Seid vollkommen...! (Gedanken zu Mt 5.38-48)

Beitrag von wize.life-Nutzer

Zuerst einmal bin ich überzeugt, dass wir uns alle als anständige und zuverlässige Leute halten, die bemüht sind, nach Kräften Gutes zu tun. Das ist schon mal sehr gut und eine gute Voraus­setzung, im Sinne Jesu zu leben.
ABER: Das ist ja noch gar nichts Besonderes, das tun auch die „Heiden“, sagt Jesus. Dazu müssten wir nicht unbedingt Christen sein. Anständige und gute Menschen gibt es nicht nur unter denen, die nicht glauben, sie gibt es auch unter den Mitgliedern der verschiedensten Religionen.
Ist also Christsein, zusätzlich zum ordentlichen Lebenswandel, vor allem das, was sich im Kopf abspielt? Dass man also Glau­bens- und Katechismuswissen hat und vielleicht noch ein biss­chen „Gefühle“, die manchmal sogar ergreifend sein können?
Das Wort „Gefühl“ kommt in der ganzen Bibel kein einziges Mal vor! Also sind womöglich Gefühle auch nicht charakteris­tisch für unseren Glauben und für das Leben der Nachfolge Jesu?
Es gibt ein deutsches Nachrichtenmagazin, das ist bekannt geworden mit einem Slogan des Chefredakteurs, der medien­wirksam immer wiederholte: „Fakten, Fakten, Fakten“.
Im heutigen Evangelium zählt Jesus Beispiele auf, die mich daran erinnern: Das gelebte Christsein zeigt sich in FAKTEN, FAKTEN, FAKTEN...
Und so zählt Jesus einige davon auf, die typisch sind für Menschen, die sich in seiner Nachfolge bemühen:
Fügt uns jemand Böses zu? Keinen Widerstand leisten...
Will dir jemand etwas wegnehmen?
Gib ihm mehr als er sich nehmen wollte...
Stiehlt dir jemand Kraft und Zeit?
Schenk ihm sogar das Doppelte...
Wenn alle nur ihre Freunde lieben? Liebe du auch die, die dir feindlich und missgünstig gesinnt sind.
Auf einen Nenner gebracht: Die sog. „Feindesliebe“ ist das Alleinstellungsmerkmal der Christen. Sie ist es, die Christen von allen andern guten Menschen weltweit unterscheidet. Ja, die Feindesliebe qualifiziert uns zu Jüngern Jesu. Mehr noch, die Feindesliebe macht unsere Gotteskindschaft „vollkommen“!
Das ist der Schlusssatz aus dem Abschnitt des heutigen Evangeliums: Ihr sollt also vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist.
Was mutet uns Jesus da eigentlich zu, wenn er uns auffordert, „vollkommen“ zu sein, wie es unser Vater im Himmel ist?
Weiß er denn nicht, wie armselig und ängstlich wir um unser Dasein besorgt sind und wie weit wir davon entfernt sind, aus Liebe unser Leben aufs Spiel zu setzen?
Natürlich weiß das Jesus.
Dafür hat er lange genug auf der Erde gelebt. Deshalb hat für mich das Wort von der Vollkommenheit einen anderen Akzent, als es beim oberflächlichen Lesen zu haben scheint.
Vollkommenheit im christlichen Sinn ist nicht eine Perfektion oder Fehlerlosigkeit. Wenn Jesus sagt, der Vater lässt die Sonne aufgehen über Gerechte und Ungerechte, dann heißt das, er lässt sie jeden Tag neu aufgehen. Er hört nie auf damit...
Auf uns übertragen heißt das:
Unsere „Vollkommenheit“ besteht im tagtäglichen Neuanfang. Jeden Tag müssen wir uns neu sehen als Menschen, die unterwegs sind auf dem Weg zu Gott...
Jeden Tag müssen wir bei Null anfangen, ohne an die verunglückten Beziehungsmomente und Nöte von gestern zu denken und uns davon nicht konditionieren zu lassen...
Jeden Tag sollten wir uns, die wir uns Christen nennen, in irgendeiner Weise zum Ausdruck bringen: Wie schön, dass es dich auch heute gibt...
Jeden Tag müssen wir aus unserer Beziehung zu Gott heraus verstehen, was unser Auftrag und unsere Berufung HEUTE ist, Sein Wille, ganz konkret!
Also: Was würde Jesus heute an unserer Stelle tun...
Dass wir dabei Fehler machen, Bedenken zu überwinden haben, zögerlich sind, einander immer wieder verzeihen müssen, das gehört ganz selbstverständlich zu unserem Menschsein. Das weiß Gott! Denn Er hat uns ja schwach und gebrechlich erschaffen.
In dieser Schwachheit können wir stark sein, sagt Paulus.
Stark im Neuanfangen, tagtäglich.
Ja, die Christen sind echt „unkleinkriegbar“...
Jeder braucht Hilfe – täglich!
Jeder kann Hilfe geben – täglich!
Wie schön, dass wir uns immer wieder neu genau darin entdecken können und uns fragen dürfen:
Was brauchst Du heute, das gerade ich dir geben kann?
So ist das Christsein ein wirklich spannendes Leben, immer auf der Suche: Wer braucht mich heute? Und immer vom Geist Gottes geführt: Von wem bekomme ich heute, was ich brauche, was mir gut tut?
Wenn Gott „Verstecken“ spielt, und ich glaube, das macht er sehr oft, dann genau so. Wir müssen einander finden, denn nur so finden wir Gott und Seine Liebe zu uns, die wir nicht nur gefühlsmäßig erfahren, sondern ganz konkret.
Eben mit FAKTEN, FAKTEN, FAKTEN...
Ich wünsche Ihnen frohe Entdeckungen beim göttlichen Versteck-Spiel...