Sorgt euch um nichts? (Gedanken zu Mt 6.24-34)

Beitrag von wize.life-Nutzer

Sagen Sie mal, sind Sie versichert?
Ich weiß, es ist eine dumme Frage. Heute ist jeder irgendwie versichert, freiwillig oder durch eine Pflichtversicherung.
Da ist z.B. die Rentenversicherung, Krankenversicherung, Arbeits­losenversicherung, KFZ-Versicherung, Hausrat-, Sterbe-, Pflege-, Unfall-, Feuer-, Rechtsschutz-, Zahnzusatz-, Lebens-, Erwerbs­unfähigkeits-, Haftpflicht-, Vollkasko-, Diebstahlversicherung und viele andere Unwägbarkeiten können versichert werden. Alles nur eine Frage des Geldes...
Dass jemand überhaupt keine Versicherung hat, ist hierzulande kaum denkbar. Und selbst wenn, dann kann jeder kleine oder große Schicksalsschlag zum Existenzrisiko werden.
Kurzum, wir fühlen uns relativ sicher heutzutage. Und das ist gut so. Die Versicherungen sind darüber hinaus ein wichtiger Wirt­schaftsfaktor, denn sie müssen das Geld sicher und gewinn­bringend investieren und so die Wirtschaft am Laufen halten.
Vor diesem Hintergrund erscheint dieses Evangelium ziemlich realitätsfremd. Wenn wir uns heute um nichts mehr sorgen, dann doch deswegen, weil wir entsprechende Versicherungen haben und nicht, weil wir auf den himmlischen Beistand hoffen.
Ist deshalb diese Frohbotschaft Jesu, also das „Sorgt euch nicht um morgen“, bedeutungslos geworden, von der Moderne überholt?
Ich denke, man muss zweierlei unterscheiden.
Natürlich entspricht es der gebotenen Vernunft, sich zumindest mit den Pflichtversicherungen gegen die einigermaßen vorher­sehbaren Ereignisse abzusichern wie Krankheit, Pflege im Alter und Arbeitslosigkeit.
Denn Jesus meint mit seinem „Sorgt euch nicht um morgen...“ nicht eine leichtsinnige Sorglosigkeit. Der tiefere Sinn dieser Botschaft ist die Überwindung der Angst, die uns Menschen auf Schritt und Tritt begleitet.
Alle angstgesteuerten Entscheidungen des Menschen sind potenzielle Fehlentscheidungen! Nicht zuletzt die Kriege sind angstgesteuerte Fehlentscheidungen von Menschen, Kriege aller Art, große und kleine...
Geiz z.B. ist der Inbegriff und die Summe jener angstgesteuerten Fehlentscheidungen, die Menschen glauben machen, durch großzügige Hilfeleistung könnten sie am Ende selbst zu den Verlierern gehören.
An dieser Stelle könnten wir den Katalog angstgesteuerter (Fehl)Entscheidungen endlos ausbreiten.
Ein früherer Chef von mir, der selbst nichtglaubend war und wusste, dass ich gläubig bin, sagte einmal, was der Unterschied zwischen meiner und seiner Lebenseinstellung ist. Er meinte, ich sei ein Mensch mit Hoffnung und ohne Angst.
Als ich das hörte, war ich ziemlich erstaunt über diese klare und ehrliche Einschätzung.
Wie viele Menschen haben heute eine Menge Versicherungen abgeschlossen und leben trotzdem in permanenter und unter­schwelliger (Lebens)Angst. Gläubige Menschen hingegen wissen sich von einem liebenden Gott geführt und getragen. Nichtglaubende fallen leichter in ein hoffnungsloses Nichts, aus dem sie dann niemand retten kann.
Es gab sogar Zeiten, da war Glaube und Kirchenzugehörigkeit auch irgendwie angstgesteuert. Glaube wurde empfunden als eine Art Versicherung im Diesseits gegen Feuer im Jenseits...
Für mich ist das eine glatte Pervertierung der Liebesbotschaft Jesu.
Allerdings stellen wir heute auch fest, dass ohne das Motiv der Jenseitsangst und der „Gottesfurcht“ der Glaube auf eine Rand­größe in unserem Leben schrumpft. Ein Glaube aus reiner Liebe zu Gott, das scheint mehr und mehr zum Glücksfall zu werden.
Der Apostel Paulus wurde nicht müde, seinen Gemeinden immer wieder einzuschärfen, dass sie zur Freiheit der Kinder Gottes berufen sind, also zur Angstfreiheit vor den Strafen des Gesetzes. Der auferstandene Jesus erschien seinen Jüngern immer wieder mit einem bedeutungsvollen Grußwort: „Fürchtet euch nicht!“
Christen, das sind also Menschen ohne Angst, ihr Verhalten ist nicht angstgesteuert.
Sie wissen, sie können nicht tiefer fallen als in die Hände Gottes.
Sie können auf die Hilfe und den Beistand Gottes vertrauen in allen kritischen Lebenslagen.
Sie können großzügig Liebe verschenken, weil sie sich großzügig von Gottes Liebe beschenkt fühlen.
Viele Arten der Traurigkeit entstehen durch Angst, die sich nicht kontrollieren lässt. Unser Leben der Nachfolge kann kein Leben in Traurigkeit und Angst sein. Sonst stimmt etwas nicht.
Wir haben der Welt etwas zu schenken, worauf sie so dringend wartet. Die Freude!
Freude funktioniert nicht, wenn man Angst und Sorge hat. Freude an Gott funktioniert auch nicht, wenn man sich vor ihm fürchtet.

Was hilft uns nun weiter?
Die von Jesu Botschaft missverstandene Sorglosigkeit?
Oder die von den Versicherungskonzernen eingeflößte „Sicherheit“?
Der Mensch hat eine Begabung von Gott erhalten, die in den meisten Fällen goldrichtig ist: Die Vernunft einerseits und das Gottvertrauen andererseits. Beide für sich allein genommen würden einen fahrlässigen Umgang mit dem Leben bedeuten.

Zum (Lebens)Glück gehört Gottvertrauen.
Zur Freude gehört das Freisein von Angst.
Der Glaube umfasst beides.

Wie sagte der Vater des kranken Sohnes zu Jesus so schön:
„Ich glaube, hilf meinem Unglauben!
Das ist ein Gebet auch für uns!

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