Eule, Symbol der Weisheit
Eule, Symbol der Weisheit

Altersmilde, altersweise, altersmüde – alles nur Klischees?

Christine Kammerer
Beitrag von Christine Kammerer

Werden wir milder im Alter? Ein bisschen trifft das sicher zu. Wir sehen die Dinge gelassener, müssen nicht mehr alles auf Teufel kommt raus ausdiskutieren oder um jeden Preis Recht behalten. Unser Kampfgeist lässt tatsächlich nach. Das ist auch biologisch begründet. Ab einem bestimmten Alter verändert sich der Hormonspiegel:

Altersmilde
Der Anteil an Testosteron, dem männlichen Sexualhormon, das nicht nur mit der Lust, sondern auch mit dem Aggressionstrieb in Verbindung gebracht wird, nimmt bei beiden Geschlechtern kontinuierlich ab – bei Männern stärker als bei Frauen. Wir werden also mit den Jahren wirklich milder und ausgeglichener, toleranter und nachsichtiger. Und tatsächlich haben Großeltern oft mehr Verständnis für die Eskapaden ihrer Enkel als deren Eltern – selbst für solche Dinge, die sie ihren eigenen Kindern früher nie erlaubt hätten.

Altersweise
Aber wie ist es mit der Weisheit? Dass ältere Menschen der Jugend einiges an Reife und Erfahrungsreichtum voraus haben ist unbestritten. Doch was ist das eigentlich – altersweise? Ist es die Erkenntnis, dass man im Grunde alles, was einem im Leben wiederfährt, mit einem heiteren Gemüt hinnehmen sollte? Auch die unangenehmen Dinge, die Schicksalsschläge und alle Widernisse? Das wäre wohl zu viel verlangt.

Wir wissen, dass wir nichts wissen
Oder ist es vielleicht das Wissen darum, dass Menschen bestimmte Dinge erst begreifen können, wenn sie ein gewisses Alter erreicht haben? Dinge, über die wir in jüngeren Jahren viel diskutiert haben, die wir vielleicht an den Älteren – unseren Eltern zum Beispiel – auch häufig kritisiert haben.

Jedenfalls so lange, bis wir dann selbst ganz ähnliche Fehler gemacht haben oder genau in die gleichen Fallen getappt sind – zum Beispiel in der Partnerschaft, bei der Erziehung der Kinder oder beim beruflichen Engagement, das uns mitunter wichtiger war als die eigene Gesundheit. Und irgendwann wissen wir, dass unsere Kinder und Enkel diese Fehler wieder machen werden und wir sie nicht davon abhalten können.

(K)ein bisschen Altersmüde
Aber ist es denn wirklich so, dass wir mit zunehmendem Alter weiser werden? Oder gewinnen wir vielleicht nur einen gewissen Grad an Abgeklärtheit dem Leben gegenüber?

Vielleicht ist die Altersweisheit auch nur eine gereiftere Haltung zum Leben, nämlich ganz einfach die Erkenntnis, dass wir eigentlich niemals wirklich weise sein werden. Was ist schon der letzte Schluss der Weisheit?

Was wir aber erreichen können, ist eine gewisse Demut dem Leben gegenüber. Einem Leben, von dem wir jetzt nicht mehr ganz so viel erwarten wie früher.
Also doch ein bisschen Altersmüdigkeit.
Wir haben aufgehört, zu kämpfen, weil wir wissen, dass die Dinge ohnehin ihren Lauf nehmen und wir darauf nur allzu oft wenig Einfluss nehmen können.

Das Wichtigste: Leben!
Aber wir haben noch lange nicht aufgehört, zu leben. So lange wir auch einen Funken davon in uns spüren, trotzen wir den Widernissen. Und so erinnert uns selbst die Altersmüdigkeit wieder an das Wichtigste - an das Leben!