Sachliche Liebe
Sachliche Liebe

Sachliche Liebe

Beitrag von wize.life-Nutzer

Richtig verheiratet ist der Mann erst dann,
wenn er jedes Wort versteht, das seine Frau nicht gesagt hat.
(Alfred Hitchcock)

Klischeedenken eines Schriftstellers, im erlebten Geschlechterkampf seiner Zeit?

Nicht jedes Zitat berühmter Menschen ist mit einem Aphorismus gleich zu setzen, obwohl sich die Worte vielleicht doch ansprechend lesen lassen.

Wahre tiefe Liebe kennt keine Geheimnisse in der Seelen-Beziehung zwischen Mann und Frau, insbesondere in einer harmonischen Ehe ... die Liebe ist das Kind der Freiheit ... dies gilt für alle Ebenen der Beziehung.

Denn so wie Hitchcock es wohl scherzhaft postulierte, würde sich, wenn wir dem Zitat folgen, die Kommunikation in einer Ehe eben erst durch das gegenseitige Angewöhnen über lange Zeit zu einem geglaubten Verständnis des Mannes für seine Frau führen.
Eine Entwicklung zur empathischen Hellseherei, die vom tatsächlichen Wunsch einer legitimen Bedürfnisbefriedigung der Ehe-Frau weit entfernt liegen mag.

Gleichfalls ist es ein Synonym für unterschiedliche Augenhöhe, die nicht das Gleichberechtigungsprinzip im Austausch von Wünschen respektiert und somit nicht wirklich ausgewogen ist, weil eine non-verbale Kommunikation keinen Sinn macht und so eher in das Schema von Ritualen der Alltäglichkeit passt.

Und was dabei ganz und gar nicht beachtet wurde, ist, dass sich jeder Mensch im Laufe seines Lebens in vielerlei Dingen ständig weiterentwickelt, somit wäre Raten angesagt, was Frau tatsächlich wünscht, wenn vorher keinerlei Zwiegespräche stattfanden.

Dieses Zitat könnten wir auch so ähnlich wie das Prinzessinnen-Prinzip sehen, indem der Mann den Wunsch der Frau von ihren Augen abliest und dafür zumindest mit Wohlwollen, insbesondere auf dem Gebiet von Sex und Erotik, belohnt wird ... ein Tauschhandel, der das Wesen von Angebot und Nachfrage besitzt und zwingend vorrausetzt, dass der Mann, nur über das Verstehen der Körpersprache, weiß was Frau will.

Mit Liebe hat dieses Verhalten keinerlei Gemeinsamkeit, eher ein Mittel zum Zweck und das nennen manche Paare, die Harmonie im gegenseitigen Verstehen ... eben richtig verheiratet!

Erich Kästner brachte dieses verkannte Thema mit seinem Gedicht "Sachliche Romanze" auf den Punkt:

Als sie einander acht Jahre kannten
(und man darf sagen: sie kannten sich gut),
kam ihre Liebe plötzlich abhanden.
Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.

Sie waren traurig, betrugen sich heiter,
versuchten Küsse, als ob nichts sei,
und sahen sich an und wussten nicht weiter.
Da weinte sie schließlich. Und er stand dabei.

Vom Fenster aus konnte man Schiffen winken.
Er sagte, es wäre schon Viertel nach Vier
und Zeit, irgendwo Kaffee zu trinken.
Nebenan übte ein Mensch Klavier.

Sie gingen ins kleinste Cafe am Ort
und rührten in ihren Tassen.
Am Abend saßen sie immer noch dort.
Sie saßen allein, und sie sprachen kein Wort
und konnten es einfach nicht fassen.