Fruchtrad zum Erntedankfest, gestaltet von den Landfrauen Wietzendorf, Niede ...
Fruchtrad zum Erntedankfest, gestaltet von den Landfrauen Wietzendorf, NiedersachsenFoto-Quelle: Oxfordian Kissuth unter https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/

Können wir Erntedank feiern? (vgl. Lk 12,15-21)

Beitrag von wize.life-Nutzer

Hütet euch vor jeder Art von Habgier. Das ist die zentrale Botschaft des Evangeliums heute. Aber wenn ich jetzt durch die Reihen gehen würde mit dem Mikrofon und fragen würde, wer sich persönlich als habgierig bezeichnen würde, würde sich wohl kaum jemand als solcher bezeichnen.
Habgier, das sagen meist die anderen, die Neider, die Glücklosen zu denen, denen es eben gut geht und die sich einen behaglichen Lebensstandard leisten können.
Wohlgemerkt, Jesus verurteilt nicht die Wohlhabenden, die Fleißigen und solche, die verantwortungsbewusst mit ihrer Habe umgehen. Jesus ermahnt eindringlich solche, die ihr Glück im Reichtum suchen, die sich der Not anderer verschließen, wie wir es im Gleichnis vom armen Lazarus und dem reichen Prasser hören können.
Im Alten Testament wurde der Reichtum grundsätzlich als eine Gabe Gottes, ja sogar als Segen des Himmels betrachtet. Den Gottgefälligen und Gerechten geht es gut aufgrund ihres Lebenswandels.

Kann man das heute auch noch sagen?

Kann man ohne weiteres sagen, dass die Millionäre und Milliardäre aufgrund ihres guten Lebenswandels zu solchem Reichtum gekommen sind? Oder besteht nicht immer der heim­liche Verdacht, dass sie ihre Arbeiter ungerecht bezahlt oder sogar ausgebeutet haben?
Geht es uns in Deutschland so gut, weil wir alle in gottesfürchti­gem Fleiß vieles erwerben konnten oder besteht nicht eher der Verdacht, dass wir durch ungerechte Wirtschaftsstrukturen und Marktmacht zu den reichsten Nationen weltweit gehören?

Heute wird in unserer Gemeinde das Erntedankfest gefeiert.

Ich muss Ihnen gestehen, dass es für mich ein schwieriges Fest ist. Klar, wir feiern vor allem, dass wir genug zum Leben haben und dass wir darin die Liebe Gottes erkennen und IHM dafür danken wollen.
Und dennoch ist es schwierig für mich, unter welchen Rahmen­bedingungen wir unseren Wohlstand genießen. Es ist nämlich nicht nur ein Wohlstand, sondern ein kollektiver Überfluss, der zu einer Verschwendung führt, die zum Himmel schreit.
In Deutschland werden jährlich 11 Mio. Tonnen Lebensmittel weggeworfen. Das ist ein Güterzug von hier bis nach Sibirien. Jedes Jahr und nur in Deutschland. Soll Erntedank heißen, dass wir auch für diese 11 Mio. Tonnen Wegwerfware danken?

Aber warum wird so viel weggeworfen?

1. Es ist politisch so gewollt, dass die Lebensmittel billig verkauft werden und deshalb stark subventioniert werden bei den Erzeugern. Billige Lebensmittel sind damit in den Augen der Konsumenten wenig wert, was aber nicht stimmt. Vergleichs­weise wertlose Lebensmittel werden im persönlichen Empfinden leichter weggeworfen als teure.
2. Damit an der Ladentheke immer reichlich Auswahl ist, werden mehr Lebensmittel produziert als tatsächlich notwendig. Früher hatte z.B. der Bäcker am Abend seine Brote nahezu ausverkauft. Das wusste man und man wartete deshalb nicht bis in die Abendstunden, um einzukaufen. Heute hingegen sind auch noch kurz vor Geschäftsschluss die Regale voll, denn der Kunde soll ja immer reichliche Auswahl haben. Nach Geschäftsschluss wird die übrig gebliebene Ware „entsorgt“, zu deutsch: weggeworfen.
3. Durch die Lebensmittel-Subventionen in der EU haben die Erzeuger aus der Dritten Welt keine Chance, ihre Agrarprodukte bei uns zu verkaufen. Das hat zur Folge, dass die armen Länder arm bleiben oder noch ärmer werden. Deren Erntedank-Fest sieht dann natürlich sehr viel ärmer aus als das unsere.
Das Schlimme an dieser Situation ist für mich, dass wir uns an dieses von der EU diktierte System gewöhnt haben. Es geht uns ja gut damit, noch...
4. Jährlich verhungern weltweit Millionen von Menschen und Unzählige sind unterernährt. Das ist aber nicht die Folge von Naturereignissen, sondern es ist die Folge von Kriegen. Kriege, die nicht nur mit Waffengewalt geführt werden, sondern auch mit Marktmacht und kapitalistischen Methoden.
Deutschland ist der drittgrößte Waffenexporteur in der Welt und wir brauchen uns nicht zu wundern, wenn diese auch zum Einsatz kommen gegen friedliche Bauern, gegen aufständische Arme und gegen Menschen, die um ihr Überleben kämpfen.
Natürlich ist es schön, wenn hierzulande tausende von Hightec-Ingenieuren ein gutes Geld für ihre Familien verdienen können. Der große Nachteil ist nur, dass sie Waffen produzieren.
Und offensichtlich gibt es keinen politischen Willen dafür, diese Arbeitsplätze umzufunktionieren, damit diese Männer und Frauen zum Wohl der Menschen arbeiten statt zum Elend und zur Vernichtung von Leben und dessen Grundlagen.
Können denn Menschen in Politik und Wirtschaft das Erntedank-Fest zur Ehre Gottes feiern, wenn die Erträge ihrer Arbeit keineswegs segensreich für die Menschen sind?
Wie gut, dass wir noch den Mut haben, den Erntedank zu feiern in dieser verrückten Welt. Aber wir dürfen dabei nicht nur den kindlichen Glauben haben, alles lässt der liebe Gott wachsen für uns. Er möchte es auch für alle anderen Menschen wachsen lassen und wir müssen alles Mögliche tun, damit es auch bei den Notleidenden ankommt, was wächst für alle.
Für mich ist deswegen das Erntedank-Fest ein höchst politischer Event. Wir dürfen uns nicht von den Billigangeboten der Super­märkte einlullen lassen, sondern wir müssen unsere Politiker zur Vernunft bringen. Hunger ist von Menschen gemacht!
Und die müssen wir zur Verantwortung ziehen. Politiker, die das Subventionssystem der EU für gut heißen, sind nicht mehr wähl­bar, egal wie freundlich ihr Lächeln vor der Fernsehkamera ist.
„Ich war hungrig...“, das ist die Frage des Endgerichtes, das hat uns Jesus geoffenbart. Und die Antwort auf diese Frage entscheidet sich nicht nur vor dem Spendenkörbchen, sondern auch am Abfalleimer und im Wahllokal.
Ich glaube sogar, sie entscheidet sich viel mehr im Wahllokal...

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