Den Tod zulassen

Beitrag von wize.life-Nutzer

Hallo @ all,

wir aufgeklärten Menschen des (jetzt) 21. Jahrhunderts glauben all zu oft, alles im Griff zu haben. In Ausnahmesituationen wird uns jedoch bewusst, wie klein und hilflos wir im Grunde sind. Ob bei Naturkatastrophen, Unfällen, Krankheiten oder dem Tod wird uns dies unmissverständlich deutlich.

Unsere Not äußert sich in den Fragen: „Warum gerade ich“ und „wozu muß dieser oder jener nur so lange leiden?“ Einerseits erleben wir, wie junges Leben plötzlich beendet wird und Familien in unsägliches Leid stürzen, andererseits siechen Todkranke und Alte jahrelang dahin, scheinbar ohne Sinn. Die einen wollen leben, die anderen wollen sterben. Früher nahmen die meisten Menschen dies als „gottgegeben“ hin. Heute lehnt man sich verständnislos dagegen auf.

Unser Handeln reduziert sich auf die Erhaltung der vitalen Funktionen. Sind wirklich die „vitalen“ Funktionen der Schlüssel für unser Handeln? Ein Arzt schrieb einmal:

„Das Krankenzimmer verwandelt sich urplötzlich in einen Hexenkessel voll hektischer Aktivität. Dutzende von Leuten rennen an das Bett des Patienten und geben ihr Letztes, um ihn wiederzubeleben. Der eigentlich schon tote Patient wird mit Medikamenten vollgepumpt, von Nadeln zerstochen und mit Elektroschocks malträtiert. Unsere Todesstunde wird genauestens dokumentiert – anhand von Puls- und Blutwerten, EKGs und so weiter. Endlich, wenn auch der letzte Arzt aufgegeben hat, findet diese Techno-Hysterie ein Ende.“ (Melvin Morse in: Closer to the Light, S. 72)

Nach einer Wiederbelebung sagte mir eine Bewohnerin eines Pflegeheimes: “Warum habt ihr mich nicht sterben lassen? Warum habt ihr mich zurück geholt?“ so was geht unter die Haut. Wer gibt uns das Recht zu entscheiden, wann ein Leben zu Ende geht?

Eine andere Bewohnerin sagte mir in einem der vielen langen Gespräche vor ihrem Tod: „Wissen Sie, in meinem Leben ist alles so weit in Ordnung. Nur mit einem werde ich nicht fertig – ich kann mit Gott nichts anfangen.“

Der weise Salomo sagte vor ca. 2500 Jahren: “Jedes Ding hat seine Zeit.“ und: „Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, damit wir klug werden.“

Bis ins 19. Jhdt. war es vielerorts noch üblich, dass ein Sterbender seine Familie um sich versammelte. Er sprach ihnen Mut zu, verteilte Verantwortung für die Zeit nach seinem Tod, ermahnte, ließ sich Zusagen über verschiedene Dinge machen – vor allem wenn es um Unstimmigkeiten oder die Versorgung lieber Angehöriger ging. Wenn er alles geregelt hatte, legte er sich zurück und schloss seine Augen, um nicht mehr aufzuwachen.

Von vielen gläubigen Todkranken und Sterbenden weiß man, dass sie ihre Angehörigen trösteten. Selbst heute noch kann man erleben, wie gerade auch Kinder, die den Tod nahen spüren, ihre verzweifelten Eltern trösten – als Sterbende. Oft äußern Sterbende ihre Dankbarkeit für alles, was ihnen das Leben gegeben hat. Wenn auch im Leben viele eine Gott ablehnen – im Sterben kommen doch häufig die Zweifel. Was ist, wenn es doch einen Gott gibt.

Bei vielen Ungläubigen hingegen beobachten wir von der Gleichgültigkeit bis hin zu erbitterter Auflehnung die ganze Bandbreite des Widerstandes gegen das Sterben. Von Menschen, die in ihrem Leben als Medium tätig waren ist bekannt, dass sie sich gegen den Tod so lange wehren, bis sie jemand gefunden haben, dem sie ihre Fähigkeiten übertragen haben. Wer schon einmal beim Sterben eines solchen Menschen dabei war, weiß unter welchen massiven Kämpfen dieser Prozess vonstatten geht.

Hängt vielleicht die Art des Sterbens auch wesentlich mit der transzendentalen Beziehung des Menschen zur unsichtbaren Welt zusammen? Sicher, wir können leugnen, dass es sie gibt. Aber es gibt viele Dinge in dieser Welt, die sich unserem Verständnis und unserem Zugriff entziehen. Und dennoch sind sie vorhanden.

Warum fällt es vielen Sterbenden so viel leichter mit ihrem eigenen Tod umzugehen als ihren Angehörigen? Warum suchen die Mediziner und Pflegenden so oft verzweifelt nach immer neuen Möglichkeiten, den Sterbenden am Leben zu erhalten? Warum wollen aber auch andererseits so viele Angehörige, Pflegende und Ärzte das Leben willkürlich durch irgendwelche Maßnahmen abschließen oder verkürzen?

Viele weichen diesen Fragen aus, weil sie ahnen, dass die Antworten nach Konsequenzen auch für das eigene Leben rufen. Noch im 19. Jhdt. war es für viele selbstverständlich, sich auf den Tod vorzubereiten. Heute wird alles, was damit zusammenhängt verdrängt, weil es der Selbstverwirklichung, wie sie heute verstanden wird, im Wege steht.

Gerade die Pflegenden stehen hier in einem besonderen Spannungsfeld. Muß sich daher nicht jeder einzelne von uns Pflegenden zuerst mit dem eigenen Leben und mit seinem eigenen Sterben auseinandersetzen, bevor er einen Sterbenden wirklich begleiten kann? Ihm helfen kann zu sterben? Muß nicht jeder Pflegende seinen Standort bestimmen in der sichtbaren und unsichtbaren Welt? Muß nicht jeder Pflegende klären, wie es bei ihm mit einer Beziehung zu Gott steht?

So, wie das Sterben von all diesen Faktoren für den Sterbenden abhängt, hängt unser Umgang mit dem Sterbenden und seinen Angehörigen von unserem Standort in diesen Fragen ab. Wer keine Antworten auf die das Leben und das Sterben prägenden Fragen WOHER, WOZU, WOHIN geben kann, steht hilflos vor dem Sterbenden, der gerade diese Fragen stellt.

Daher muß sich ein Mensch, der mit Sterbenden konfrontiert wird, mit den Fragen des Lebens auseinandersetzen. Diese Fragen werden je nach Weltanschauung unterschiedlich beantwortet.

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