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60 Jahre MuKi Fahnen

Ein Seismograph gesellschaftlicher Entwicklungen - 60 Jahre Haus für Mutter und Kind in Fürth

Von Deutscher Evangelischer Frauenbund Bayern - Dienstag, 01.12.2015 - 16:14 Uhr

Anfang der 50er Jahre hatten Frauen des Deutschen Evangelischen Frauenbundes unter der Federführung von Elisabeth Meyer-Spreckels mit der Planung für ein „Wohnheim arbeitsentwöhnter Mädchen in truppenbesetzten Gebieten zum Zwecke der Resozialisierung“ in Fürth begonnen. Da am 11. Januar 1955 die ersten Frauen einzogen, kann diese soziale Einrichtung des Deutschen Evangelischen Frauenbundes in diesem Jahr ihr 60-jähriges Bestehen feiern. Die ersten Bewohnerinnen waren ledige und ungewollt schwangere junge Frauen mit ihren neugeborenen Kindern. Mittlerweile haben mehr als die Hälfte der dort aufgenommenen Frauen psychische Erkrankungen, die Bewohnerinnen sind mul- tikulturell und multinational geworden.

Anfangs war der Ortsverband Nürnberg e.V. des Deutschen Evangelischen Frauenbundes Träger des Hauses in der Frühlingstraße, dann der am 16.12.1958 gegründete Freundeskreis Fürth e.V. des Deutschen Evangelischen Frauenbundes, Landesverband Bayern. Seit dieser Zeit trägt ein ehrenamtlicher Vorstand die Verantwortung für die Einrichtung. Das Haus wurde unter dem von Eli- sabeth Meyer-Spreckels geprägten Motto „Es könnten unsere Töchter sein“ geplant, gebaut und bis heute von engagierten Christinnen und Christen betrieben und getragen, für Menschen ohne Lobby. Als besondere und prägende Persönlichkeit ist hierbei Käthe Rohleder zu erwähnen, die erste ordinierte Pfarrerin in Bayern, Mitbegründerin und Herz des Hauses bis in die 90er Jahre.

Anfang der 60er Jahre veränderte sich aber die soziale Struktur der Bewohnerinnen in der Frühlingstraße, denn der ökonomische Aufschwung der 60er Jahre in der Bundesrepublik hatte gravierende Folgen für das Rollenbild der Frauen. Sie wurden in großer Zahl in den Arbeitsprozess eingegliedert, das Bild der„Nur Hausfrau und Mutter“ bekam die ersten Risse. Immer mehr Frauen verdienten ihren Lebensunterhalt selbst. Aber Mütter mit nicht ehelichen Kindern waren ge- sellschaftlich immer noch stigmatisiert. So wuchs der Bedarf an Plätzen für berufstätige, unverheiratete Frauen mit Kindern, die aufgrund herrschender Vorurtei- le keine Wohnung bekamen. 90 Prozent zahlten in den 60er Jahren ihren Aufenthalt selbst, da sie über ein regelmäßiges Erwerbseinkommen verfügten. Der Träger – der Deutsche Evangelische Frauenbund – und die Heimleitung trugen dieser Entwicklung Rechnung.

Erstmals wurde daher 1961 in der Frühlingstraße für die Kinder berufstätiger Mütter eine „Krabbelstube“ eingerichtet. Kinder bis zu 2 Jahren konnten hier betreut werden – ein Vorläufer der heutigen Kinderkrippe und jahrzehntelang die einzige Kinderkrippe in Fürth. Einen Kindergarten und einen Hort für die schulpflichtigen Kinder gab es schon in der Einrichtung. In den Jahren 1965 bis 1967 wuchs der Bedarf an Unterkunftsmöglichkeiten für ledige, berufstätige Mütter. Daher wurde neben dem Mädchen-Wohnheim ein Frauen-Wohnheim eingeric tet. „Das Haus ist immer voll belegt und die Nachfrage außerordentlich groß...“(aus einem Prospekt aus dem Jahr 1965). Zusätzlicher Bedarf entstand durch die jetzt beginnende Zuwanderung ausländischer Frauen und Mädchen, um den beginnenden Mangel an Arbeitskräften auszugleichen.


Im Jahr 1973 bestimmte dann die Diskussion um den §218 StGB – die Freigabe des Schwangerschaftsabbruchs – die öffentliche Meinung. Die christlichen Kirchen und auch die Leitung der „Wohnheime Frühlingstraße“ lehnten aufgrund ihrer christlichen Wertvorstellung eine Legalisierung ab. Sie boten alternativ eine verstärkte Hilfe für Alleinerziehende und Frauen in Notlagen an. Das war ein entscheidender Grund für den 1972 begonnenen und 1973 vollendeten Erweiterungsbau. Ein weiterer Grund war die Verbesserung der Wohnverhältnisse für die Bewohnerinnen und die deutliche Zunahme der Frauen, die Hilfe benötigen. So entstanden der„Neubau“ mit 14 Plätzen und die Kindertageskrippe für 40 Kinder.

Ab April 1982 gab es im „Haus für Mutter und Kind“ die Wohngemeinschaft „Frauen in Not“ für elf Frauen. Damit hatte die Leitung des Hauses auf ein bisher weitgehend verdrängtes Problem in der Gesellschaft reagiert: Gewalt gegen Frauen und Kinder in Familien und Partnerbeziehungen. In anderen Regionen der Bundesrepublik gab es bereits „Frauenhäuser“, in denen die Opfer Zuflucht finden konnten, nicht aber in Fürth.

1994 wird das „Haus für Mutter und Kind“ um ein weiteres Haus - diesmal für die Außenwohngruppe - in der Frühlingstraße erweitert. Die Einweihung gestaltete die jetzt 83jährige Pfarrerin Käthe Rohleder. Aufgrund der großzügigen Raumaufteilung und der komfortablen Ausstattung heißt dieses Haus bei Bewohnerinnen und Personal bis heute „die Villa“. Klar, dass „in der Villa“ zu wohnen ein begehrtes Ziel der Frauen und Mädchen ist. Sie ist Vorstufe und Übungsfeld für den Auszug und ein Leben in der eigenen Wohnung.

60 Jahre „Wohnheime Frühlingstrasse“. Wie viele Frauen und Kinder in diesen Jahren dort einen neuen Start ins Leben gewagt haben, lässt sich nicht mehr zählen. Ebenso wenig lässt sich heute sagen, bei wem er gelungen ist. Sicher ist, es waren viele Hundert, die die Hilfe über einen kurzen oder längeren Zeitraum benötigt haben. Diejenigen, die im Haus gearbeitet haben oder noch arbeiten, haben sich immer bemüht, allen Frauen und Kindern einen guten Aufenthalt zu schaffen.

Und heute gibt es immer weniger Arbeitsplätze für wenig qualifizierte Frauen. Die Folge: Kaum eine Frau, die das Haus heute verlässt, kann ihren Lebensunterhalt selbst verdienen, bleibt auch nach dem Aufenthalt auf Lohnersatzleistungen angewiesen. Und der Engpass bei bezahlbarem Wohnraum trifft auch die Bewohnerinnen. Es wird daher immer schwieriger und langwieriger, eine geeignete Wohnung für die Frauen zu finden. Hier zeichnet sich ein künftiger Handlungsbedarf des Deutschen Evangelischen Frauenbundes ab.

Im Laufe der Jahre änderten sich immer parallel zu den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen die pädago- gischen Handlungskonzepte und auch der Name. Aus dem Mädchenwohnheim werden das „Haus für Mutter und Kind“ und schließlich die „Wohnheime Frühlingstraße“. So sind nach 60 Jahren aus einem Haus mehrere Gebäude geworden, mit Aufnahmegruppen, Innen- und Außenwohngruppen, mit sozialpädagogischen Wohn- gruppen, Werkstätten, Kindertageskrippen, mobilen Be- treuungsangeboten und einer Vielzahl an hauptamtli- chen Mitarbeitenden. Dabei war und ist diese Einrichtung immer ein Seismograph gesellschaftlicher Entwicklungen und notwendiger Hilfestellungen für Mütter mit Kindern.

Katharina Geiger, Geschäftsführerin DEF LV Bayern

Informieren Sie sich über die Arbeit im „MuKi“ auch unter www. muki. de

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