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Chiemgau

Der Jahrestag

Von Deutscher Evangelischer Frauenbund Bayern - Donnerstag, 07.05.2015 - 10:55 Uhr

Der Jahrestag


Es war erschütternd, die Tante ganz in Schwarz zu sehen und allein. 54 Jahre waren sie verheiratet gewesen, plus die Zeit davor, sehr schön nach dem Krieg, miteinander gehen und Sitzen auf dem Birkenbankerl.

Nach einer Weile und arbeitsbedingt waren sie in seine Heimat gezogen, in den wunderschönen Chiemgau, und da wuchsen die Töchter heran. Berta hieß nach dem Vater, die Lies nach der Oma, ihrer Mutter. Es gab viel Arbeit, aber auch viel Freude. Skifahren konnten sie, auch mal in Urlaub fahren, ganz anders als in der Jugend oder der Elterngeneration. Und übers Jahr gab es immer so viel Festl und Einladungen, so viel Geselligkeit, mit ihrem wunderbaren Mann immer als natürlichem Mittelpunkt, denn er liebte die Leute und das Leben und sie liebten ihn auch. Überall waren sie dabei, und während er im ganzen Leben großzügig war, aber im Rahmen, kam es ihr zu, den Laden sagen wir mal zusammenzuhalten und die eher etwas Sparsame zu sein. Denn die Arbeit war viel, der Verdienst aber weniger. Dabei war er gar nicht immer nur lustig und hatte auch sein Päckchen zu tragen, wie alle in dieser Generation. Den Großteil davon hatte er schon in der Jugend als Soldat aufgepackt gekriegt. Auch daheim war es nicht immer alles einfach gewesen, wenn alle weg waren im Feld und auch nicht mehr wiederkamen. Aber das war nicht so beim Feiern, da war es schön!

Sie hatten ein Haus gebaut, zusammen mit den Schwiegereltern, die unten wohnten und sie oben, wo es auch wegen der Mädchen zuging wie in einem Bienenstock. Eine große Freude, wenn wiederum natürlich auch viel Arbeit war der schöne Garten, der mit Wiese, Beeten und Obstbäumen das Haus umgab. Es gab auch eine große Garage und einen Holzschuppen, und was sich da alles ansammelte im Lauf der Zeit!

Auf der Terrasse oder oben auf dem Balkon, der ums Haus herumlief, konnte man schön draußen sitzen und Kaffee trinken oder der Sonne beim Untergehen zusehen. Wenn es heiß war, wurde der Kaffeetisch eben unter dem Apfelbaum gedeckt. Wenn welche von der zahlreichen Verwandtschaft dazukamen, wurde der Tisch ausgezogen. Wenn es viele waren, fand die Feier unten statt, wo der Wohnraum und der Tisch noch größer waren.

Später waren sie nur noch zu zweit, und es reichte ein kleiner Tisch, zumindest für den Garten. Der ließ sich auch leichter herumtragen in die Sonne oder den Schatten, wie gewünscht. Da saßen sie dann oft und lasen oder, dies besonders gerne, spielten Karten.

Die Goldene Hochzeit war ein so schönes Fest, mit allen allen, über hundert Leuten, die meisten davon Verwandtschaft. Für das Foto mit ihnen in der Mitte, zufrieden und würdevoll, hatte der Fotograf die Leute in sechs Reihen gestaffelt. Eine schöne Erinnerung an ein schönes Fest.

Ihr Mann starb am Krebs. Es wurde einfach weniger mit ihm. Sie blieben oben wohnen, aber sie hatten die Wohnung schon ein bisschen umgebaut, um es leichter zu machen. Beide Töchter, die Ältere wohnte unten, die andere nicht am Ort, kamen oft und halfen. Es ging gut, bis es dann halt nicht mehr ging.

Noch in dem Jahr als Witwe wurde die Tante aus Kummer und Alter wunderlich. Ihre jüngere Schwester war ab und an ein bisschen ungeduldig mit ihr, weil sie das nicht so sehen wollte. Aber es war der Weg in die Demenz, die dann auch rasch fortschritt. Da noch mehr als irgendwann zeigten die beiden Töchter, dass sie Gold wert waren. Beide waren über die sechzig gekommen und aus dem Beruf, beide hatten ihre Kinder groß und bekamen Enkel in der Zeit. Und beide kümmerten sich in der rührendsten Weise um die Mutter und ihre Bedürfnisse. Die Hauptlast der Pflege, die in der vertrauten Umgebung der Wohnung oben stattfand, trug die Tochter, die im Haus wohnte. Aber die andere kam immer wochenweise herüber. Der Pflegedienst kam und kam immer öfter. Auch beide Töchter wurden Pflegeexpertinnen. Die Mutter war unbeweglich geworden, sie konnte nur noch liegen oder in ihrem Spezialrollstuhl mit Kopfstütze am Küchentisch sitzen. Die Beiträge zum Gespräch wurden rätselhafter, zum Schluss nur noch den beiden Töchtern verständlich, die alle Töne wussten und kannten. Die Pflegearbeit wurde mehr, es wurde mehr Hilfe erforderlich und kam auch ins Haus, aber alles geschah in großer Freundlichkeit und vor allem Liebe. So verstanden sie sich mit ihrer Mutti, als sie nicht mehr sprechen konnte, wie auch sie sie verstanden hatte, als sie noch nicht sprechen konnten.

Die Pflegephase war lange, sie dauerte Jahre. Nicht alle, nein wenige nur hätten diese nicht einfache Zeit so durchstanden wie diese beiden Schwestern. Wenn man sie besuchte und mit ihrer Mutter sah, spürte man das tiefe und gute Verständnis, das sie alle miteinander verband und wahrscheinlich das ganze Leben verbunden hat. So auch jetzt, in der letzten Zeit. Das von außen Unverständliche war ein Geheimnis, das sie miteinander hatten. Ein gutes.

Dann hätte die Mutter operiert werden müssen, eine schwere, sehr schwere Operation. Es gab eigentlich keine Chancen, dass die über Neunzigjährige den Eingriff überleben könnte. Deshalb einigten sich alle Beteiligten darauf, dies nicht mehr mit ihr machen zu lassen und vertrauten sich der Palliativmedizin an. Es ging in der guten Weise weiter und dann auch zu Ende. Die Töchter riefen die Verwandten und luden die Cousinen zum Kaffee, um den Einzelnen Gelegenheit zu geben, sich von der geliebten Tante verabschieden zu können. Denn sie war ja nicht nur die Mutter und Großmutter, sogar Urgroßmutter, sondern auch die würdevolle und elegante Tante von allen. So war es gut, sich verabschieden zu dürfen und dass sie es möglich gemacht hatten.

Eines Nachts brachte ihr ihre Tochter noch einen Tee, dass die Mutter keinen trockenen Mund und Hals mehr hatte und weiterschlafen konnte. Als sie am Morgen nach ihr sahen, war sie gestorben.

Wir waren alle zur Beerdigung. Mit der gleichen großen Würde ihres langen Lebens war sie von allen in dem Ort und aus dem stillen Tal ihrer Geburt beerdigt worden, die Glocken läuteten vom hohen Turm, auf dem Friedhof war es hell und trocken. Wir hatten noch alle beisammengesessen im Gasthof. Es war ein volles Leben, bis zuletzt. Niemand hat daran irgendetwas abgetan. Es war auch ein Leben in Gott, zu dem sie in ihrem Elternhaus herangewachsen waren durch das Beispiel von Mutter und Vater.

Die Schwestern haben seither ihr eigenes Leben in vollem Umfang wieder aufgenommen, aber es ist wie es immer ist, wenn die Mama nicht mehr da ist. Mag sein, bei ihnen ist es noch mehr so, weil sie ihre Mutter so lange so intensiv gepflegt haben. Es war gut, dass das ging, und dass sie es möglich gemacht haben. Vorletzten Monat waren wir zusammen essen. Es ging ihnen gut. Wir müssen mal anrufen, wie es ihnen geht.

1 Kommentar

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Eine schöne und rührende Geschichte! Es ist ein Gottesgeschenk, wenn man zuhause, in so liebevoller Umgebung, sterben darf.
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