Bibel
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Sind Bibeltexte noch alltagstauglich?

Beitrag von wize.life-Nutzer

Hinweis zu der gelegentlich vertretenen ('fundamentalistischen') Auffassung, die Bibeltexte müssen wortwörtlich verstanden und umgesetzt werden. Dazu hier mal die Auslegung eines kompetenten Kirchenmannes, damit der Vorwurf 'wissenschaftlicher Einseitigkeit' gar nicht erst erweckt wird:

"Der Gottheit lebendiges Kleid"
Franz Kreuzer im Gespräch mit Kardinal Franz König (Auszug)
(C) 1982 Diözesan-Archiv Wien - Franz Deuticke Verlagsgesellschaft m.b.H., Wien
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(das vollständige, sehr lesenswerte Gespräch gibt es hier)
--> http://hoimar-von-ditfurth.de/gespra..._koenig.pdf

"Kreuzer: ... die Zulässigkeit eines Übersetzungsvorgangs von Glaubensinhalten. Die Zulässigkeit der "Übersetzung" von Bibeltexten, von Glaubensoffenbarungen in Begriffe der heutigen Wissenschaft: Gibt es Offenbarung in vielen Sprachen? Kann das im Sinne Teilhard de Chardins, Ditfurths auch als die Fähigkeit gedeutet werden, Glaubensinhalte in Sprachen verschiedener Jahrtausende zu vermitteln, zu verdolmetschen, verständlich zu machen?

König: Ich glaube, daß dazu einiges zusagen ist. Gewiß kann man die Sprache oder die Sprachfähigkeit in diesem Sinne deuten. (...) Lese ich etwa die Sprache des Alten Testaments, der Genesis: "Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde", so ist uns heute allen geläufig, daß die geschichtliche Prägung des Wortes eine große Rolle spielt. Jeder menschliche Ausdruck oder jede menschliche Aussage ist durch die zeitlichen Umstände bedingt. (...) Ich muß also herauslesen, herausschälen: Was war die Absicht des Autors, was wollte er damit sagen? Und wie muß das dann in meiner Zeit, in der jeweiligen Zeit. in der ich lebe, verständlich und begreifbar gemacht werden?

Kreuzer: Jetzt ganz zum Praktischen. Das geht ja jeden Menschen an, der sich mit Wissenschaft befaßt und der die Religion doch nicht ablegen will. Was antwortet heute ein Religionsprofessor, wenn seine Schüler, die aus dem Naturgeschichtsunterricht kommen, ihm vorhalten, daß die Welt im Urknall entstanden ist, und ihn fragen, wie sich das mit dem Wortlaut der Bibel verhält? Was antwortet der Religionsprofessor?

König: Meiner Meinung nach muß der Religionsprofessor darauf hinweisen, daß mit der Evolution, mit dem Evolutionsprozeß für uns ein großartiger Einblick in die Weit, in die Schöpfungswelt gegeben worden ist und daß wir dafür sehr dankbar sein müssen, daß kein Widerspruch besteht zwischen dem, was die Bibel über die Schöpfung sagt, und all dem, was die Wissenschaft über das Leben und die Welt herausgefunden hat. Ich finde, dadurch wird der Begriff der Schöpfung großartiger und herrlicher.

Kreuzer: Ich muß also nicht darauf bestehen, daß "Tag" im engeren Sinne des Wortes "Tag" heißt?

König: Damit kämen wir zu dem sogenannten Fundamentalistenstreit, der ... jetzt in Amerika wieder Furore macht - er wird in verschiedenen Zonen, bei verschiedenen Menschen immer wieder anzutreffen sein. Der Fundamentalismus beruht auf der Meinung, jedes Wort in der Bibel sei inspiriert, müsse also wörtlich verstanden werden.

Kreuzer: "Tag" heißt also für die Fundamentalisten "Tag" - und nichts anderes.

König: Richtig. Heute wissen wir aber - jedenfalls ist das Gemeingut in der christlichen Theologie - daß es sich hier um ein großes Bild handelt, um eine große bildliche Abfolge dessen, was in großen Zeiträumen vor sich gegangen ist. Was in einem Evolutionsprozeß im Verlaufe von Jahrtausenden, von Jahrmillionen vor sich gegangen ist, hat auch übertragene Bedeutung. Hier bringe ich einen anderen Gedanken herein: Wenn ich mich jenseits von Zeit und Raum stelle, wenn ich also sage, Zeit und Raum fallen irgendwie zusammen und alles, was in Zeit und Raum, also in Milliarden von Jahren vor sich geht, kann auch als Augenblick verstanden werden, dann schwindet der Gegensatz.

Kreuzer: Ja, hier käme der liebe Gott ins Spiel, wie ihn Albert Einstein gesehen hat. Bedeutet das eben Gesagte jetzt, daß es für die Menschen der Zeit, in der die Bibel geschrieben oder zum erstenmal tradiert wurde, und unserer Zeit oder auch zum Beispiel für Menschen verschiedenen Lebensalters -- für ein vierjähriges Kind, für einen Erwachsenen, für einen reifen Menschen, für einen Wissenschaftler, vielleicht einen Sterbenden -- verschiedene Glaubenswahrheiten gibt? Daß also die Glaubenswahrheit in viele "Sprachen" übersetzbar ist?

König: Gerade den Hinweis auf die Lebensalter halte ich für bedeutsam. Es ist klar, daß auf verschiedenen Stufen der menschlichen Entwicklung die Bibel in ganz anderer Weise erklärt, gesagt, mitgeteilt werden muß. Das Kind kann sie nur auf kindliche Weise verstehen, dem Mann oder der Frau mit einer Allgemeinbildung mittleren Grades kann ich Verschiedenes, was den Evolutionsprozeß angeht, nicht als erklärenden Kommentar vermitteln. Der Forscher, der Gelehrte, der Kernphysiker wird das mit ganz anderen Augen sehen. Er liest den Text, um herauszufinden, was ihm der Autor sagen wollte. Er wird Synthesen versuchen zwischen dem, was er aus seinem Welt- und Menschenbild heraus erkennt, und dem, was ihm hier die Bibel sagt."


(für Interessierte, hier noch das Vorgespräch zum Thema)
--> http://hoimar-von-ditfurth.de/gespra...itfurth.pdf