Beichtstuhl-Geheimnisse - wie die Kirche Kinder zu Sündern erzog
Beichtstuhl-Geheimnisse - wie die Kirche Kinder zu Sündern erzogFoto-Quelle: © Wilhelm Rader, Mag. - www.Fotolia.com

Beichtstuhl-Geheimnisse - wie die Kirche Kinder zu Sündern erzog

Christine Kammerer
Beitrag von Christine Kammerer

Papst Franziskus hatte in jungen Jahren so eine Art Erleuchtungserlebnis im Beichtstuhl. Er erzählte später, er habe damals gespürt, dass er Priester sein musste, und nicht daran gezweifelt. Solche erhabenen Erlebnisse sind allerdings im Zusammenhang mit der Beichte wohl eher die Ausnahme. Viel häufiger kommt es vor, dass die Kinder von damals bis heute unangenehme, widersprüchliche und mitunter sogar traumatische Erinnerungen an ihre Beichtstuhl-Erfahrungen im Herzen tragen.

Ich jedenfalls erinnere mich noch heute daran, dass mich – angeleitet durch den Religionsunterricht - bereits Tage vor der Beichte das Gewissen plagte. Nicht etwa deswegen, weil ich besonders schlimme Dinge ausgefressen hatte, sondern weil mir nichts, aber auch rein gar nichts einfallen wollte, was ich dem Beichtvater hätte mitteilen können. Und so trug ich die Litanei meiner Sünden nach der naheliegenden Devise zusammen, die mir lange genug eingeflüstert worden war:

Irgendetwas hast du ganz sicher auf dem Kerbholz – bestimmt hast du deine Eltern geärgert, warst ungehorsam oder neidisch auf etwas, das deine Geschwister bekamen, du aber nicht!

Beten als Strafe
Wenn ich mich nur lange genug marterte, dann fielen mir meistens auch ein paar kleine Sünden ein, die ich beichten konnte. Denn das heilige Sakrament der Beichte abzulegen ohne einen Makel im Gepäck – das war schlicht unmöglich. In diesem Sinne jedenfalls hatten mich die frommen Nonnen an unserer Grundschule bereits zu einem kleinen Sünder im Geiste geformt.

Dann, auf dem Büßerbänkchen in der Kirche, wurden die Vaterunser und die Rosenkränze gedankenlos heruntergeleiert. Erst heute frage ich mich: Beten als Strafe? Es gab ja in Wahrheit nichts, was ich wirklich bereute, keinen Grund zur Zerknirschung. Aber auch das machte mir zu schaffen – war es verlogen, zu beichten, wo es nichts zu bekennen gab? Immerhin fand ich es nach der Beichte einigermaßen tröstlich, dass ich die Absolution erhielt und meine Missetaten nun getilgt waren. Ganz im Gegensatz zu den so bemitleidenswerten Protestanten, die ihre Sünden ein ganzes Leben lang mit sich herum tragen mussten.

Wir kleinen Teufel

Selbstliebe ist Hochmut. Wir aber waren zur Demut geboren. Schlimmer noch: Wir waren von Grund auf kleine Teufel und von unschuldiger Reinheit ungefähr so weit entfernt wie der gefallene Erzengel Luzifer vom lieben Gott. Die Kirche lehrte uns nicht, unsere positiven Seiten zu sehen oder wenigstens ein bisschen wertzuschätzen, dass wir uns täglich nach Kräften bemühten, gute Menschen zu sein. Nonnen und Priester schärften vielmehr unbarmherzig unseren Blick für unsere Fehler, selbst die, die nur leise durch unsere Gedanken gehuscht waren. Sie erzogen uns systematisch zu einem lieblosen, überkritischen Umgang mit uns selbst. Zu falscher Scham und Schuldgefühlen.

Sünde, Vergebung und ein bisschen Voyeurismus
Geheimnisse durfte es in dieser Welt nicht geben. Nicht vor Gott und dem Priester. Unser Fleisch war schwach und jede Hinwendung zum anderen Geschlecht sowieso sündhaft, selbst wenn sie nur in der Fantasie stattfand. Zuneigung und der Wunsch nach Nähe waren nicht etwa ein Anlass zur Freude, sondern nur ein Grund, sich zutiefst zu schämen und Buße zu tun. Wenn all das, was uns während der Pubertät bewegte, auch tatsächlich zur Beichte getragen wurde, müssen die Ohren des Beichtvaters mitunter förmlich geglüht haben!