Wir Kinder vom Werderplatz

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Claudi M. - Wir Kinder vom Werderplatz


Wieder verschlafen, weil ich nicht einschlafen konnte und die halbe Nacht auf dem Sofa gesessen bin. Ohne Frühstück, nur mit Pulverkaffee zur Straßenbahn und zur Ärztin in der Werderstrasse. Dort bekomme ich 10 ml Methadon, das verschafft mir etwas Ruhe und ich treffe mich mit meinen Leuten am Indianerbrunnen auf dem Werderplatz. Wir sitzen auf den Bierbänken vor dem Wolf-Bräu so lange bis die Kneipe aufmacht, dann gehen wir, bevor wir verjagt werden. Ich bin pleite, heute ist aber erst der 15. Ich habe noch eine Packung Lyrika, eine Pille verkaufe ich für 3 €, wenn es gut geht, manchmal bekomme ich nur 2,50 €. Meiner Freundin muß ich davon 1 € abgeben für die Beschaffung. Ich habe kein Geld um mein Handy aufzuladen, aber vielleicht kommt Rolfi vorbei, er unterstützt mich. Er hat meinen Abfluß in der Wohnung freigelegt, so dass ich wieder meine Waschmaschine benutzen kann. Rolfi habe ich auf dem Werderplatz angepumpt. Ich brauchte Geld für die Rezeptgebühr für Antibiotika wegen meiner Bronchitis und er hat mir 10 € gegeben und mich zum Essen eingeladen, wenn ich ihm meine Geschichte erzähle. Da habe ich abgewunken, aber ein paar Wochen später war ich mit ihm Essen beim Griechen und als ich die Calamaris gesehen habe, habe ich ihm von den Phillippinen erzählt und er hat von seinen Reisen nach Paris und Budapest gesprochen. Er hat mir Geld gegeben, um mein Handy aufzuladen und einen Teil meiner Schulden bei meiner Freundin Flo zurück zu zahlen. Ich hab mir dann Heroin besorgt und es ihm auf der Fahrt nach Kandel gezeigt: eine dreifach ummantelte kleine Kugel, in der ein Gramm Heroin drin ist. Bei einer Kontrolle kann ich diese Kugel schlucken, sie löst sich im Magen nicht auf und kommt hinten wieder raus. Ich dachte, er will nur Sex und habe mich ganz professionell verhalten, doch er war so nett und zärtlich, dass ich selbst geil geworden bin, das habe ich nicht erwartet. Wir haben einen Cremant getrunken und ich habe Spaghetti carbonara gekocht und als er auf der Couch eingeschlafen ist, habe ich mir im Bad das Heroin aufgekocht und gespritzt – aber nur ein viertel Gramm. Als ich mich neben ihn gelegt habe, hat meine Haut geglüht und da wußte er, dass ich es mir gedrückt habe.

Geboren bin ich in der Leonardo-da-Vinci-utca in Budapest. Meine Mutter hatte einen ungarischen Roma geheiratet. Es war eine glückliche Kindheit mit den vielen Spielkameraden auf dem Ruinengrundstück schräg gegenüber. Ich begann eine Lehre als Konditorin im Cafe Gerbeau am Vörösmarty ter. Abends ging ich gern ins Gellert fürdö hinter dem gleichnamigen Hotel an der Donau. Wegen der hohen Preise waren dort viele Westtouristen. Die Ostdeutschen saßen am Balaton und konnten sich mit ihrem Aluminium-Geld das Gellerthotel nicht leisten. Mit meinen englischen Sprachkenntnissen lernte ich im Gellertfürdo Amerikaner kennen, die sich mit ihren Dollars alles kaufen konnten. Ich zeigte ihnen die Vam haz (große Markthalle), das Kulacz mit Zigeunermusik und das Szecheniy-Fürdo, wo im warmen Thermawasser die Schachspieler stehen. Abends luden mich die Amis in ihre Suite ein. Sie wollten keinen Sex, wie ich mir anfangs dachte, sie luden mich auf einen Joint ein. Unterm Feuerzeug kochte sich Brian dann ein weißes Puver auf, zog die Flüssigkeit auf eine Spritze und bat mich, sie ihm in die Armvene zu injizieren. Das klappte auf Anhieb und am nächsten Abend durfte ich mir auch eine kleine Lösung spritzen. Phänominal – der Raum wird heller, die Farben kräftiger und ein warmes wohliges Gefühl durchströmt den ganzen Körper. Das war besser als Sex – viel besser und so wurden Brian und ich gute Freunde. Bald war aber sein Urlaub zu Ende und ich schaute, wie ich in den Westen kommen konnte.

Nach dem Methadon bei Gerda, meiner Ärztin, morgens um 10 h, bin ich den ganzen Vormittag und Nachmittag mit meinen Leuten zusammen. Es gibt immer viel zu erzählen, einige haben Musik aus ihrem smart-phone: I can get no satisfaction und born to be wild. Es soll in der Schützenstrasse eine Fixerstube eingerichtet werden - geil, dass die uns eine Fixerstube schenken. Da können wir mit sauberen Spritzen unser dope reindrücken. Keiner fragt, woher wir den Stoff haben. Sie machen natürlich Palaver, wie wir loskommen vom Stoff – aber mal ehrlich: keiner will das und die wenigsten schaffen es. Ich hoffe, dass ich da nicht lachen muß – die kennen doch gar nicht unser dope. Sollen sie uns auch noch den Stoff abgeben, dann brauchen wir uns kein Geld mehr beschaffen und brauchen nicht mehr zum Dealer zu gehen – das müßte man denen mal sagen. Aber Gabi, die Streetworkerin läßt sich bei uns kaum blicken. Sie sitzt lieber im Warmen vor ihrem PC. Rolfi könnte das, er findet die Fixerstube nicht so toll und lädt mich ein nach Paris. Aber ich müßte mein Methadon mitbekommen als take home und das bekomme ich nur, wenn ich ein halbes Jahr clean gewesen bin. Das schaffe ich nicht. Ich seh auch, er will mich vom Heroin wegbringen, aber ich habe jetzt 30 Jahre damit gelebt, ich will nicht darauf verzichten, es ist besser als Sex – viel besser.

Rolfi meint, wir seien wie Kinder, wir weichen aus, wir stellen uns nicht dem Alltag und flüchten in die Drogenwelt. Er hat gemerkt, dass ich nach dem Heroin zuerst aufgepuscht war und dann müde wurde, meine Haut hat geglüht, sagt er, so wie im Mutterleib hat mich eine wohlige Wärme umgeben. Ich sehne mich zurück in den Mutterleib, meint er. Vielleicht hat er recht. Aber ich sage ihm, er habe keine Ahnung wie Drogen wirken und da kann er nicht mitreden. Nachdem ich das Kokainpulver in Streifen auf einem Spiegel verteilt habe, lade ich ihn ein, eine Linie durch die Nase reinzuziehen. Er spürt kaum eine Wirkung. Ich mische das Pulver mit reinem Wasser auf und ziehe es durch einen Zigarettenfilter in die Einmal-Spritze und injiziere es mir in die Halsvene. Meine Armvenen sind kaputt und an die Füße komme ich schlecht ran, so bleibt nur die Halsvene. Rolfi ist etwas schokiert als er dies sieht. Meine Freunde am Werderplatz bitten mich, ihnen den Schuß zu setzen, ich habe eine sehr ruhige Hand. Das überzeugt Rolfi, ich spritze ihm 0,2 Gramm Kokain in seine rechte Armvene. Im Nu strahlen seine Augen und er fängt an zu palavern. Er palavert immer, aber so wie nach dem Schuß palavert er sonst nicht. Meine Freundin Ella ist mit einem cleanen Mann verheiratet, er akzeptiert ihr dope und so was könnte ich mir mit Rolfi auch vorstellen. Er sagt mein Atem riecht nach bittersüßen Mandeln und nach meinen Küssen ist er ganz verrückt. Und so sitzen wir nackt auf seiner Terrasse, ich trinke Bier, er seinen französischen Rosè, wir rauchen dazu einen Joint und ab und zu will er nur meine Küsse schmecken und etwas Hautkontakt auf seiner Couch. Aber dann meint er, wir sollten erst mal ausprobieren, ob ich es drei Tage bei ihm nur mit Methadon ohne Beikonsum aushalte. Das mache ich nicht mit. Er will mich erziehen. Paris wäre schon Klasse und dort finde ich meinen Stoff, das hat er wohl gemerkt.

Kohle hat er, der Rolfi, das hab ich schon gemerkt: viel Kohle für viel dope. Er redet nicht darüber. Er quatscht eher über meinen G-Punkt und irgendeine Falte, die er in mir entdeckt hat und dass ich nach Ananas schmecke. Also oben bittersüße Mandeln, unten Ananas. Das soll mal einer verstehen. Ich komm mir vor wie ein Obstladen. Du schmeckst in richtung Kastanie, sage ich ihm. Das gefällt ihm. Ein ideales joint venture. Ich mit meinem Obstladen und er mit seiner Kohle. Muß er halt nur rausrücken. Seltenen Obstsorten sind teuer. Er ist gut 20 Jahre älter als ich. Was soll`s, wenn er gut drauf ist ? Ein cooler Typ.

Ich habe eine Kontaktlinse verloren. Rolfi kauft mir die neuen Linsen, die ich schon bestellt habe. Dann schleppe ich ihn noch in einen Schuhladen, er kauft mir die roten Sneakers und dann sehe ich noch ein paar tolle Schuhe, er schüttelt den Kopf, da flüstere ich: Wenn du mir die nicht kaufst, klaue ich sie später! Das wirkt und so habe ich zwei paar Schuhe bekommen. Ich zeige ihm, wie ich klaue. An einem Kleiderständer auf der Kaiserstrasse schaue ich mir chice Fetzen an in meiner Größe 36. Dann gehen wir weiter. Jetzt könnte ich umkehren, mir das T-Shirt vom Haken nehmen und ruhig weiter gehen. Das klappt nicht immer. Manchmal werde ich geschnappt, genau wie in der Straßenbahn beim Schwarzfahren. Inzwischen belaufen sich die Strafmandate auf 1200 €, bei einem Tagessatz von 10 € stehen darauf 120 Tage Knast. Mit Rolfi rauche ich in seinem Auto noch einen Joint. Cool, der Alte, dass er mit mir im Auto raucht und dann heimfährt. Vorne an der Ecke könnten schon die Bullen stehen. Er meint, ich solle untertauchen. Mit ihm. Das schaffe ich nervlich nicht – immer auf der Flucht, erkläre ich ihm. So fahre ich für vier Monate ein. Nach Weihnachten bin ich wieder draußen. Ob es da mit Rolfi weitergeht, weiß ich nicht.

Aufgeschrieben und ergänzt nach Tonbandprotokollen. JS 10/18

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