Sterbehilfe oder Welches Leben ist lebenswert

Beitrag von wize.life-Nutzer

Es ist unmöglich, angemessen über Sterben und Tod zu reden, wenn ich mir nicht vorher Gedanken über das Leben gemacht habe. Hierbei spielt die Weltanschauung des Einzelnen eine entscheidende Rolle. Gestatten Sie mir daher eine kleine Reise in die dieses Thema prägenden Weltanschauungen.

In unserer „westlichen Welt“ treffen wir auf drei große Weltanschauungen, die das Leben, und damit auch das Sterben und alles was sich darum abspielt, wesentlich beeinflussen. Die ursprünglich christliche (bis zum Ausgang des 18. Jhdts.), die evolutionistisch-nihilistische (seit der französischen Revolution im Ausgang des 18. Jhdts.), und seit einigen Jahrzehnten mit zunehmender Tendenz die asiatische.

Während die christliche mit fast allen anderen Weltanschauungen – auch den sogenannten „Naturreligionen“ – die Herkunft und Beeinflussung des Menschen von einer Gottheit lehren, geht die evolutionistisch-nihilistische von der Zufälligkeit des Lebens aus. Aus der asiatischen Weltanschauung, die von einem ständigen Kreislauf des Lebens ausgeht, werden in unserer westlichen Welt in der Regel nur die uns sympathischen Elemente übernommen – Entspannungsübungen, Kampftechniken, medizinisches Wissen, usw. -, ohne sich um Herkunft, Bedeutung und Auswirkung Gedanken zu machen.

Nach der für unsere Breiten (noch?) bedeutsamen christlichen Weltanschauung hat der Mensch nicht das Recht, Hand an sein Leben oder das seiner Mitmenschen zu legen, das steht allein Gott zu. Nachzulesen in dem Glaubensbuch der Christen – der Bibel, ohne jetzt näher darauf einzugehen.

Nach der evolutionistisch-nihilistischen Weltanschauung bedarf es konsequenterweise keiner Rechtfertigung, da der Anhänger dieser Anschauung nur das Produkt des Zufalls ist. Er ist nicht gewollt, niemand verantwortlich, von niemand abhängig. Ethik und Moral sind antiquierte Relikte der christlichen Weltanschauung und dem Zufall fremd.

Die asiatische Weltanschauung betrachtet das Lebewesen schlechthin als wertvoll, da es im ständigen Kreislauf immer wiederkehrt. Die menschliche Existenzform wird als die bessere angesehen, da der Mensch in der Lage ist , bewusst zu handeln und Veränderungen herbei zu führen. Auch hier ist das „Hand an sein Leben legen“ oder das seiner Mitmenschen undenkbar.

Wer sich mit den verschiedenen Weltanschauungen befasst, wird schnell herausfinden, dass es dort keine autonome Entscheidung über lebenswert oder nicht lebenswert gibt. Nirgendwo wird das „Hand-an-sich-selber-legen“ toleriert, mit Ausnahme kleiner Bereiche, z.B. der Ehrenrettung (Japan, China, u. a.). Auch der asiatischen Weltanschauung ist die aktive Einflussnahme auf den Tod fremd.

Das Thema „Sterbehilfe“ ist eine neue Qualität der Lebensäußerung des „modernen“, westlichen Menschen, die erst wenige Jahrzehnte publik gemacht wird. Sie kommt aus der gleichen Quelle, aus der die sogenannte „Geburtenkontrolle“ gespeist wird – der absoluten Egozentrik, in der sich der Einzelne zum letzten Maßstab macht.

Wie werden wir diskutieren – oder vielleicht bereits handeln, wenn in den 50 – er Jahren dieses Jahrhunderts 2/3 der deutschen Bevölkerung über 65 Jahre und deshalb nur unnützer Ballast sind? Wenn diese Menschen dem eigenen Wohlstandsstreben und der egozentrischen Selbstverwirklichung nur im Wege stehen?

Wir in der westlichen Welt behaupten, wir seien „aufgeklärt“ und modern. Dabei meinen wir doch nur, dass wir individuell entscheiden dürfen, was richtig und falsch, gut oder böse ist. Nicht erkannt wird hierbei, dass wir uns analog der These der „Herrenmenschen“ zu DEN Herren und Herrinnen aufspielen die meinen, über jeglicher Ordnung zu stehen. Wer sich erinnert: Das hatten wir schon – in vereinfachter Form – heute mit fataleren Folgen als damals.

Ist es nicht richtig, dass vor sechzig Jahren Juden, Roma und Sinti, psychiatrisch Erkrankte, Körperbehinderte – mit Ausnahme der Kriegsbeschädigten – und andere Minderheiten – wohlgemerkt: Dritte - von den damaligen „Herrenmenschen“ als „lebensunwert“ bezeichnet und behandelt wurden? Von einem Dr. Mengele wenden wir uns mit Abscheu ab, der medizinische Versuche an denen vornahm, die sich nicht wehren konnten. Und heute? Wir entscheiden nach dem Lustprinzip nach dem Motto: „Mein Bauch gehört mir!“, ob ein Kind – das Eigene – lebenswert ist oder nicht. Wir entscheiden nach Ultraschall und Fruchtwasseruntersuchung, ob ein Mensch lebenswert ist oder nicht. Krankenkassen wollen entscheiden, bis zu welchem Lebensalter und unter welchen Bedingungen bestimmte medizinische Versorgungen genehmigt werden können oder nicht. Wir fordern eine Freigabe der aktiven Sterbehilfe bei - unserer Meinung nach - „lebensunwertem“ Leben. Schwerstkranken und Sterbenden. Gleichzeitig wird zur Befriedigung unserer Geltungssucht so mancher mit Maschinen über Jahre „in Funktion“ – wir sagen „am Leben“ - gehalten und als Wunder der Technik hingestellt.

Was rechtfertigt unseren Aufschrei über damals bei unserem eigenen Denken und Handeln heute? Ist es nicht die gleiche Anmaßung, die damals eine kleine Gruppe für sich in Anspruch nahm? Heute ist dieser Kreis wesentlich größer. Damals ging es um die Ausübung von Macht. Und heute? Heute kommt zu diesem „Macht ausüben“ noch als wesentlicher Faktor Geld, Besitz und Geltungsstreben hinzu. Der „Lebensunwerte“ könnte mir ja etwas wegnehmen oder mich daran hindern, noch mehr zu bekommen.

Sind wir uns eigentlich bewusst, auf welchem Niveau wir uns bereits heute bewegen? Ist uns eigentlich klar, dass viele bereits die Grenzen der „Herrenmenschen“ von vor sechzig Jahren weit überschritten haben, die wir selbstherrlich verdammen?

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