NEULANDFIEBER Teil 2
NEULANDFIEBER Teil 2

NEULANDFIEBER Teil 2

Beitrag von wize.life-Nutzer

Viele solcher Baufragmente stehen vergessen am Wegesrand, am Fuße eines Berges, oder Hügels.
Sie muten, wie ein hoffnungsvoller Beginn an, der aus unersichtlichem Grund seinen Sinn verloren zu haben schien.
Das Landschaftsbild fasziniert mich. Versandete Äcker, grauweiß nackt aufragende Felsen. Sattgrüne Landstreifen neben verbrannten Weiden voll hartem Gesträuch. Plötzlich dann, wie von Zauberhand geschaffen, ragt ein strauchähnliches Blumengewächs auf. Es prahlt mit flammend roten Blüten. Diesem hoffnungsträchtigen Farbzauber folgt trostloses Grau.
Kleine Jungen, junge Männer in dicken, Poncho ähnlichen Jacken lehnen hitzeträge an einzeln dahinvegetierenden Bäumen, an verfallenen Hauswänden. Sie hüten Mischherden von Schafen und Ziegen. Die klapperdürren Tiere klettern über hartes Geröll und verdorrtes Gras. Sie zerren trockene Grasreste, mitsamt den Wurzeln aus dem Boden.
In weiten Abständen stehen, dicht aneinander geduckt, vereinzelt Dreier und Vierergruppen weiß gekalkter Häuschen mit Flachdach und winzigen Fenstern. Einheimische hocken müßig in schattigen Eingängen. Sie halten Palaver und winken uns einladend zu. Eines dieser Häuschen trägt stolz ein großes Schild mit Riesenlettern: Cafe‘-Restaurant. Das wirkt bizarr in dieser Umgebung.
Weitab von der Straße, an nackte Gebirgsleiber geklebt, werden einzelne Ansiedlungen sichtbar. Auf staubigen Wegen wandern, ameisengleich, Menschen diesen Siedlungen entgegen. Woher sie kommen, in der Öde dieser Landschaft, bleibt ein Rätsel. Hitze verwandelt jede Bewegung in Zeitlupe.
Nach etlichen Kilometern hält der Bus zur ersten Rast am Straßenrand.
Unser Blick wandert weit hinab, in eine Schlucht. Wie ein Diamant in einer Mondlandschaft bietet sich unserem Staunen ein mächtiger See dar. Das Wasser leuchtet tief Türkis, von atemberaubender Baumfülle in tief dunklem Grün gesäumt. Wende ich meinen Kopf nur ein klein wenig nach links, zeigt sich wieder Dürre, kahler Fels, Trostlosigkeit verbrannter Erde.
Niemals in meinem Leben sah ich Lebendigkeit und Sterben so nah‘ beieinander. Ich fühle mich wie in Trance, möchte verharren, muss gehen.
Der Betrachtungen nicht müde werdend, erreichen wir Chouen und durchwandern enge Gassen einer verstaubten Stadt, bis hin zum Rathaus. Der Innenhof strotzt vor sonnenüberflutetem Grün, Bäumen und Büschen in unfassbarem Farbreichtum.
Ein Verlies aus grobem Felsengestein atmet noch die Qual eines ehemaligen Gefängnisses aus. Die Gefangenen wurden nachts alle an einer Gemeinschaftskette zusammen geschlossen. Ich meine noch ihr Stöhnen zu hören.
Wir schlendern hitzeträge durch die Altstadt, an deren Beginn Frauen- in steinigem Rinnsal- Wäsche waschen. Auf selbstgeschnitzten, riffeligen Holzbrettern bearbeiten sie mühsam Wäschestück für Wäschestück. Kleine Mädchen helfen den Müttern, die Jungen spielen frei und unbeschwert im Wasser.
In Französisch scherzt Rob mit den Kindern und sie antworten lachend. Freundlich offene Jungengesichter. Die Mädchen strahlen introvertiert Ernst aus.
Die schmalen Straßen haben starkes Gefälle und wir müssen höllisch aufpassen, um nicht auf den – von unzähligen Füßen blank gewetzten Steinen- auszugleiten. Zwischen den Steinen fließen dünne, übel riechende Rinnsale. Nur wenige Einwohner bewegen sich in den Straßen, Sie sind Teils im Kaftan, teils modern gekleidet. Von Ebenholz dunkel bis weiß, begegnen uns alle Hautschattierungen. Flirrende Hitze über buntem Panorama. Darüber spannt sich stahlblauer, wolkenloser Himmel. Überladene Läden und dunkle Hausflure verströmen schwere Düfte unzähliger Gewürzarten.
Frischer Pfefferminztee wird allerorten feilgeboten. Mit großen, hoch gefüllten Körben sitzen Männer mitten auf der Straße.
Ich empfinde mich als Störenfried in dieser fremden exotischen Welt. Die Entfernung zwischen dieser und meiner Welt ist nicht nur in Entfernung messbar. Wir trampeln hier wie eine Horde anderssterniger durch private Welten. Ich schäme mich fast für meine Mit-Touristen, die teilweise beinahe unverschämt in die schmalen Hausflure glotzen und darüber lästern, dass die Flure und Innenräume mit Unmengen verschieden bunter Tapetenreste nebeneinander behangen sind. Kein Verständnis für herrschende Armut.
Vom Turm einer Moschee ertönt, in hohem, gedehntem Singsang, die Stimme eines Muezzins.
In einem Hotel am Rande der Stadt werden wir zu einem Essen erwartet. Die Vorspeise, ein Salatteller, wage ich nicht anzurühren. Er sieht nicht nur aus, als sei er von der Sonne angetrocknet, sondern auch von Horden rachsüchtiger Fliegen heimgesucht.
Kalte Getränke zu bekommen ist nahezu unmöglich. Rob bietet allen
Charme, alle Überredungskunst mit gezücktem Portemonnaie auf, bis der Ober aus irgendwelchen geheimen Pfründen kühle Getränke hervor zaubert.
Das Hauptgericht ist dunkles, undefinierbares, wohlschmeckendes Fleisch mit Pommes. Dazu wird Wein gereicht. An ihm ist, außer der dreifachen Zimmertemperatur, nichts aus zu setzten. Nach dem Essen wandern wir hinüber ins Cafe‘, um uns an köstlich starkem Kaffee zu laben.
Es haben noch nicht einmal alle Kaffee, als Abel temperamentvoll zum Aufbruch drängt. Wie ein eifriger Hirte treibt er all seine Schäfchen zusammen. Wenn er hastig spricht, saust seine Zunge hell rosa, wie ein erschrocken flüchtendes Tierchen über den zahnlosen Unterkiefer. Ein sonderbarer Farbkontrast zu den fast schwarzen Lippen.
Nach holpriger Fahrt, in gequält ächzendem Bus erreichen wir Tétouan. Unser Ziel ist der Bazar. Orientalischer Handelseifer. Wir, die fremde Menschenmasse in den engen Gassen, wirkt auf mich beklemmend.
Lästig wie Fliegen fallen die Händler über uns her. In lautem Sprachengewirr preisen sie alles als billig, billig an. Sie wissen, dass sie uns übers Ohr hauen werden, wir wissens auch. Sie folgen uns den ganzen Weg lang mit Geschrei und Drängen. Sie fassen an Rücken, Schultern, Arme, um Taillen und lassen nicht locker.
Abel hatte uns vor Taschendieben gewarnt und eilt uns voraus. Offensichtlich kennt er hier viele der Händler und die sich dafür ausgeben. Er lacht, ruft ihnen Warnungen zu, weist zurecht, nickt anerkennend. Fast im selben Atemzug ruft er uns die Geschichte der Gebäude zu, gibt Ratschläge zu den hier üblichen Handelsmethoden.
Abel erklärt uns, dass heute Feiertag sei und darum nicht so viele Stände vorhanden. Staunend schaue ich mich um und frage mich wie – um des Himmels Willen - dieses Menschengewühl an normalen Tagen noch größer sein kann.
Wir retten uns buchstäblich in ein großes Gebäude. Schatten umfängt uns. Wände, wie Böden sind mit Teppichen übersät. Fast alles ist auf Tourismus ausgerichtet. Tand, soweit das Auge reicht. Lederwaren sind lieblos zusammen geklebt. Einer der Händler folgt uns auf Schritt und Tritt. Auf dem kurzen Weg zum Teehaus sind wieder die fliegenden Händler mit Schmuck und Kitschperlenketten da. Ihr strenger Geruch nach Schweiß und Ziegenleder nimmt mir fast den Atem. Im Teehaus empfängt uns himmlische Ruhe. Erschöpft lasse ich mich auf den bunten Kissen nieder. Davor altersschwache Tischchen. Einheimische Gäste unterhalten sich, leise murmelnd, im Nebenraum. Diskret werden wir beobachtet. Die ganze Atmosphäre hüllt mich wie ein warmer Umhang ein. Hier könnte ich Stunden verweilen. Nur sitzen und alle Sinne öffnen.
In kleinen, silbernen Ornament verzierten Teekännchen und winzigen Gläsern, wird goldgelber, dickflüssiger Pfefferminztee serviert. Nie trank ich köstlicheres. Ich denke an Amely-Merle und ihre neu entdeckte Teelust. So ein Kännchen wäre genau das richtige Mitbringsel. Rob möchte so ein Kännchen für seine Frau erstehen. Er geht zum Inhaber, fragt, beginnt zu handeln, weil der diese originalen Kännchen nicht verkaufen will. Nach endlosem Palaver um 25 Mark je Stück ärmer, suchen wir uns die schönsten Kännchen aus. Uns ist klar, dass wir übers Ohr gehauen wurden. Ich verpacke meine Errungenschaft mitsamt den Teeblättern, freue mich schon jetzt auf die strahlenden Augen meiner Tochter.
Der Weg zum Bus wird wieder ein Spießrutenlauf. Die Händler merken, dass wir dem Bus zustreben, werden noch frecher und aufdringlicher. Sie halten uns sogar fest, um noch schnell ihre Ware an den Mann zu bringen. Jungen öffnen bettelnd ihre Hände. Vor einem amtlich wirkenden Gebäude steht ein junges Mädchen, hält bettelnd einen Pappbecher zwischen Armstümpfen. Keine Hände. Geschockt schaue ich Rob an. Er sammelt Münzen ein, geht zu ihr, spricht mit ihr. Er erfährt, dass ein wildes Tier ihr als Säugling die Hände abgebissen haben soll!? Der Bus wird zur rettenden Insel. Selbst durch die geöffneten Fenster werden noch Waren herein gereicht. Erschöpft falle ich in meinen Sitz. Der Bus rollt an. Müde lege ich den Kopf zurück, lasse mich von der Sonne liebkosen. Hinter geschlossenen Liedern passieren alle Eindrücke Revue und ich falle in leichten Dämmerschlaf.
Kurz vor Tanger werde ich wieder putzmunter, das Schiff kommt in Sicht. An den Kaimauern entlang haben Händler, in endloser Reihe, ihre Stände aufgebaut. Sie rufen, locken, preisen die bunte Pracht an. Abel meint, dass diese Ware sehr gut sei, kein Touristenkitsch.
Renate ist plötzlich verschwunden, ratlos stehe ich vor unserer Kabine, sie hat den Schlüssel. Ich kuschel mich in einen der gemütlichen Sessel auf dem Deckflur. Rob entdeckt mich und sagt, dass Renate bei den Händlern ist, um sich einen Kaftan auszusuchen. Freudestrahlend kommt sie mit einer blausilbernen Pracht zurück.
Die kühle Dusche liebkost alle Sinne heute besonders. Wir schlüpfen in
Leichte Abendkleider und freuen uns auf das Marokkanische Abendbuffet. Rob, Jason und ich gehen noch einmal von Bord, zu den Händlern. Da nur Rob der Sprache mächtig ist, erhandelt er für mich einen herrlichen, bordeauxroten Kaftan mit Goldstickerei. Ein orientalischer Traum zu fairem Preis.
In der Bordboutique finde ich fremdartige, spannende Spiele für meine Söhne.
Das Treiben an Bord genieße ich zwar, doch fühle ich mich ein wenig wie ein Schmetterling, der über allem schwebt und es von oben betrachtet. Es hat nichts mit meinem wirklichen Leben zu tun. Es ist auch, als läge ich, wieder Kind, mit einem Märchenbuch am warmen Strand. Versunken in einer Geschichte, von der ich weiß, wenn sie ausgelesen ist werde ich das Buch schließen, um in meine Welt zurück zu kehren.
Das Schiff hat schon mal Kurs in diese Richtung genommen.
Letzter Abend. Kapteins Dinner . Ein wunderbarer Abend bei guter Musik und tief gehenden Gesprächen in ‚unserer Clique.‘ Die vier Journalisten haben ihre Berichte über diese Reise für ihre Zeitungen geschrieben, alle Fotos im Kasten. Adressen werden ausgetauscht, wir werden uns schreiben. Es wird eine lange Nacht mit Tanz und Frohsinn, Unmengen Kaffe mit Tia Maria.
In der Frühstückshektik, nach zwei Stunden Schlaf, kommt so recht keine gute Stimmung auf. Das Schiff erreicht den Hafen. Abschiedswehmut, gepaart mit der Freude auf Zuhaus. Der Himmel ist grau verhangen, wir warten auf unsere Pässe.
Es beginnt zu regnen, Die Busse stehen abfahrbereit. Sie bringen uns zum Flughafen von Barcelona.
Die Hallen stehen alle unter Wasser. Der Flug hat Verspätung, wann er startet ist nicht bekannt. Müde, mit nassen Füßen beschließen wir nach Stunden des Wartens, ins Restaurant zu gehen, um eine Kleinigkeit zu essen. Vierzig Mark für ein bisschen unverschämtes „Nichts.“ Renate bricht in schallendes Gelächter aus, mir bleibt es im Halse stecken. Halb fünf besteigen wir endlich unsere Maschine. Der Service an Bord ist angenehm. Willkommen in der ‚realen‘ Welt!?
Endlich wieder zu Hause, zurück aus einem flüchtig buntem Traum. Ich sitze mit drei fröhlich aufgeregten Kindern um den geöffneten Koffer herum, überreiche ihnen Geschenke und erzähle, erzähle, erzähle. Mir ist, als sei ich ein Jahr fort gewesen.
Die Kinder sind prächtig ohne mich fertig geworden. Hm, das macht mich glücklich und ein wenig traurig zugleich.
Sie haben- frohlockend- ihre elternlose Eigenständigkeit entdeckt, sind an den Rand unseres Nestes gerückt. Flugbereit werden sie bald ihre „Flügel“ ausbreiten und mich in der süßen Erfahrung einer – nie zuvor gekannten- Ichwelt zurück lassen. Eine kleine Reise mit großer Wirkung. So wie ich Gast auf dem Schiff war, so werden sie zu Gästen meines Lebenstraumschiffes, und hoffentlich immer wieder einmal zurück kehren ......

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