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"Wirf´ weg, damit Du nicht verlierst": Verlust als Schmerz
"Wirf´ weg, damit Du nicht verlierst": Verlust als Schmerz

"Wirf´ weg, damit Du nicht verlierst": Verlust als Schmerz

Marion Dr. Diwo M.A. -HP

Wer etwas verliert, fühlt einen bohrenden Schmerz, ist das schon einmal aufgefallen? Nach erfolglosem Suchen wird er größer. Er sitzt irgendwo zwischen den Rippen, dumpf und dauerhaft. Ein eigenartiges Gefühl, häufig unterbrochen von Panikattacken, die zu Übersprungshandlungen - dem erneut (erfolglosen) Suchen führen.

Warum ist es für uns so schwer, Dinge zu verlieren? Es ist mehr als nur ein Geldwert, der zählt, die meisten Objekte, mit denen wir uns umgeben und die uns ans Herz wachsen, werden von uns nicht als Wert gegengerechnet, es sind nämlich meist keine Investitionsanlagen. Es ist etwas anderes. Es ist das Gefühl unbegrenzter Zugriffsberechtigung, der individuellen Auswahl, des „Besitzens", das uns mit dem Verlust abhanden kommt.


Etwas ist plötzlich weg, das erschreckt und führt uns vor, wie brüchig scheinbar sicher Geglaubtes ist. Tun wir das, hat uns etwas gefallen, war uns zu Diensten und wertete uns auf, wir hingen daran, fanden es schön oder wichtig. Das ist eine wechselvolle Beziehung zu den Dingen: Je mehr wir uns an sie gewöhnen, desto schmerzlicher ihr Verlust.

Angst vor Verlust


Die Sprache hat hierfür alle Facetten von Bedeutungen: entfallen, verfallen, vermissen. Wenn wir etwas loswerden wollen, dann verfügt die Sprache über viel radikalere Begriffe: wegwerfen, abschaffen, vernichten, aufgeben.
Die philosophische Anthropologie als junge Richtung der Philosophie geht davon aus, dass der Mensch sich selbst verloren hat, sich selbst abhanden gekommen ist, seine Wertebindungen brüchig geworden sind, und er auch weiß, dass er nichts weiß (Max Scheler).

Es mag dieses Selbstunsichere sein, dass uns die Dinge so anbindet und ihren Verlust so schmerzlich macht und natürlich die Erkenntnis , dass Festhalten an etwas endlich ist, weil wir selbst endlich sind. Unser Kontrollverlust im Hinblick auf eine Sache führt uns den Kontrollverlust im Hinblick auf uns selbst vor Augen -  und das ist nur schwer erträglich.

Konsum als archaisches Muster
Dabei ist uns allen klar, dass unser Konsumverhalten, also das Erwerben und Aufbewahren und Sammeln von Dingen nicht weiterhilft.- in weitreichendem Sinn zerstört es die andere Welt. Dabei ist sicher: Unser Objektfetischismus (im nicht-sexuellen Sinne) erklärt uns die Welt, macht sie uns zu eigen und sicher. Nicht umsonst knüpfen wir hier an archaische Grundmuster an: Sammeln bedeutete Überleben, Vorräte schaffen ermöglichte das Weiterkommen.

Es gibt allerdings Übertreibungen: Goethe war geradezu beleidigt, als er die Blüte einer Pflanze verpasste, die er nicht sammeln konnte und schrieb: „Es ist ein Leid, daß die Aloe in Belvedere eben das Jahr meiner Abwesenheit wählt, um zu blühen. In Sizilien war ich zu früh, hier blüht dieses Jahr nur eine....und sie steht so hoch, daß man nicht dazu kann." (2. Röm. Aufenthalt, 06. 09. 1787)

In der Soziopathologie kennen wir Suchtverhalten , das sich auf den Konsum, das Besitzen von Dingen bezieht: die Kleptomanie und den Kaufrausch. Unabhängig von ihren Ursachen wird in Fall-Analysen immer wieder deutlich, dass das Besitzen, Sich-Aneignen nur zur kurzfristigen Entlastung führt, bevor erneut ein übermächtiger Druck aufgebaut wird, der wieder dazu führt, Dinge erlangen zu müssen.

Die Lösung
Vielleicht können solche Hinweise dazu führen, mit Verlusten entspannter umzugehen. Wir müssen nicht immer alles besitzen, vielleicht ist es tröstlich, sich vor Augen zu führen, „es" einmal besessen zu haben, quasi als Privileg.
Vielleicht macht es auch Sinn, sich das Verhältnis zur Besitzidee genauer anzusehen- und vielleicht kommt man einmal dahin, zu sagen: Ich verzichte!

Bild:Siegfrieds Abschied von Julius Schnorr von Carolsfeld,PD; Foto: Verlust der Nacht in Europa, Astrophysikalisches Institut, Potsdam.
Hebbel-Zitate: (1-Titel)Friedrich Hebbel, Sämtliche Werke, Tagebücher 1. Bd , 442 (1836), (2-Teaser)Friedrich Hebbel, Nibelungen I,3, Vers 284, New York 1921

 

 

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