Religion... wozu?
Religion... wozu?

Religion... wozu?

Beitrag von wize.life-Nutzer

Keine der momentan existierenden und bisher existierten Gesellschaften kommt und kam ohne Religion aus. Glaube und Religion stiftet verbindliche Werte, an die sich die Menschen halten können. Gelebt werden sie durch Vorschriften und Riten, die genau so wie Mythen zum rechten Handeln anleiten.
Die ersten tatsächlichen Beweise für ‚Religion‘ finden sich erst am Ende der Altsteinzeit, also vor 28.000 bis 11.000 Jahren. Archäologen stießen auf Grabbeigaben wie Schmuck oder andere Dinge des ‚täglichen Bedarfs‘. Spätestens jetzt machten sich die ersten Erdbewohner Gedanken um das Jenseits.
Die gesamte Zeit davor, also bis 600.000 Jahre zurück, sind Hinweise auf Glauben, bzw. Religion schwierig auszumachen. Vielleicht gehören Höhlenmalereien wie Tierbilder oder Chimären (Mischwesen aus Mensch u. Tier) bereits dazu. Mag sein, dass zu jenen frühen Zeiten der Menschheitsgeschichte bereits Riten praktiziert wurden. Möglich auch, dass beim ‚Durchkosten‘ nach Essbarem der eine oder andere giftige Pilz mit seinen Halluzinogenen oder das Verbrennen bestimmter Kräuter derartige Wirkungen tat, dass diese Menschen mit Geistern in Kontakt kamen, die alsdann gezielt genutzt wurden.
Ganz sicher ist, dass Menschen Angst haben/bekommen, im Dunkeln, bei fremden Geräuschen, bei Blitz und Donner in der freien Natur. Es ist nachvollziehbar, dass Naturereignisse und Schicksalsschläge Geistern, höheren Mächten oder besonders starken Tieren zugeschrieben wurden.
Offensichtlich hat es sich als vorteilhaft erwiesen, dass man in der Gruppe, im Stamm zusammenhielt. So wurde der Jagderfolg, der am Tage nach dem Abhalten eines bestimmten Ritus‘ zu verzeichnen war, als Beweis gewertet, dass die Götter dem Stamme wohlgesonnen waren. Je mehr sich die Angehörigen des Stammes den Bräuchen hingaben, umso mehr wurde das soziale Gefüge gestärkt und Abtrünnige wurde ausgeschlossen.
Der homo sapiens entwickelte das ‚episodische Gedächtnis‘. Dies erlaubt ihm, sich an vergangenes zu erinnern und sich zukünftiges vorzustellen. So macht er sich Gedanken über das Kommende, was ihm einmal bei Krankheit, Verletzung oder Tod bevorsteht. Damit werden existenzielle Ängste ausgelöst, die ihrerseits einen Glauben unterstützen.
Fest steht, dass die Ausübung von rhythmischen Tänzen und Gesängen, der Genuss von Rauschmitteln, Meditation oder Stress spirituelle Erfahrungen auslösen können .
Ob und in wie weit Glaube tatsächlich das Überleben sichert, darüber streiten sich die Gelehrten. Die einen behaupten, dass es quasi ein Gen für Glauben geben müsste, weil es seine Träger dazu befähigt durch scheinbar sinnlose Rituale uneigennützig zu handeln, um damit das Überleben der Gruppe zu sichern. So diente die Spiritualität der Anpassung der Menschen an ihre Umwelt .
Die anderen Wissenschaftler meinen, dass der Glauben keine Vorteile zum Überleben fördert, sondern ein Nebenprodukt unserer gedanklichen Strukturen ist, weil in gefährlichen Situationen die Sinne besonders geschärft oder Verbindungen zwischen Ursache und Wirkung hergestellt werden. Derartiges sei aber eher Zufall, tauge eben auch zum Erleben spiritueller Wahrnehmungen und zu Religiosität.
Ein Streit der sich vermutlich niemals beilegen lassen wird.

Als vor rund 11.000 Jahren die Menschen begannen sesshaft zu werden, wurde das Leben komplexer. Je komplexer das Leben wurde umso komplexer wurde auch der Glaube mitsamt Riten, Zeremonien und Festen. In dieser Zeit werden besondere Plätze errichtet, teils mit tonnenschweren Steinpfeilern versehen (Göbelik Tebe, Anatolien), deren Symbolik nur vermutet werden kann. Archäologen glauben, dass erst die Errichtung solcher Plätze die Menschen dazu veranlassten sich in ihrer Nähe anzusiedeln. So wurden auf den Plätzen z.B. Toten- zw. Bestattungskulte betrieben. In Jericho begruben die Menschen vor 9.000 Jahren in ihren Häusern, vielleicht, um ihre Ahnen zu ehren. Im heutigen Sibirien in Çatalhöyük, bestatte man die Toten unter Podesten, die als Sitzgelegenheit tagsüber und nachts als Bett dienten.
Forscher stießen auch auf Totenmasken aus Gips und in späteren Gräbern nur auf Schädel. Sie vermuten, dass nun der Sitz der Seele für die damaligen Bewohner nunmehr der Kopf war. Später wurde diese Idee durch kleine Figuren aus Stein oder Ton symbolisiert. In der Jungsteinzeit finden sich nahezu in allen Siedlungen derlei Figuren. Hier zeigt sich, dass die Menschen sich eine Vorstellung zur Seele machten. Alle Symbole sollten die Kraft des Verstorbenen bewahren. Dazu waren spezielle Rituale nötig, die wohl auf Konflikte auslösten und soziale Bindungen entstehen ließen. Worüber sich die Forscher weitestgehend einig sind ist, dass es in den Siedlungen noch keine Schichten (Bauern, Handwerker, Priester) gab. Konflikte wurden untereinander geklärt, sie konnten nicht von oben herab‘ gelöst werden. Die ritualreichen Zeremonien, die strenge Regeln hatten, sorgten wohl für ein relativ ausgewogenes Miteinander.
Hinter Wolken, Wind und Wetter wurden mächtige Kräfte vermutet, Götter, die beeinflusst werden mussten, um Ernteerfolg, Nahrungssicherung und Wohlergehen zu garantieren. Es ist laut Wissenschaftlern anzunehmen, dass die ersten Götter aber eher Göttinnen waren, was ähnliche Funde von kleinen wohlgenährten Frauenfiguren in den unterschiedlichsten Ausgrabungsstätten belegen. Wahrscheinlich standen sie für Natur, Erde, Weltenlenkerin, Fruchtbarkeit. In den frühen Ansiedlungen war das Bewirtschaften der Äcker und Sammeln von Früchten Frauensache. Als Männer allmählich nicht nur Jäger waren, sondern auch als Bauern sondern als Krieger tätig wurden, trat zur Stammesmutter der Stammesvater hinzu. Also wurden neben Göttinnen auch Götter verehrt.

Die Siedlungen wuchsen an, die Tätigkeiten wurden diffiziler. Es gab Bauern, Werkzeugmacher, Hirten, Priester, Anführer, Häuptlinge und Fürsten. Die Ausbreitung erfolgte ca. vor 5000 Jahren von Anatolien nach Süd- und Mitteleuropa bis auf die Britischen Inseln. Der Götterglaube etablierte sich überall. Erstaunlich ist, was die Menschen damals leisteten. Auf Malta z.B. fanden sich Steingebäude, deren Steine bis zu 60 Tonnen wiegen, bis zu 12 m hoch und teilweise überdacht sind. Die Forscher sind sich einig, dass es sich um Tempelanlagen handelt. Sie bauten Höhlen in den Kalkstein, die Abbilder ihrer Tempel waren. Sie statteten sie mit steinernen Fenstern und Türen aus und meißelten Dachkonstruktionen hinein. In der größten Höhle fanden sich von 7000 Menschen Gebeine. Welchem Kult hier gefolgt wurde, gibt Rätsel auf.

Mit der Erfindung der ‚Schrift‘ (sehr unterschiedlich in unterschiedlichen Kulturen), machten sich 3000 Jahre v. Chr. Priester im Zweistromland daran, die Vielzahl der Götter zu ‚katalogisieren‘. Es wurden Doppelungen aussortiert, die sich im Laufe der Jahrhunderte durch die fortwährende Zuwanderung angesammelt hatten. Am Ende verblieben ungefähr 30 Götter übrig. Dies geschah in Ururk, eine Metropole ihrer Zeit mit gut und gerne 50.000 Einwohnern. Die himmlischen Vertreter spiegelten menschlich Charakterzüge, Dramen des Menschen gab es ebenfalls im Himmel. Herrscher nutzten nicht selten Götter zur Legitimierung ihrer eigenen Macht. Sie verstanden sich auch als Sachverwalter der Götter, ihre Frauen waren Sachverwalter der Göttinnen und ihre Kinder Sachverwalter von Kindergöttern. Die Herrscher wurden somit zu Vermittlern zwischen Göttern und Menschen. Das schützte unter anderem ihr komfortables Leben. Erfanden sie eine Religion oder Ideologie, umso besser. Der ‚kleine Mann‘ diente den Göttern, damit, wie man glaubte, das gesamte Universum aufrecht gehalten werden konnte. Auf Keilschrifttäfelchen sind Abertausende Anleitungen zu religiösen Riten erhalten geblieben. Damit war eine religiöse Moral geschaffen. Die Götter straften den Menschen bei Fehlverhalten mit Krankheit oder Plagen (Naturereignisse), rechtes Verhalten führte zu göttlichem Schutz und Wohlergehen.

Archäologen wollen auch die Ursprünge der monotheistischen Glaubensrichtungen zwischen Euphrat und Tigris ausgemacht haben. So sollen mesopotamische Könige das Urmodell zu dem EINEN Gott geliefert haben, weil sie vor allem einem Hauptgott dienten, der seine Weisungen direkt an die Könige sandte. Abraham, der biblische Stammvater, kam aus dem Zweistromland und war Nomade. Auf der arabischen Halbinsel wurde er von allen dort lebenden Menschen als Ursprung anerkannt. Die Sintfluterzählung findet sich ähnlich auch im Gilgamesh-Epos. (wobei ich persönlich der Auffassung bin, dass sich beides nicht gegenseitig ausschließt).
Der Gott der Juden, Jahwe soll seinen Ursprung in der Wüste Jordaniens oder Saudi Arabiens haben. So wird angenommen, dass sich die Erinnerung an einen Gott im Volk erhielt, weil der ägyptische Pharao Echnaton die Anbetung nur eines Gottes, nämlich Aton, befahl. Das heutige Israel gehörte zum damaligen Einflussgebiet Ägyptens. Als zweites soll dem Wüstengott die Besattzung Israels durch die Babylonier zur Macht verholfen haben. Nebukadnezar verschleppte während der Besatzung einen Teil der jüdischen Oberschicht nach Mesopotamien. Sie nahmen den Jahwe-Kult dorthin mit, um in der Fremde die eigene Identität zu bewahren. Nach 50 Jahren Gefangenschaft brachten die Heimkehrer dann einen strengen Monotheismus zurück in die Heimat. Der Name ‚Allah‘, den die Mulime deutlich später verehren, geht auf den höchsten Gott ‚Ilah‘ (in alten Inschriften erwähnt, die arab. Stämme nannten ihn später Allah), das hieß soviel wie 'Herr des Hundssterns, Herr der höchsten im Himmel') zurück, der wohl als Staue einst in der Kaaba stand. Mohammed, der ursprünglich den Namen Qutam trug, übernahm diesen Gott Ilah, und wandelte ihn zu einem Gott, der weder Töchter noch Söhne hat.
Weit über die Hälfte der Weltbevölkerung folgt heute einem monotheistischen Glauben.

„Ein langer Weg, an dessen Ende die Erkenntnis steht: Die Geschichte der Religion ist aufs Engste verknüpft mit der Geschichte unserer Welt – mit dem, was es bedeutet, Mensch zu sein.“
Zitat Ende, von Jürgen Bischoff.

Für mich bleiben Fragen offen, zumal sich Wissenschaftler in vielen Punkten nicht einig sind:

• Ist es wirklich so, dass der EINE GOTT, den wir meinen, reine Theorie ist und nur auf
kultische und rituelle Ideen von 'privilegierten‘ Menschen zurück geht?
• Was, wenn es Gott doch gibt, sich immer wieder bemerkbar machte, aber die Menschen es
nicht verstehen und deuten konnten?
• Ist es wirklich so abwegig, dass es wirklich nur EINEN Gott gibt?
• Das ‚Auftauchen‘ von Jahwes ist genauso wenig geklärt, wie etliche Entwicklungen des
Menschen. Denn die Affen sind nachweislich nicht unsere Vorfahren, maximal Verwandte.Alle
Menschen dieser Welt tragen ein (1) Gen in sich, dass auf eine (1) Urmutter zurückgeht.

Qelle: Jürgen Bischoff ‚Wie der Glaube in die Welt kam‘, GEO kompakt Nr. 16, 2008
Tillmann Nagel, Islamwissenschaftler