Wie steht es um unsere Pfingsterfahrung? (Predigt zu Joh 20,19-23)

Beitrag von wize.life-Nutzer

Am vergangenen Donnerstag war eine Schulklasse hier und hat unsere Kirche besucht. Unter den vielen Fragen, die mir die Schüler gestellt haben, war auch diese: „Glauben Sie an das, was in der Bibel steht?“
Sie können sich vorstellen, dass ich nicht so einfach mit „ja“ geantwortet habe, sondern dass ich meine Antwort etwas genauer erklären musste, weil es bekanntlich auch viele widersprüchliche Berichte in der Bibel gibt.
In den Lesungen des heutigen Pfingstfestes ist z.B. einer von diesen Widersprüchen. In der Apostelgeschichte wird das Pfingstereignis, also die Ausgießung des Hl. Geistes auf die Jünger, sehr eindrucksvoll beschrieben, mit Brausen und Feuer und dem anschließenden furchtlosen Auftreten der Apostel vor der Menge.
Im Johannes-Evangelium hingegen kommt Jesus zu den verschüchterten Jüngern durch verschlossene Türen und sorgt erst einmal für Frieden. Vielleicht waren sie über die Schuldfrage über die Hinrichtung Jesu zerstritten. Und mit dem Frieden schenkte ihnen Jesus die Freude.
Unmittelbar anschließend kommt aus dem Mund Jesu der Sendungsauftrag. Und dann erst hauchte er sie an und sagte: „Empfangt den Heiligen Geist.“
Dieses Empfangen des Heiligen Geistes bringt eine Vollmacht mit sich, nämlich z.B. die Vollmacht, Sünden zu vergeben.
Also wie war das nun mit dem Heiligen Geist?
Kam er nun mit Brausen und Feuerzungen oder kam er durch den Hauch aus Jesu Mund hinter verschlossenen Türen? Wie müssen diese beiden widersprüchlichen Texte verstanden werden und wie kann man es fragenden jungen Menschen erklären, was in der Bibel steht?
Ich habe also dieser Schulklasse erklärt, dass die Bibel keine Dokumentation von historischen Ereignissen ist, sondern eine Sammlung von Aufzeichnungen über die verschiedensten Gottes­erfahrungen.
Natürlich wurden diese Erfahrungen in einem bestimmten Zeitpunkt der Geschichte gemacht, an bestimmten Orten, mit bestimmten anderen Menschen, die gerade da waren. Aber keine der aufgezeichneten Gotteserfahrungen gleicht einer anderen.
Und dann wird es plötzlich ganz nebensächlich, ob man Feuerzungen gesehen hat, ob es ein Brausen gegeben hat, oder ob 3000 oder 5000 Männer beim Brotwunder satt geworden sind.
Das Entscheidende bei all diesen biblischen Erzählungen ist der Kern der Gotteserfahrung, der dann je nach Erzählweise in unterschiedliche literarische Szenenkompositionen gestellt wird.
Wahr und glaubwürdig in der Bibel ist die Gotteserfahrung. Das ist das Entscheidende!
So weit haben es die Schüler verstanden. Und wie sehr sie es verstanden haben, kam in der anschließenden Frage zum Ausdruck: „Haben Sie auch eine Gotteserfahrung gemacht?“
Und diese Frage gebe ich jetzt an Sie alle weiter!
Haben Sie schon einmal in ihrem Leben eine Gotteserfah­rung gemacht?
Wie würden Sie Ihre Erfahrung mit Gott beschreiben?

Das ist die zentrale Frage des heutigen Pfingstfestes!
Die Apostel fanden plötzlich Worte für ihre Erfahrung mit Jesus, die alle Zuhörer verstehen konnten und keiner hat gefragt, ob das echt ist, was diese Fischer auf dem Marktplatz erzählten. Gotteserfahrungen sind immer echt und bedürfen keines „Beweises“. Man kann es entweder glauben oder nicht. Fertig!
In den letzten Tagen habe ich im Internet endlose Diskussionen geführt mit Leuten, die jegliche Religion ablehnen und alles als „Lüge“ bezeichneten, was im Namen einer Religion verkündet wird. Zwischenzeitlich habe ich diese Diskussion beendet, weil sie zu keinem Ergebnis führen konnte. Wenn die grundsätzliche Offenheit für eine Gotteserfahrung nicht gegeben ist, dann ist jegliche Diskussion darüber schnell am Ende.
Bei den Schülern dieser Klasse aus dem Hansa-Gymnasium habe ich eine gewisse Offenheit feststellen können. Sonst hätten sie mir nicht die Frage gestellt, ob ich schon einmal eine Gottes­erfahrung gemacht habe. Es lag eine neugierige Offenheit in der Luft zu erfahren, wie sich so eine Gotteserfahrung anfühlt.
Aber zurück zu der Frage, die ich Ihnen gestellt habe:
„Haben Sie auch eine Gotteserfahrung gemacht?
Wenn ich jetzt mit dem Mikrofon durch die Reihen gehen würde, dann würden wohl die meisten nicht gleich die richtigen Worte finden, um zu beschreiben, wann und wie sie Gott in ihrem Leben erfahren haben.
Und trotzdem bin ich mir ganz sicher: Jeder von Ihnen hat in irgendeiner Weise eine oder mehrere Gotteserfahrungen gemacht. Ich bin mir deshalb so sicher, weil sie sonst wohl nicht hier sitzen würden in der unbequemen Kirche.
Also, ich bin mir sicher, dass Sie alle Gott in irgendeiner Weise erfahren haben. Aber ich bin mir gar nicht sicher, ob sie alle auch wirklich eine „Pfingsterfahrung“ gemacht haben, obwohl sie in jungen Jahren wahrscheinlich das Sakrament der Firmung empfangen haben, bei dem in besonderer Weise die Gaben des Heiligen Geistes auf uns kommen sollen.
Unter Pfingsterfahrung verstehe ich jene prägende Erfahrung, durch die man sich gedrängt fühlt, angstfrei und mit Worten, die von den Zuhörern verstanden werden können, vom eigenen Glauben begeistert zu erzählen.
Heute ist der Tag, an dem wir Jesus um diese Pfingsterfahrung bitten können und müssen. Der Pfingsttag wird auch als der Geburtstag der Kirche bezeichnet, weil zum ersten Mal nach dem Tod Jesu die Verkündigung seiner Frohbotschaft gelungen ist, öffentlich, von allen verstehbar, in einer Weise, die die Zuhörer dazu veranlasste, sich taufen zu lassen, d.h., ihren restlichen Lebensweg mit Jesus zu gehen. Die Verkündigung ist geglückt,
nicht weil die Apostel einen Crashkurs in theologischer Rhetorik gemacht hätten,
nicht weil sie von teuren Medien- und Werbefachleuten instruiert worden wären,
nicht weil sie die neueste, zielgruppengerechte Technik benutzt haben.
Nein, sie haben um den Hl. Geist gebetet, bis er kam. Und dann haben sie IHM das Wort gegeben. So funktioniert es auch heute!

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