto mit dem roten Kreuz verfrachtet hatten, fuhren sie in schnellem Tempo und mit heulenden Sirenen an Lilli vorbei, die auf den kalten Stufen des Hauseingangs saß. Das Letzte was sie sah, war dieses blinkende, blaue Licht, bevor das große Auto um die Ecke bog.

Seitdem hatte sie ihn nicht mehr gesehen. Er, der sie abends immer zudeckte und mit ihr das Abendgebet sprach, mit ihr zusammen "Guten Abend, gute Nacht" sang, er, der danach leise das Licht löschte, nachdem sie sich in die Federn gekuschelt hatte...er war plötzlich nicht mehr da! Man sagte ihr, dass er sehr krank sei und einen Tumor im Kopf hätte. Lilli stellte sich diesen Tumor wie einen Blumenkohl vor, der immerzu wuchs und größer wurde, bis er seinen ganzen Kopf ausfüllte. Dies machte ihr große Angst! Sie sagten, dass der Tod eine Erlösung für ihn wäre. Was wohl eine Erlösung ist? Sie wußte es nicht genau...

Den Tod hatte sie schon einmal gesehen, damals, als sie die große Kirche in Oberbayern mit dem Pflegevater besuchte. Hinter der mächtig dicken Kirchentüre stand er, ganz hoch oben auf einem Sockel. In der Hand hielt er eine Sense, die sich im Sekundentakt bewegte. Man erklärte ihr, dass immer, wenn der Sensenmann die Sense bewegte, in jeder Sekunde ein Mensch auf dieser Erde den Tod fand. Sie fürchtete sich vor diesem knöchernen Mann und musste immer wieder zu ihm hochblicken, bis sie die Kirche wieder verliessen.

Zögerlich nahm Lilli die Hände von den Ohren, sie hatten aufgehört nach ihr zu suchen. Wahrscheinlich fuhren sie nun zu ihm, ohne sie. Plötzlich schluchzte sie und dicke Tränen rollten über ihr Gesicht. Sie schämte sich, dass sie so feige war, dass sie sich versteckte und die Angst vor diesem Ungeheuer, dass sich Tod nannte, ihr allen Mut nahm. Sie spürte und wusste, dass der Sensenmann heute, wenn er seine Sense bewegte, ihr etwas wegnehmen würde was sie liebte.


Foto: Norbert H./www.pixelio.de

5 Kommentare

Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
Eine sehr sensible Geschichte aus Kindersicht - da spürt man selbst, wie übermächtig so ein "Ungeheuer" sein kann... Die Eltern hätten, trotz ihrer gewiss eigenen Betroffenheit, das Kind feinfühlig auf diesen Abschied vorbereiten sollen. Letztlich ist das Fehlen des Großvaters ja ein Verlust für das Kind. Aber je nach Alter ist es wohl besser, wenn Lilli die Bilder der Erinnerung vor den Augen hat. Dennoch gehört das Sterben auch zum Leben und sollte in Gesprächen mit einem Kind nicht mit " Abschreckungsfiguren" verroht werden.
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
Ich kann das kleine Mädchen sehr gut verstehen... einen geliebten Menschen tot zu sehen, ist nicht schön, denn der Tod verändert auch das Gesicht sehr. Lieber in guter und lebendiger Erinnerung behalten.
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
Diese Geschichte mag ich nicht; da bin ich ganz Kind. Dennoch muss man sie erst mal lesen . . .
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
Gut beobachtet Monika, mir ging's als Kind auch so. Die Erwachsenen erzählen - aus Angst - so viel Unsinn. Später habe ich mich durch meinen Beruf mit dem Tod und dem Sterben arrangieren müssen und mir wurde klar es gehört zum Leben
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
Liebe Monika, schön geschrieben Deine Geschichte. Lilly soll den geliebten Menschen so in Erinnerung behalten, wie er war. Der Tod im Menschen lässt ihn schlimm aussehen. Es ist besser so fur Lilly
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.

wize.life News per Push Benachrichtigung in Ihrem Browser aktivieren

Benachrichtigungen aktivieren