NEULANDFIEBER Teil 1
NEULANDFIEBER Teil 1

NEULANDFIEBER Teil 1

Beitrag von wize.life-Nutzer

Neulandfieber!?

Seit zwei Tagen sitze ich etwas ratlos im Chaos der vielen Kleidungsstücke, die in meinem Zimmer sämtliche Möbelstücke ‚zieren. ‘
Heute heißt es alles im Koffer zu verstauen, ohne ein überflüssiges Teil. Der große Koffer steht fest verschnürt im Flur, als die Kinder von der Schule kommen. Amely-Merle beginnt sofort für sich und ihre Brüder Essen zu kochen, ich brauche sie nicht einmal darum zu bitten. Sie scheint zu ahnen wie groß meine Nervosität ist. Schließlich ist es das erste Mal, dass ich ohne die Kinder auf Reisen gehe. Die Reisetasche muss ich drei Mal umpacken, bis sie locker zu geht.
Fünfzehn Uhr, ich stehe frisch, gekleidet und frisiert, verhalten nervös, am Fenster. Kai ist so kribbelig, dass er fortwährend an seinem Bruder herum zerrt und ‚pitscht. ‘ Je nervöser ich innerlich werde, desto ruhiger gebe ich mich nach außen. Wird mit den Kindern alles glatt gehen? Ist kein Mitteilungszettel vergessen, alle wichtigen Telefonnummern notiert?
Die Kinder meinen ich müsse doch vor Freude in die Luft springen, können meine – scheinbare – Ruhe gar nicht fassen. Dabei denke ich ausschließlich an sie, kämpfe mit meinem schlechten Gewissen, bin jedoch fest entschlossen, auch innerlich alles hinter mir zu lassen, wenn ich erst einmal im Wagen sitze.
Voller Spannung beobachten wir, wie schräg gegenüber Ludwig und Renate das Gepäck im Auto verstauen und dann vor unserer Haustür halten. Malte schleppt den großen Koffer die Stufen hinab und ich…. könnte fast schon wieder umkehren. Tapfer, Tränchen verbeißend, steige ich zu meinen Freunden in den Jeep. Was nur mögen die Kinder empfinden, als wir ihnen aus dem Gesichtsfeld entschwinden?
Früh, am nächsten Morgen, in Münster bei Renates Mutter übernachtet, bringt Ludwig uns zu ‚Gummibahnhof‘. Wir besteigen den Bus, der uns nach Amsterdam bringen soll.
Der Motor brummt, die Räder rollen durch das wunderschöne Münsterland. Ich bin bereit los zu lassen, mich für die erste große Reise, die mir in den Schoß gefallen ist, zu öffnen. Renates Schwägerin hatte sie gewonnen. Sie und ihr Mann konnten die Reise nicht antreten und verschenkten sie an uns.
Das erste Mal in meinem Leben darf ich nun ganz und ausschließlich an mich denken. Kleines, großes Ich bin der absolute Mittelpunkt in mir, für ‚zeitlose‘ Tage. Keine Verantwortung, nicht die kleinste Pflicht. Jeden meiner Schritte darf ich für mich entscheiden. Jeden wohltuend entspannenden, spannenden Moment mit und in mir genießen. Mir wird klar, dass wenn wir an Bord des Schiffes sind, jede Entscheidung, mein Zuhause betreffend, in weite Ferne gerückt sein wird. Nicht nur nach Kilometern. Schon jetzt beginne ich mich ‚Jahrhunderte‘ von meinem Gesternleben entfernt zu fühlen, in all die wirrlig-wuselig warmen, ungewohnten Gefühlsschwingungen eingebettet.
Sprühendes, ursprüngliches Feuerwerk an Gefühlen. Ich könnte jubeln vor Glück, bleibe jedoch andächtig stumm. Ich schaue hinaus in das bunte Treiben der Welt und tief in mich hinein.
Der Bus erreicht endlich das Gate am Hafen. Wir verlassen die Passkontrolle. Da liegt sie, die prachtweisse Finnstar. Beschwingt steigen wir die Gangway hinauf, lassen uns die Kabine zuweisen, die wir auch schnell finden. Das Gepäck steht schon in unserer Bleibe. Ein gutes Gefühl, dass ein unsichtbarer Mensch für uns gesorgt hat. Es scheint, als seien wir seit Stunden erwartet und willkommen geheißen. Unzählig neue Gefühle stürmen auf mich ein.
In den folgenden zwei Tagen, das hier muss der Himmel sein, entdecken wir das Schiff. Es ist 153 Meter lang, 20 Meter breit. Die Finnstar hat einen Tiefgang von sechs Metern und über die Höhe der fünf Decks misst sie 13 Meter. Mit 21 Knoten durchpflügt sie das Meer.
Wir tummeln uns im Salzwasser-oder-Süßwasserschwimmbad, gehen ins Kino, schwitzen auf dem Sportdeck, lassen übermütig Tennisbälle fliegen und durchtanzen bei heißen Rhythmen mehr als die halben Nächte, um dann die Stille der Bibliothek zu genießen, oder uns an Deck in der Sonne zu aalen. Überladene Essenbuffets mit unbeschreiblichen Köstlichkeiten machen, vier Mal am Tag, die Entscheidung schwer. Ganz zu schweigen von den Mittagsmahlzeiten.
Eine fröhliche, Niederländische Journalistenschar lädt uns ein, uns ihnen an zu schließen. Jason, wir nennten ihn so, weil er dem Schauspieler Jason King verblüffend ähnlich sieht, ist immer zu einem Schabernack aufgelegt. Linda, eine herzliche Frau in der Lebensmitte, lacht gern und viel. De oude (der alte) Willem, wie er sich selber vorstellt, steht kurz vor der Pensionierung, versteckt sein Lächeln hinter einem gewaltigen Schnurrbart. Der quirlige Rob redet und scherzt wie ein Wasserfall. Er ist mit einem Mitglied der Kapelle bekannt und wird gebeten abends zu singen. Aus seiner früheren Zeit mit eigener Band, hat er ein unbeschreiblich großes Repertoire zu bieten. Wir sind von seiner Stimme hingerissen.
Ja, und dann kommt er, der Tag des ersten Landganges.
Morgentoilette und Frühstück nehmen nur den zweiten Platz unserer Aufmerksamkeit ein. Wir eilen zum Bug des Schiffes, um die Einfahrt des Schiffes in den Hafen von Lissabon nicht zu versäumen. Viele Passagiere stehen an der Reling. Der Wind spielt mit leichten Kleidern, lässt Haare flattern. Farbenprächtige Bilder rücken näher. Rechts, auf einem Hügel des Ufers, ragt eine gewaltige Christusstatue in den Himmel. Ihre Arme weit, segnend ausgebreitet überspannen eine Breite von 28 Metern. Das ist auch die Gesamthöhe der Figur. Der Belem Tower kommt linker Hand in nähere Sicht. Ein Bau von eigenwilliger Schönheit. Weit vor uns spannt sich eine immense Brücke über den Tejo, mit einer Fahrbahnhöhe von hundert Metern. Die Pfeiler ragen bis zu 180 Meter in die Höhe. Autos gleichen Käfern im Wettlauf. Vor uns öffnet sich der Hafen. Sattgrüner Schmuck an den Ufern. Mir erscheint es als Tor zu einer anderen, geheimnisvollen Welt. Weit und frei. Wie die Christusstatue möchte ich die Arme ausbreiten, mich einem neuen Leben entgegenwerfen.
Alle Passagiere sprechen beeindruckt leise, so als bestünde Gefahr diese Idylle mit lauten Worten zu zerstören. Unser schwimmendes Heim macht am Ufer fest. Kraftvolles Grollen und Stampfen der Motoren wird ruhiger, um ganz zu verebben. Ein schnaufender Riese legt sich zur Ruhe. Wir streben zur Passkontrolle, empfangen Bordkarten und gehen an Land.
Busse stehen bereit. Sie sollen uns durch die – angeblich – schönste Stadt der Welt rollen. Wir verlassen das Hafengelände über eine uralte, hölzerne Schwebebrücke, dem auf sieben Hügeln erbauten Lissabon entgegen. Der erste Eindruck sind winzige, klapprige Straßenbahnen. Die Miniabteile gleichen Puppenstuben aus alter Zeit.
Vierhundert derart traurig wirkender Bahnen, verblasst, mit abblätternden, einstmals prächtigen Farben, kriechen durch dreißig Kilometer U-Bahnnetz. Die Stadt nennt stolz 750 Busse ihr Eigen. Wenn ich ein paar von ihnen näher betrachte bin ich sicher, dass wir schon einen der Besten erwischten, obwohl wir auch ihn mit leichtem Misstrauen betrachten. Wir rollen den Fluss Tejo entlang.
Im ältesten Wohnviertel, der Alfama, verlassen wir den Bus. Grell schlägt uns die Sonne entgegen und ich betraure wieder einmal meine, in Amsterdam, verlorene Sonnenbrille.
So beeindruckend die kunstvollen Gebäude aus der Ferne erscheinen, so traurig wehmutschön wird ihre Betrachtung aus der Nähe. Wir schlängeln uns durch enge, verwinkelte Kopsteinpflastergassen, genießen den angenehmen Schatten. Die Bewohner der kleinen, oft verfallenen Häuser, sitzen in schattigen Eingängen und halten Ware feil. Sie verkaufen alles, was sie gerade zu verkaufen haben.
Desinteressiert, ärmlich gekleidet hocken sie da, wie hin dekorierte Holzpuppen. In einer übel riechenden Holzkiste liegen ein paar Fische. Eine graue Zinkwanne, fast bis oben hin gefüllt mit wimmelnden Schnecken in braunen Gehäusen, ist Ziel von unzähligen dicken Fliegen. Mein Magen hebt sich voller Protest. Ein Fleischerladen ist nur an einem unansehnlich angerostetem Blech zu erkenne, auf dem so etwas wie fetter Schweinebauch liegt, ebenfalls von hitzeträchtigen Fliegen umschwärmt. Hier ein wenig Gemüse, dort ein wenig Obst. Stinkende Rinnsale, die schmale Gassen hinab rinnen.
Aus einem Spalt zwischen zwei Häuschen heraus, beobachtet uns neugierig ein kleiner Junge. An vielen Hausecken taucht er immer wieder auf. Lächelnd halte ich ihm eine Hand voll Süßigkeiten hin. Er nimmt sie ohne eine Mine zu verziehen sehr vorsichtig an und ist verschwunden, ehe ich mich umsehe.
In müdem Stolz ragen die alten Häuser empor. Wunderschöne, schmiedeeiserne, kunstvolle Gitter erzählen von einst strahlender Schönheit. Viele Häuser tragen die Reste einst farbenprächtiger Verkachelung. Die Überreste dieser Kunstwerke lassen einstigen Reichtum erahnen. Vor langer Zeit weiß erstrahlte Mauern wirken nun grau, müde, erschöpft. Resigniert haben sie sich der Macht des Verfalls ergeben.
Von einem Hügel aus lasse ich das ganze Panorama auf mich wirken. Vor meinem geistigen Auge ersteht die Stadt als einstmals stolze Frau, Feuer der Leidenschaft im Blick. Ihr Prachtgewand erstrahlt in leuchtendem Weiß, übersät mit farbschillernden Stickereien. Nun ist sie alt dahingewelkt müde und voller Trauer. Und dennoch, sie atmet und ihr Atem ist gut und edel wie einst.
Mich überkommt Wehmut und tiefe Ruhe, gepaart mit universeller Trauer. Daneben meldet sich unbändige Freude. Ich kann diesen Ort wieder verlassen, kann vorwärts streben, während die Menschen hier scheinbar aufgegeben haben. Es wird Zeit weiter zu fahren. Ziel ist der neu erbaute Teil der Stadt. Dort leben die Reichen, die Diplomaten in protzigen Prachtvillen. Welch ein Kontrast. Arm und Reich werden sich nie begegnen. Ich schließe die Augen bis wir zum höchsten Punkt dieser Umgebung gelangen. Von einem großen Platz aus schauen wir weit hinunter, auf die Farbenpracht roter Dächer. Zwischen ihnen sommerschweres Grün. Wie aus dem Nichts kommend, scharen sich fliegende Händler um uns. Sie bieten Tücher und Decken mit Spanischer Stickerei an. Sie verhandeln in eiferndem Sprachengewirr.
Kurz darauf ist der Botanische Garten unser Ziel. Fast alle Baumarten der Welt vereinen sich in ihm zu wahrer Naturpracht. Ihr ganz eigener Zauber nimmt uns gefangen. Ein Meer von Grün und Blumenpracht tut Auge und Seele wohl. Der meist gedankenlos hingeworfene Ausspruch: ‚oh, mein Gott‘ trifft hier die Wurzel aller Empfindungen. Farbspiele noch auf der Netzhaut rollen wir weiter über Straßen, die von vertrockneten Grashügeln und halb verdorrten Pinien gesäumt sind. In der Umgebung des Heronimus Klosters, dem ältesten Denkmal Lissabons, vereinen sich in friedlichem Nebeneinander die unterschiedlichsten Baustile. Gotik neben Renaissance, Portugiesisch neben Manuelisch. Über die erhabene Größe und Eleganz der Bauten wächst Bewunderung für die Erbauer. Ich ‚sehe‘ Hände die in Schwerstarbeit Stein auf Stein schichteten. Vermutlich sogar für einen Hungerlohn. Inbrünstig schicke ich ihnen meinen Dank in ihre Vergangenheit, dass ich die Vollkommenheit ihrer Arbeit bewundern darf.
Auf der Rückfahrt zum Hafen versuche ich die Vielfalt meiner Empfindungen zu ordnen. Ich bin gar nicht sicher ob mir Streiflichter dieser Art gefallen. Es sind kurze Eindrücke die mit dem wirklichen Volk und ihrer Geschichte wenig zu tun haben. Land und Leute kennen lernen? Nein, nicht auf diese Weise.
Zurück an Bord, schlüpfen wir erfrischt in Abendkleidung und in das bunte Getriebe puren Luxus. Unsere vier netten Niederländer warten schon auf uns, als der Bunte Abend beginnt. Ich beobachte den Verlauf mehr als Zuschauer. Mich den Aktivitäten anzuschließen liegt nicht auf meiner Wellenlänge.
Das folgende Ziel ist der Hafen von Cádiz. Nach Sonne-verwöhntem Vormittag stehen wir um dreizehn Uhr an Deck. Es ist ein kleiner Hafen. Filmgeräte summen, Fotoapparate klicken. Passagiere steigen zu. Die vier Niederländer starten zu einer Bustour nach Jerez de la Fontera. Renate und ich haben keine Lust auf Touristenwanderungen. Der Reiseleiter lädt uns ein mit ihm durch Cádiz zu bummeln, er kenne es wie seine Westentasche. Also Faulheit überwinden und los.
Die Sonne brennt. Träge schlendern wir durch schmale Gassen, schnellere Bewegungen sind gar nicht möglich. Kleine Geschäfte, mit Waren völlig überladen, locken uns vergeblich. Um uns herum Menschengewimmel. Den Einheimischen scheint die Hitze nichts aus zu machen. Wir plaudern so träge wie wir schlendern. Ich erfreue mich an den schönen Fassaden alter Prachtbauten.
Aus meiner Lethargie gerissen drehe ich mich zu einem schreienden Kind um. Die Mutter klatscht dem Winzling eins auf den Hosenboden. Als der Kleine nicht still wird, ich traue meinen Augen nicht, packt sie ihn am Haarschopf, zieht ihn hoch und trägt ihn wie eine Handtasche weiter. Er klammert sich mit beiden Händen an ihrem Unterarm fest und ist sofort still. Mir stockt der Atem. Bevor ich zu einer Regung fähig bin, verschwindet sie mit ihm in einem der Geschäfte. Herr Mertens erklärt lakonisch, das sei hier eben die Mentalität. Die Kinder seien über alles geliebt, überhaupt nicht erzogen und deswegen würden die Eltern ab und zu mal völlig ausflippen. Che sera sera!? Unser Reiseleiter zeigt uns etliche kleine Sehenswürdigkeiten, erzählt Hintergrundgeschichten. Er ist ein guter Erzähler.
Müde, verschwitzt kehren wir an Bord zurück. Um Mitternacht laufen wir aus. Ziel ist Tanger in Marokko. Wir stehen auf Deck, erfreuen uns eines wunderbaren Schauspiels. Der Himmel, seidiges Dunkelblau, von atemberaubender Sternenpracht übersät. Vorsichtig wird die Finnstar aus dem Hafen gesteuert. Rechterhand hat sich ein Lotsenboot eng an die Bordwand geklebt. Eine Nussschale am Walfischleib. Der Lotse geht von Bord, eine hilfreiche Hand zieht ihn zur Nussschale hinüber. Sie dreht ab, verschwindet in der Dunkelheit. Renate und ich stehen lange auf dem geleerten Deck und philosophieren in die seidige Nachtluft hinaus. Wir lassen die besondere Stimmung in jede Pore hinein. Wir lauschen dem dumpfen Grollen der Schiffsmotoren, weit unter uns. Renate singt leise ein paar kleine Melodien, in die ich einstimme. Diese Welt, auf kleinem Raum, ist für uns jetzt vollkommen unbegrenzt.
Unsere Kabine ist mittschiffs und so lasse ich mich, wie jede Nacht rollend wiegen und meine Gedanken ziellos schweifen, bis Traumbilder mich in meine Innenwelt rufen.
Die Außenwelt ruft mich über die freundliche Stimme aus dem Bordlautsprechers zurück in Neues Erleben.
Frisch geduscht, in leichter Kleidung betreten wir hungrig den Frühstücksraum. Gedämpftes Murmeln, Geschirrgeklapper empfängt uns. Wir essen schnell, dann hinauf zur Reling. Wir laufen in Tanger ein. Wieder einmal bietet sich uns ein erbauliches Schauspiel, wie schon beim Einlauf in den Hafen von Lissabon. Fast sakral.
Am Ausgang nehmen wir unsere Bordkarten in Empfang, von freundlichen Zollbeamten entlassen. Busse stehen bereit. Heute fährt unsere Sechserclique gemeinsam. Als die Fahrt los geht, stellt sich uns ein Einheimischer als Reiseführer vor. Ein Original. Schmal gebaut, ca. sechzig Jahre alt, wettergegerbtes Gesicht, lustig-listig braune Augen. Gewandet ist er im landesüblichen Kaftan und Fez. Keinen Zahn im Unterkiefer, stellt er sich vor als Abel, dem Bruder von Kain. Sein Englisch und Deutsch sind hervorragend, sein Witz mitreißend. Trotz brütender Hitze verbreitet sich schnell reine Fröhlichkeit im Bus.
Unsere Skepsis, den Bus betreffend, erweist sich als sehr begründet. Als Rob sich vor mir wohlig in seinem Sitz zurück lehnen will, landet er mitsamt der Rückenschale auf meinem Schoß. Gelächter. Also heißt es eine gefahrlose Sitzhaltung einnehmen. Gar nicht so einfach bei diesen Straßen. Das Gefährt rüttelt wie ein Wüstenschiff. Es holpert ächzend über Pflasterstein, quietscht, kracht, poltert furchterregend in allen Fugen. Als ich den Sonnenschutz ein wenig herunter ziehen will, löst sich die Halteleiste. Ungebremst saust das Rollo um sich selber.
Mit der Geste…naja was soll’s…. die Welt steht ja noch… reißt Abel die Leiste ganz ab. Die Krönung jedoch steht im hinteren Rechten Winkel des Busses. Ein Uralttoilettenstuhl mit angerostetem Pott, ohne jeden Sichtschutz. Na, dann mal wenig trinken und ‚abklemmen‘!
Große Wasserflecken an der Decke betrachtend, schicke ich einen dankbaren Blick zur gleißenden Sonne hinauf. Im Augenblick jedoch kann nichts unsere gute Laune trüben. Vor uns liegen 130 Kilometer in diesem Rüttelschiff, auf einer Strecke, die den Namen Straße kaum verdient hat. Das ist die Entfernung von Tanger nach Chouen.
Hier laufen alle Busverbindungen von Norden nach Süden. Marokko ist 700 Kilometer lang und 300 Kilometer breit. Chouen liegt 260 Meter hoch. Wir passieren Tetuan, das wir auf dem Rückweg besuchen werden. Diese Stadt war, bis 1920, eine verbotene Stadt für alle Europäer. Dann wurde sie von Spanischen Truppen besetzt. 35 Tausend Einwohner zählt die Stadt heute. 1922- 1926 herrschten die Franzosen und erbauten den alten Teil der Stadt. Der neue Teil wurde ab 1926 von den Spaniern erbaut.
So plaudert Abel munter darauf los. Er berichtet von den Nomaden, die unserem Bus auf staubiger Straße entgegen wandern. Ihre kleinen Kinder tragen sie in Tüchern auf dem Rücken und suchen in verfallenen Gemäuern an der Straße Schutz vor der Hitze. Willkürlich in der Landschaft verstreut, hatte irgendwer, irgendwann Häuser zu bauen begonnen. Aus unersichtlichen Gründen hatten die Erbauer aufgegeben, denn über ein paar Wände und manchmal einem Dach hinaus, reichten weitere Baumaßnamen nicht.

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