Wieder mal Erntedankfest / Die Realität

Beitrag von wize.life-Nutzer

Die Kirchengemeinde lädt zur Andacht unter freiem Himmel, anschließend gibt es Würstchen vom Grill und Kuchen

Als Leitmotiv passt das Kirchenlied von Matthias Claudius: „Im Anfang war’s auf Erden nur finster, wüst, und leer; und sollt was sein und werden, musst es woanders her.“

Der Nachbar pfeift auf geistlichen Beistand und hat profanere Sorgen. Die Pflaumen sind ihm am Baum verfault, die Johannisbeeren hatten Spinnmilben und die Kirschen „Würm“, womit er die Maden der Kirschfruchtfliege meint. Nur seine zehn Apfelbäume haben getragen wie nichts Gutes. War aber auch nicht recht, weil er nicht weiß, wohin damit. Früher hat er das Zeug zum Mosten gebracht, doch da kriegt er heute keine zwei Euro mehr für den Zentner. „Ich bin doch nicht blöd“, sagt er und harkt die Äpfel zu Haufen, damit sie schneller vergammeln. Der deutsche Fruchthandelsverband prophezeit dieses Jahr eine Rekordernte, zurzeit sind mehr als eine Million Tonnen Äpfel zu viel am Markt. Noch ärger trifft es die polnischen Obstbauern, die einen Großteil normalerweise nach Russland exportieren, was jetzt wegen der Ukraine-Krise unter Boykott fällt. Den polnischen Apfelsegen zu Saft zu pressen lohnt sich auch nicht, weil China mittlerweile so viel Apfelsaftkonzentrat produziert wie der ganze Rest der Welt zusammen.

Chinesische Äpfel haben zwar wenig Aroma und sind viel zu süß, doch das lässt sich durch Zugabe von Zitronensäure ausgleichen. So kommt es, dass die Apfelsaftschorle, die der Nachbar gegen den Durst trinkt, um die halbe Welt gereist ist, während das Gelump von seinen eigenen Bäumen vor sich hin rottet.

Ein gut gewachsener Weißer Wintercalvill kostete Ende des 19. Jahrhunderts mehr als eine Reichsmark, die Früchte wurden einzeln in Seidenpapier gewickelt und ans russische Zarenhaus geliefert.

An die Stelle des königlichen Apfels, der die Tafel schmückt, ist der plebejische Kürbis getreten. Vor dem Altar und vor jedem Landgasthof stapeln sich die nutzlosen Plutzer. „Dumm wie ein Kürbis“, sagt der Österreicher. Der kulinarische Wert des Kürbisses geht gegen null. Die Bibel erwähnt ihn an keiner Stelle.