Gott und die Welt
Gott und die Welt

Gott und die Welt

Beitrag von wize.life-Nutzer

Ich war mit dem Fahrrad nach Ulm gefahren. Ansich alltäglich, aber ich kam von Kiel und hatte schon über 1200 Kilometer auf dem Tacho und zwölf Tage emsigen radelns hinter mir. Morgen sollte es weitergehen Richtung Bodensee.
Eine solche Radreise war für mich stets eine Art Ausstieg aus dem Alltag, vergleichbar vielleicht mit einer Pilgerreise. Die Fernradwege verlaufen alle “am Rand der Zivilistion“, wie ich es gern ironisch beschreibe. Aber tatsächlich gibt es Tage - quer durch Deutschland - an denen ich weniger als fünf Autos am Tag begegne, obwohl ich 100 Kilometer täglich fahre. Man ist allein. Nur mit seinem Fahrrad und seinem Zelt. Es entstehen ganz andere und neue Eindrücke auf einer solchen Tour. Man findet “zu sich” und hat Zeit, an Dinge zu denken, die man alltags sonst nicht bedenkt.
In Ulm füllte ich zunächst meine Barschaft auf und begann dann einen Stadtbummel, der mich auch zum Münster führte. Nicht, dass ich irgendein besonderes Interesse an Kirchen hätte, aber irgendwas muss man ja gesehen haben auf so einer Reise. Außerdem war das Münster ganz schön groß. Wenigstens rumgehen wollte ich einmal. Doch ein Plakat, das ein in zehn Minuten beginnendes Orgelkonzert ankündigte, verführte mich dann, das Gebäude zu betreten. Ich hatte ja Zeit und die Idee, es könne mich etwas Besonderes erwarten.
Und das war’s denn auch. Sogar grandios. Es war enorm, wie vielfältig man die Orgel hörte - mit zuweilen ganz feinen, zarten Klängen, und dann mit einer Wucht, die die Wände zu erschüttern schien. Die Harmonie der Klänge war so vollständig, dass ich manchmal glaubte, auf der Musik durch das Kirchenschiff getragen zu werden.
Ziemlich ergriffen blieb ich sitzen Lange noch, weil ich staunte und die Gedanken und Gefühle, die sich in mir bewegten, ausklingen lassen wollte wie die Töne der Orgel.
Ich weiß gar nicht, wie lange ich dort saß, aber plötzlich hörte ich eine altbekannte Stimme. “Du hier? In einer Kirche?”
Ich musste mich nicht umdrehen, weil ich wusste, er konnte gar nicht hier sein. Mein Vater. Er starb vor zwei Jahren. Trotzdem war ich weder erschrocken, noch erstaunt. Es war wie in einem Traum und in diesem Moment doch so selbstverständlich, als gehörte er hierher - fast schien es mir, als hätte ich ihn wie einen alten Bekannten hier erwartet. Seine Stimme wirkte anders. Sie kam aus keiner Richtung, sondern schien irgendwie um mich herum zu sein. Und ich musste schmunzeln: “Naja, dass ich dich mal in einer Kirche treffe hätte ich auch nicht gedacht. Du hast sie doch sonst gemieden, Papa. Wohnst du hier?” - fast hätte ich “lebst” gesagt.
“Nicht direkt,” sagte er.
“Und wo wohnst du dann?”
“Nirgends. Ich bin einfach. Mal bin ich bei Mutter. Mal bei dir. Mal bei euch beiden gleichzeit. Und mal auch nicht. Ich bin.”
“Aber bin kann doch nicht richtig sein. Als du gelebt hast, bist du gewesen, Papa, aber jetzt…” Ich verstand das nicht.
“Ich war auch vorher schon. Als ich noch lebte. Und auch davor war ich schon. Und ich werde weiter sein.”
“Hier, auf der Erde? Nicht im Himmel?”, musste ich schmunzeln.
“Orte bedeuten hier nichts Es ist eine andere Ebene, auf der ich bin. Die erschließt sich euch lebenden Menschen nicht sehr oft. In der Philosophie wird sie manchmal angedacht. Die Religion behauptet, sie zu kennen. Ihr nennt es spirituell, wenn ihr sie sucht. Und manchmal handelt ihr spiritistisch,” schien er zu schmunzeln.
“Und wie ist es mit Gott? Spielst du Skat mit Ihm? Oder mit Petrus? Oder mit Opa?”
Er lachte. “Unser Sein ist anders. Skat gehört nicht dazu. Aber ich vermisse es auch nicht, weil ich nicht vermisse. Und über Gott weiß ich genauso viel wie du.”
“Bist du also nicht religiöser geworden?”, versuchte ich ihn herauszufordern, denn Gott, Glauben und Kirche waren zu Lebzeiten so überhaupt nicht sein Ding.
“Nicht mehr und nicht weniger,” sagte er, “Religion gibt’s hier nicht.”
“Glaubt ihr nicht?”
“Oh doch, nur anders halt. Hier ist alles ein bisschen weiter, als du es kennst. Hier glaube ich, ohne mich beschränken zu müssen. Das, was ihr glaubt, ist kein Glauben. Es ist Folgen. Bestenfalls ist Religion eine Art Wahrheit, die jeder auf seine Weise sieht. Der Moslem anders als der Christ anders als der Jude. Und ihr benutzt sie, ohne nachzudenken. Religion hat einen anderen Sinn als Regel zu sein. Und sie ist mehr als Wahrheit, obwohl sie Wahrheit ist.”
“Das ist ein wenig verwirrend, was du sagt,” grinste ich unter dem Eindruck des Widerspruchs.
“Warum?”, fragte er, “Es ist doch ganz einfach: Religion ist. Sie ist nicht christlich, sondern sie ist. Warum, denkst du, sollte der christliche Glaube der einzig wahre sein? Glaubtest du an die christliche Kirche, dann wäre das richtig. Doch glaubtest du an einen Propheten, dann hättest du ihn nicht verstanden. Und glaubst du an Gott, dann gibt es keine Religion mehr. Er ist. Punkt. Religiös zu leben bedeutet, einer Idee zu folgen, einer Philosophie. Aber das zu verstehen haben die Menschen verlernt. Eine Idee ist dynamisch und lebendig, eine Philosophie soll offen sein - sag’ mal ehrlich, sieht so euer Glaube aus?”
Jetzt musste ich lachen, weil mir einfiel, das, wenn er wäre, wie er sagt, er ein Alien sein müsste, da er ja nicht irdisch ist. Aber das sah ich nur philosophisch und grinsend. Aber wie war er nun? Überirdisch? Außerirdisch? Ein Engel? Oder war er nur hier?
“Die Wahrheit ist: Ich bin”, schmunzelte er in meine Gedanken. Und das hörte sich sehr schlicht an.
Ein Knall schallte durch die Kirche. Jemand hatte ein Gesangbuch fallen lassen, und Papa war weg.
Ich schaute auf den Altar, der nun irgendwie anders auf mich wirkte - freundlicher, strahlender (und auch darüber musste ich dann schmunzeln), dann erhob ich mich und trat aus dem kühlen Gebäude auf den sommerlich warmen und hellen Platz davor.
Ich blieb stehen, atmete tief ein und inhalierte alles das, was ich sah. Alles war gut.
Den krönenden Abschluss dieses Radeltages bildete dann allerdings - ganz profan - ein Kinofilm. Um der hochsommerlichen Tageshitze zu entgehen kam mir die Idee eines klimatisierten Kinobesuch. Mehrere Filme wurden angeboten, doch eine Wahl hatte ich nicht wirklich. Denn einer von Ihnen hieß “Stadt der Engel” …

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