Maiskolben
MaiskolbenFoto-Quelle: Mirko Waltermann / www.pixelio.de

Erntedankfest - das Bedürfnis Danke zu sagen

Beitrag von wize.life-Nutzer

Am Erntedankfest bedanken sich die Menschen bei Gott für die Erde und ihre Früchte und für die Fülle an Früchten und Nahrungsmitteln, die es bei uns gibt.

Das diesjährige Erntedankfest ist am Sonntag, 05. Oktober 2014

Für die Ernte zu Danken und es zu Feiern hat folgenden Ursprung:
Der Mensch sieht sich als Teil der göttlichen Schöpfung und somit dem Schöpfer zu Dank verpflichtet, für die Nahrung, die er aus der Natur erhält.
Bei der Nahrungsgewinnung erfährt sich der Mensch zusätzlich als abhängig von der Natur und seinem Kreislauf. Auch deswegen wird er dankbar und es ist ein Grund zum Feiern.

Früher lebten die Menschen auch zu über 80 % auf dem Land und vom Land. Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts waren die Bauern der größte Anteil an der Bevölkerung. Sie waren stark abhängig von der Ernte und es sicherte ihr Überleben im Winter. Das „tägliche Brot“ musste hart erarbeitet werden, das nackte Überleben hing schließlich davon ab und deshalb wurde schon sehr früh für die Fülle an Früchten und Nahrungsmitteln gedankt.

Das älteste Fest der Menschheit


Das Erntedankfest ist auch deswegen eines der ältesten Feste der Menschheit und geht schon auf vorchristliche Religionen zurück. Im Judentum das Sukkot (Laubhüttenfest) und bei den Römern feierte man auch schon immer im Herbst die Ernte. Ihre Göttin des Ackerbaus, der Fruchtbarkeit und der Ehe hieß Ceres Die Wörter Cerealie für Getreide und Frühstücksprodukte sowie Cervisia für Bier wurden davon abgeleitet. Die Kelten hatten ihr Kornfest und die Germanen ihr Scheiding – Haustblot . Die alten Ägypter hatten das Schemu und das Minfest und im antiken Griechenland wurde Demeter die Göttin der Erdfruchtbarkeit angebetet.

Die Ernte - Ein Grund zur Freude in allen Kulturen


Auch in jedem anderen Kulturkreis gab und gibt es Feste. Die Tamilen feiern das Pongal . In Japan gibt es das Matsuri . Im Hinduismus gibt es Makar Sankranti. In China, Vietnam und Taiwan werden Mondfeste gefeiert, mit denen die Seelen der Verstorbenen geehrt und Erntedank gefeiert wird.
Nicht zu vergessen das Thanksgiving in den USA, ein wichtiger staatlicher Feiertag – ein Dankfest nicht nur für die Ernte, sondern für alles Gute und allen Erfolg.

Auf jeden Fall ist es so, dass die Menschen seit ca. 5000 Jahren das Bedürfnis hatten und haben für die Erntegaben zu danken beziehungsweise zu bitten.

Brauchtum Erntedankfest


Das bei uns verbreitete Erntedankfest geht vermutlich auf römisches Brauchtum zurück und wird seit dem 3. Jahrhundert nach Christi Geburt gefeiert. Die Feierlichkeiten, welche oft in einer Kirche gefeiert werden, werden von vielen Ernteerzeugnissen begleitet. Die Kirche und andere Orte und Gegenstände werden mit Ernteprodukten dekorativ geschmückt. Es werden große Kränze geflochten, Blumen, Getreide und Obst werden frisch oder getrocknet ansprechend zur Schau gestellt.
Es gibt Jahrmärkte, Feste, Tanzveranstaltungen, Strohpuppen, der Almabtrieb in den Bergen gehört auch dazu und in den Weinanbaugebieten feiern die Winzer den Abschluss der Weinlese. Auch sind im Herbst, nach der Ernte viele Kirchweihfeste (auch Kirmes, Kirta, Kerw, Kerwe oder Kilbe genannt)


Ist Danken für die Ernte noch zeitgemäß?


Wie es nun in unser jetzigen Zeit?
Wir haben Nahrungsmittel in Hülle und Fülle. Lebensmittel werden überproduziert und oft wird weggeworfen was wir für zu alt und nicht mehr genießbar halten. Warum auch Altes essen, es gibt doch jeden Tag Frisches. Nur einwandfreie Ware, die schön und perfekt aussieht und frisch ist. Warum den Apfel mit Flecken essen, der auch noch nicht ganz rund ist, wenn es für den gleichen Preis jede Menge perfekt geformte Äpfel gibt?
Vorräte brauchen wir auch nicht mehr, schon gar nicht für einen ganzen Winter, mit dem wir dann auch noch hinkommen müssen.
Die Ernte wird nicht mehr geschätzt, außer wenn durch schlechtes Wetter die Preise für gewisse Waren mal ansteigen. Es gibt schon Leute die den Zusammenhang zwischen säen, anbauen, ernten und dem dazugehörigen Lebensmittel nicht mehr so nachvollziehen können. Getreide, z.B. Mais wird zum Teil nur zum Verheizen an gebaut oder als Antriebsmittel für Motoren. Die Arbeit von Bauern und Landwirten erfährt immer weniger Wertschätzung.
Standardisierte Massenware aus dem Discounter ist zwar begehrt, doch wird wohl kaum noch geschätzt. Eher das Gegenteil: es wird gering geschätzt. Achtlos, ja nahezu abschätzig und abwertend gehen wir mit der Billigware um.

Wir können jeden Tag aus einer großen Fülle schöpfen und uns immer satt essen. Das ist aber nicht in jedem Land so. In vielen Länder herrscht immer wieder oder sogar ständig Knappheit an Lebensmittel und dort ist die gute Ernte noch immer lebenswichtig.

Für welche Ernte noch danken?


Ist also das Erntedankfest in Deutschland überflüssig geworden?
Brauchen wir nicht mehr für unsere Ernte, unsere Lebensmittel, Danke zu sagen, wem auch immer? Doch eigentlich schon. Durch die Globalisierung und weltweite Handelsbeziehungen erhält das Fest nur eine andere Richtung:

Das "Teilen" der Ernte, ein Aspekt der schon immer mit dem Erntedankfest verbunden wurde, rückt heute oft mehr in den Vordergrund. Viele Gemeinden gedenken an diesem Tag der hungernden Teile der Weltbevölkerung und sammeln in ihren Kollekten für "Brot für die Welt" oder ähnliche Organisationen.

Die Lebensmittelskandale der vergangenen Jahre machen uns bewusst, dass der Dank für die Ernte verbunden ist mit verantwortlichem ökologischen Handeln. Gesunde, unbedenkliche Lebensmittel sind "Luxusgüter" geworden. Damit wir in den westlichen Industrieländern immer mit allen erdenklichen Lebensmittel zu jeder Jahreszeit versorgt werden können, müssen in anderen Ländern oft die Anbauer und Ernter unter unmenschlichen Bedingungen arbeiten. Die allgemeinen und weitestgehend selbst verursachten Klimaveränderungen und dadurch vermehrt auftretenden Naturkatastrophen stellen unsere als sicher geglaubte Nahrungs- und Energieversorgung langfristig wieder in Frage.

Wir ernten nicht nur Lebensmittel

Ein Synonym für „ernten“ ist „bekommen“ Und „Ernte bedeutet „Einbringen der Frucht“. So werden die Wörter ernten und Ernte oft im übertragenen Sinne dafür gebraucht, etwas zu bekommen und zumeist, etwas bekommen wofür man früher die Grundlage gelegt hat. (Also, genau so, wie man erst säen muss, dann hegen, um später zu ernten). So kann man die Früchte der Erziehung ernten, die der gründlichen Arbeit, Beifall für einen Vortrag ernten, Lob ernten, aber auch Tadel für ein Verhalten, den Gewinn für ein gutes Spiel un d vieles mehr

Dankbar sein für.....


Viele Studien zeigen inzwischen, das Dankbarkeit zu innerer Harmonie und zu innerem Frieden führt. Wenn wir dankbar sind und sein können, dann macht sich ein tiefes Gefühl der Befriedigung, der Zufriedenheit und der Freude in uns breit. (siehe auch Dr. Doris Wolf, Diplom-Psychologin . Ist vielleicht auch deswegen, dass Erntedankfest eines der ältesten Feste der Menschheit?

Wenn wir für die Ernte nicht mehr dankbar sein müssen oder können oder wollen, können wir dieses Fest dann nicht dafür nutzen um für etwas anderes dankbar zu sein?
Wofür kann man, kann ich dankbar sein?
Vielleicht für:
meinen Partner, meine Kinder, dass meine Arbeit Spaß macht, meine Sinne, das ich sehen, hören, riechen, schmecken kann, den Sonnenuntergang, die netten Kollegen, Hilfe von Freunden, mein Haustier, Gesundheit, mein Zuhause, etwas gut Gelungenes, die Musik, die Zeit die einem noch bleibt, den Erfolg, ein Geschenk, die schöne Erinnerung, ….....

DANKE ist der schönste GeDANKE.
(Jürgen Tesch)

.
Zum Schluss ein Gedicht von Friedrich Hebbel (1813-1863)
Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah!
Die Luft ist still, als atmete man kaum,
Und dennoch fallen raschelnd, fern und nah,
Die schönsten Früchte ab von jedem Baum.

O stört sie nicht, die Feier der Natur!
Dies ist die Lese, die sie selber hält,
Denn heute löst sich von den Zweigen nur,
Was vor dem milden Strahl der Sonne fällt.


Themenchat


„Das Erntedankfest: "Für was sind wir heutzutage noch dankbar?"
haben wir auch im Themenchat am Montag, 06. Oktober 2014 im Gespräch und Austausch ergründet und diskutiert.

Viele gute Beiträge von seniorbook-Nutzern kamen so zusammen.
Man war sich einig, am besten nur noch regional und saisonal, sowie gezielt einzukaufen, Lebensmittel mehr wertzuschätzen. Was man nicht braucht an Bedürftige zu geben.

Zum Thema danken und dankbar sein kamen sehr viele Meinungen zusammen. Man kann nicht nur am Erntedankfest danken für das Essen, sondern das ganze Jahr dankbar sein, auch für so wunderbare Dinge, wie Gesundheit, nicht mehr krank sein, für geliebte Menschen, für alltägliche Dinge, für Erfahrungen, auch für negative, weil sie einen stärken und prägen.
Auf den Punkt gebracht wurde es so:
dankbar sein ist auch Wertschätzung - Wertschätzung macht zufrieden und macht Freude, ergo: dankbar sein ist Zufriedenheit und Freude!

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Quellen und Links zum Weiterlesen und Recherchieren:

Das Erntedankfest - Herbstlicher Brauch mit langer Tradition
Brauchwiki – Erntedankfest
Kirchliches Festjahr – Erntedankfest
Evangelisches Johannesstift - Hintergrundinformationen zum Erntedankfest
Wikipedia – Erntedankfest
katholisch.de – Erntedank
lebenlernenlieben – Dankbarkeit
Wikipedia – Dankbarkeit
Studie - Die Rolle der Dankbarkeit in der Entwicklung der sozialen Unterstützung, Stress und Depressionen in englisch
Selbsthilfeberatung von Doris Wolf, Psychotherapeutin zur Dankbarkeit
Dorfpastors Blogpost - Erntedankfest unzustellbar?