Der Sensemann, Skulptur von August Schmiemann
Der Sensemann, Skulptur von August SchmiemannFoto-Quelle: Factumquintus unter https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/

Der Sensenmann

Beitrag von wize.life-Nutzer

Lilli wagte nicht zu atmen. Ganz schnell und heftig schlug ihr Herz in dem kleinen Brustkorb. Im Geräteschuppen war es eng und es roch nach Gras und Erde. Sie saß zusammengekauert am Boden zwischen den Sensen und Wetzsteinen und hielt sich die Ohren zu. Die ganze Zeit suchten sie schon nach ihr, wollten sie mitnehmen, ins Krankenhaus, zu ihrem Pflegevater, der "im Sterben lag", wie sie sagten.

Im Eiltempo zogen die Gedanken in ihrem Kopf vorbei. Vor drei Wochen hatten sie ihn abgeholt und ihn auf einer Bahre die engen Mansardenstiegen hinunter getragen und nachdem sie ihn in das große Auto mit dem roten Kreuz verfrachtet hatten, fuhren sie in schnellem Tempo und mit heulenden Sirenen an Lilli vorbei, die auf den kalten Stufen des Hauseingangs saß. Das Letzte was sie sah, war dieses blinkende, blaue Licht, bevor das große Auto um die Ecke bog.

Seitdem hatte sie ihn nicht mehr gesehen. Er, der sie abends immer zudeckte und mit ihr das Abendgebet sprach, mit ihr zusammen "Guten Abend, gute Nacht" sang, er, der danach leise das Licht löschte, nachdem sie sich in die Federn gekuschelt hatte...er war plötzlich nicht mehr da! Man sagte ihr, dass er sehr krank sei und einen Tumor im Kopf hätte. Lilli stellte sich diesen Tumor wie einen Blumenkohl vor, der immerzu wuchs und größer wurde, bis er seinen ganzen Kopf ausfüllte. Dies machte ihr große Angst! Sie sagten, dass der Tod eine Erlösung für ihn wäre. Was wohl eine Erlösung ist? Sie wußte es nicht genau...

Den Tod hatte sie schon einmal gesehen, damals, als sie die große Kirche in Oberbayern mit dem Pflegevater besuchte. Hinter der mächtig dicken Kirchentüre stand er, ganz hoch oben auf einem Sockel. In der Hand hielt er eine Sense, die sich im Sekundentakt bewegte. Man erklärte ihr, dass immer, wenn der Sensenmann die Sense bewegte, in jeder Sekunde ein Mensch auf dieser Erde den Tod fand. Sie fürchtete sich vor diesem knöchernen Mann und musste immer wieder zu ihm hochblicken, bis sie die Kirche wieder verliessen.

Zögerlich nahm Lilli die Hände von den Ohren, sie hatten aufgehört nach ihr zu suchen. Wahrscheinlich fuhren sie nun zu ihm, ohne sie. Plötzlich schluchzte sie und dicke Tränen rollten über ihr Gesicht. Sie schämte sich, dass sie so feige war, dass sie sich versteckte und die Angst vor diesem Ungeheuer, dass sich Tod nannte, ihr allen Mut nahm. Sie spürte und wusste, dass der Sensenmann heute, wenn er seine Sense bewegte, ihr etwas wegnehmen würde was sie liebte.


Foto: Norbert H./www.pixelio.de