Nur, wer das Leben ernst nimmt, kann auch den Tod ernst nehmen

Beitrag von wize.life-Nutzer

Hallo allen Pflegenden und Gepflegten oder Angehörigen, die sich akut mit dem Sterben auseinandersetzen müssen. Aber auch jenen die derzeit noch nicht ans Sterben denken, es vielleicht weit von sich schieben.

Aus vielen Berichten ist bekannt dass Menschen, die dem Tod „noch einmal von der Schippe gesprungen“ sind, in diesen vermeintlich letzten Sekunden ihr Leben wie in „time-laps-lotion-pictures“ an sich vorüber ziehen sehen. Wenn dies bei jenen so ist, die gerade noch einmal davon gekommen sind, liegt es nahe, dies auch bei denen zu vermuten, deren letzte Stunde wirklich gekommen ist.

Aus diesen Berichten wissen wir auch, dass jene sich in diesen Sekunden sehr wohl bewusst sind, was in ihrem Leben falsch gelaufen ist selbst dann, wenn man aus ihren vorherigen Reden und Handlungen den Eindruck hatte, dass sie sich über alle Konventionen hinweg gesetzt haben und eine Umkehrung der Werte des Lebens als solche gar nicht mehr empfunden wird. In diesen Augenblicken ist alles anders.

Wäre es auf dem Hintergrund dieses Wissens nicht angezeigt, sich schon heute die Frage zu stellen: „Was habe ich in meinem Leben wirklich erreicht?“ Damit meine ich: „Wie viel habe ich in bezug auf Leben und Tod wirklich verstanden?“ Aus alter Zeit wurde uns bereits gesagt: „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, damit wir klug werden.“

Auch in den Studien und Auswertungen von Nahtod-Erlebnissen, wie sie bei Kenneth Ring und anderen beschrieben werden wird dieser „panoramische Lebensrückblick“ genannt. Dort wird berichtet, dass manche nicht nur jede Einzelheit in unwahrscheinlicher Brillianz und Genauigkeit noch einmal durchleben, sondern auch die Auswirkungen, die ihr Handeln auf andere gehabt hatte und Emotionen, die sie empfanden und die ihre Handlungen ausgelöst hatten. In diesen Augenblicken wird nichts mehr beschönigt, nichts mehr entschuldigt. Vielmehr heißt es jetzt: Hätte ich doch anders gehandelt, könnte ich es doch rückgängig machen. Erklärt dies nicht so manchen Kampf auf dem Sterbebett?

Wenn uns diese Vorgänge im Angesicht des Todes bei dem Sterbenden durch solche Berichte bekannt sind, fällt es uns da nicht leichter, das Auflehnen, das Aufbäumen, die Abwehr des Todes zu verstehen, wenn diese nicht alles in ihrem Leben bereinigt haben? Fällt es uns da nicht leichter zu begreifen, wie jemand in tiefem Frieden und Dankbarkeit Abschied nimmt, der seinen Frieden mit Gott und den Menschen gemacht hat?

Ein Mann berichtete Kenneth Ring:

„Ich erkannte, dass es Dinge gibt, die zu lernen und zu erkennen jeder Mensch auf die Erde gesandt wird, z. B. mehr Liebe mitzuteilen, liebevoller miteinander umzugehen. Zu entdecken, dass das Wichtigste menschliche Beziehungen und Liebe sind und nicht materielle Güter. Und zu erkennen, dass alles, was man in seinem Leben tut, gespeichert bleibt. Auch wenn man etwas unbewusst tut und es unerkannt vorbeigehen sollte, so kommt es irgendwann doch wieder zum Vorschein.“ (Kenneth Ring, Heading Towards Omega: In Search of the Meaning of the Near-Death Experience, New York 1985, S. 69)

Manchmal findet dieser Lebensrückblick angesichts einer strahlenden Präsenz, eines “Wesens aus Licht” statt. Was bei den verschiedenen Zeugnissen von Begegnungen mit diesem „Wesen“ auffällt, ist die Tatsache, dass es die einzig wesentlichen Aufgaben im Leben enthüllt, nämlich „andere lieben zu lernen und Wissen zu erlangen“. Ein anderer wurde gefragt, was er getan hätte, um der menschlichen Gemeinschaft zu nutzen oder ihren Fortschritt zu fördern.

Selbst in Schlagern kann man diese Frage nach der Wertigkeit, dem Sinn des Lebens finden, wie z. B. „Wie war dein Leben, wirst du gefragt. Hast du genommen oder gegeben? Hast du gewonnen, oder alles vertan? Wie war dein Leben.“ Diese Frage steht am Ende eines jeden Lebens, wenn der Tod nach dir greift. Viele sind sich in dieser Phase bewusst, wo sie versagt haben. Spätestens jetzt sind sie sich bewusst, das alles, was sie im Leben getan haben, sie zu dem formte, was sie jetzt sind, da es ans Sterben geht. Und hier zählt alles, aber auch wirklich alles.

Jetzt, wo alles ringsum still wird, lässt sich die leise Stimme des Gewissens nicht mehr abschütteln. Die einen zergehen jetzt in Selbstvorwürfen, die anderen suchen die Umstände oder Mitmenschen für ihr Scheitern verantwortlich zu machen. Wieder andere suchen verzweifelt alles wieder gut zu machen, sich zu entschulden.

Doch wer die oben beschriebenen Hintergründe und Zusammenhänge nicht kennt meint oft, der Sterbende sei in seiner Wut über seine jetzige Hilflosigkeit nur wehleidig, in seine Anschuldigungen und Vorwürfen ungerecht, undankbar für die erwiesene Fürsorge. Sowohl Angehörige als auch Pflegende machen sich oft nicht die Gedanken, dass diese Äußerungen aus der inneren Verzweiflung erwachsen sein können. Wir sind es nicht mehr gewohnt, Leid zu ertragen. So geraten wir dann selbst aus dem Häuschen, wenn wir so direkt damit konfrontiert werden.

Liegt nicht einer der wesentlichen Gründe, warum wir Angst haben, uns dem Tod zu stellen darin, dass wir die Wahrheit der Vergänglichkeit nicht akzeptieren wollen? In der Bibel wird bereits auf den ersten Seiten dem Menschen mitgeteilt dass, wenn er Gott aus seinem Leben ausklammert, er dem Verfall unterworfen ist. Es heißt dort: „...dann wirst du sterbend sterben.“ Diese Wahrheit verdrängen wir bis zum letzten Augenblick – wenn wir ehrlich sind, selbst die am Sterbebett Stehenden. Wir wünschen verzweifelt, alles möge so weitergehen wie bisher selbst dann, wenn uns klar ist, dass keine Hoffnung mehr besteht. Es ist uns egal, wie oft sich die Wahrheit einmischt, mit verzweifeltem Mut ziehen wir es vor, unsere Illusionen aufrecht zu erhalten.

Dann wird uns auch verständlich, warum der Atheist und Evolutionist mit allen Mitteln versucht, dieses armselige Leben so lange wie möglich festzuhalten. Es werden alle möglichen Apparate eingesetzt, um die Funktion des Organismus zu erhalten selbst dann, wenn das den Menschen ausmachende Bewusstsein, die Denkfähigkeit bereits verloren sind.

Lassen sich darum Menschen einfrieren für eine spätere Zeit? Ist dies auch ein Grund für die hektische Versuche zur Entschlüsselung der Gene? Auch Atheisten brauchen eine Hoffnung – oder ist es eine Illusion – um mit dem Leben jetzt und hier umgehen zu können, selbst wenn sie trügerisch ist. Interessant ist, dass in den Nahtod-Erlebnissen sowohl Gottgläubige als auch Atheisten mit den gleichen Fragen konfrontiert werden: „Wie war dein Leben...?“ In diesem Augenblick gibt es keine unterschiedlichen Wahrheiten mehr, es wird Rechenschaft abgelegt über Gut und Böse, richtig oder falsch. Jetzt weiß auf einmal jeder ganz genau, was richtig in seinem Leben gewesen wäre.

Christen schöpfen ihre Hoffnung aus dem Geschenk der Wiedergutmachung durch das stellvertretende Opfer des Gottessohnes Jesus Christus, der den Preis für die Trennung des Menschen von Gott durch seinen Tod bezahlt hat. Dieser hat ihnen zugesagt, dass sie so wie er zu neuem Leben – dann aber ohne Ende – aufwachen werden, wenn sie seine Zusagen für sich in Anspruch nehmen und ihm vertrauen. Es wird dort kein Leid, kein Wehklagen und keinen Tod mehr geben. (Die Bibel, Buch der Offenbarung des Johannes)

Die Tatsache, dass selbst die Leugner und Feinde des Christentums aus den geschichtlichen Ereignissen zugeben mussten, dass Jesus von den Toten zurückgekehrt ist, ist für seine Nachfolger ein Grund zu der berechtigten Hoffnung, dass seine Zusagen in Erfüllung gehen werden. Das schließt aber nicht aus, dass auch sie von Zweifeln geplagt werden können und von daher auch im Sterben einen Kampf ausfechten können.

In seinem Brief an die Gemeinde in Thessaloniki schreibt Paulus: „Wir wollen euch aber nicht im ungewissen lassen über jene, die im Glauben an Jesus gestorben sind. So, wie Jesus auferstanden ist, werden auch sie auferstehen und mit den Lebenden in das Reich Gottes aufgenommen werden. Darum tröstet euch mit dieser Botschaft.

Buddhisten und Hinduisten schöpfen ihre Hoffnung auf eine Wiedergeburt in einer anderen Lebensform. Sie glauben, dass es die Möglichkeit gibt, unrechtes Handeln und Denken in anderen Lebensformen abzulegen. So ergibt sich ein ständiger Kreislauf von Werden und Vergehen.

Eine Geschichte mag dies verdeutlichen:

In Tibet lebte eine junge Frau zur Zeit des Buddha. Als ihr einziges Kind ein Jahr alt war, wurde es krank und starb. Von Trauer überwältigt, den kleinen Körper fest umklammernd, irrte sie durch die Straßen und flehte jeden um eine Medizin an, die ihrem Kind das Leben hätte wiedergeben können. Einige ignorierten sie, andere lachten sie aus, wieder andere hielten sie für verrückt. Schließlich traf sie einen weisen, alten Mann, der ihr sagte, dass der einzige Mensch auf der Welt, der ein solches Wunder vollbringen könne, der Buddha sei. Sie ging zu ihm. Er hörte sich ihre Geschichte an und sagte zu ihr: „Es gibt nur ein Mittel gegen dein Leid: Geh hinunter in die Stadt und bring mir ein Senfkorn aus einem Haus, in dem es niemals einen Todesfall gegeben hat!“

Sie fand keines. Sie trug den Körper ihres Kindes zum Friedhof und begrub ihn. Bei ihrer Rückkehr zum Buddha fragte sie dieser: „Hast du die Senfsamen?“ „Nein“, antwortete sie. „Ich fange an zu begreifen, dass die Trauer mich geblendet hat und mich glauben ließ, nur ich allein hätte unter dem Zugriff des Todes zu leiden.“ Der Buddha sagt zu ihr: “Der Tod deines Kindes hat dir geholfen zu verstehen, dass der Bereich, in dem wir leben, ein Ozean von unerträglichem Leiden ist. Es gibt nur einen Weg, der aus dem unendlichen Kreislauf von Tod und Geburt, dem Ozean unerträglichen Leidens hinaus führt – den Pfad der Befreiung.“ (Sogyal Rinpoche, The Tibetan Book of Living and Dying, S. 46)

Das Problem des Buddhismus und Hinduismus wird hier aber offenbar. Sie wissen wohl, dass nur ein „Pfad der Befreiung“ aus dem unendlichen Kreislauf von Tod und Geburt führt. Doch diesen Pfad können sie nicht benennen. Was nutzt mir das Wissen, dass etwas geschehen muss, wenn mir niemand sagt, WAS geschehen muss?